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Praktikum auf der Notaufnahme – von Studenten und Schwestern

Veröffentlicht am

Nach vier Wochen verabschiedete ich mich von der Rettungswache und trat mein Praktikum im Krankenhaus an. Laut des Vertrags standen vier Stationen an, die nacheinander durchlaufen werden sollten: Die Notaufnahme, die Intensivstation, der OP und der Kreißsaal. Mike, Tess und Mona schenkten mir zum Abschied einen rosa Teddybären, den sie mit einem Verband eingewickelt hatten. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass er während meines Umzugs wegen des Studiums verloren ging. An dieser Stelle also: Entschuldigung, Mike, Tess und Mona. Ich hab mich trotzdem sehr gefreut.

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Als ich das erste Mal aus der U-Bahn stieg und vor dem Krankenhaus stand, war ich ein wenig eingeschüchtert. Es war einfach riesig. Nach der kleinen Rettungswache, die aus einem kleinen Fernsehzimmer, einem Schlafzimmer und einer Küche bestand, erschien mir das Krankenhaus geradezu gigantisch. Mit einigen Umwegen erreichte ich schließlich das Büro der Pflegedienstleitung. Dort bekam ich meinen Wäschereiausweis, ein Namensschild und einen Geländeplan. Mein Praktikum sollte auf der Notaufnahme beginnen, auf die ich sehr gespannt war.

Dort angekommen, wurde meine Freude jedoch ein wenig gedämpft. Die Schwestern zogen Gesichter, als hätte ich mir mit ihren Kasacks die Nase geputzt. Der Gedanke, eine unwissende Praktikantin herumzuführen und im Auge behalten zu müssen, erschien ihnen offenbar nicht so spannend wie mir. Gitta, eine Frau mit großem Kinn und kleinen Augen, zuckte mit den Schultern. “Dann komm halt mit.”

Anne, die von meiner Gegenwart ebenfalls nicht allzu angetan war, füllte gemeinsam mit Gitta die Regale und Verbandswagen der zwölf Behandlungsräume auf und erzählte dabei von der Geburtstagsfeier ihres Sohnes. Die beiden Frauen sahen mich kein einziges Mal an, während sie ihre morgendliche Routine abarbeiteten, also stellte ich auch keine Fragen. Auf der Rettungswache hatte es einen Rettungsassistenten namens Ingo gegeben, der prinzipiell keine Praktikanten mochte. Ich hatte gelernt, einfach den Mund zu halten und die Dinge zu erledigen, die man mir zuwies, wenn ich als Arbeitskraft nicht erwünscht war. Ich verließ mich darauf, dass sich die Schwestern schon an mich gewöhnen würden. In einem der Behandlungszimmer trafen wir auf eine junge Schwester, die mich freundlich begrüßte. Wir unterhielten uns kurz, bevor Gitta und Anne in den nächsten Behandlungsraum gingen und ich erfuhr, dass sie Sanne hieß und Schwesternschülerin im zweiten Lernjahr war.

“Lass dich hier nicht unterkriegen”, flüsterte sie mir zum Abschied zu. “Die Schwestern hier sind einfach alle gestresst und sauer, weil erst vor kurzem Stellen gestrichen wurden. Bist du Medizinstudentin?”

“Nein, ich mach mein Praktikum für den Rettungsdienst”, gab ich ebenso leise zurück.

“Da hast du ja nochmal Glück gehabt.” Sanne grinste. “Bis nachher, man sieht sich bestimmt. So groß ist die Station ja nicht.”

Sannes Hinweis auf den Umgang mit Medizinstudenten hatte ich schon häufiger von unseren Dozenten gehört. Man hatte uns geraten, den Schwestern nicht auf die Nase zu binden, dass wir unter Umständen ein Medizinstudium planten, um die Atmosphäre nicht unnötig zu beeinträchtigen. Kati, ein Mädchen aus meiner Rettungsdienstklasse, hatte vor Beginn der Ausbildung bereits ein Pflegepraktikum absolviert. Sie hatte auf der Station sehr schlechte Erfahrungen mit den Schwestern gemacht, nachdem sie ihnen lang und breit erklärt hatte, welche Facharztausbildung sie später einmal absolvieren wollte. Man muss dazu sagen, dass Kati dazu neigt, ihre Mitmenschen von oben herab zu behandeln. An der Stelle der Schwestern wären mir ihre Ausführungen vermutlich auch auf die Nerven gegangen. Es kommt nicht unbedingt darauf an, die Schwestern hinsichtlich der eigenen Zukunftspläne zu belügen. Aber vielleicht sollte man sich erst einmal die Zeit nehmen und sich in sein Gegenüber hineinversetzen, wenn man das erste Mal eine Krankenhausstation betritt.

Wenn ich als Abiturientin vor eine gestandene Krankenschwester trete, die vielleicht schon jahrzehntelang diese körperlich und psychisch anstrengende Arbeit im Schichtsystem verrichtet, sollte ich sie mit dem Respekt behandeln, den ich mir im Miteinander von ihr wünsche. Ich bin Neuling auf ihrem Gebiet. Ich kann aber  von ihrer Erfahrung profitieren und lernen, wenn ich ihr das Gefühl gebe, dass ich sie achte. Das klingt selbstverständlich, ist im Krankenhaus aber leider nicht immer der Fall. Oftmals habe ich mich für das Auftreten von Medizinstudenten geschämt, die ihre Famulatur im Krankenhaus abgeleistet und deshalb meinen Weg gekreuzt haben.

Natürlich haben es Medizinstudenten im Krankenhaus schwer. Sich in dem hierarchischen Umfeld eines Krankenhauses zurecht zu finden ist am Anfang sehr schwierig und kompliziert. Auf der einen Seite möchten sie dem Bild des angehenden Arztes gerecht werden und müssen sich dafür natürlich auch von den Schwestern und Pflegern abgrenzen. Auf der anderen Seite sind sie unsicher gegenüber den Patienten und haben Angst, einen schweren Fehler in der Behandlung zu machen. Auch wenn meist darauf geachtet wird, dass Studenten keine Aufgaben übernehmen, die ernsthafte Konsequenzen für den Patienten haben können, ohne dabei unter Aufsicht zu stehen, fährt die Angst immer mit. Zu der Angst gesellt sich ein bisher unbekanntes Gefühl von Verantwortung, Macht und Wissen, was leicht in Überheblichkeit ausarten kann. Ich habe viele sehr nette Studenten kennengelernt, die bis zuletzt bescheiden und respektvoll blieben. Aber ich habe auch die Bekannschaft von Studenten gemacht, die einer der Gründe sind, weshalb manche Schwestern allergisch auf Lernende aus der Uni reagieren. Man kann sich nicht mit jedem verstehen, aber man kann guten Willen zeigen.

Gitta und Anne redeten den ganzen Vormittag nicht mit mir, bis wir uns bei der Mittagspause zwangsläufig zusammensetzen mussten und Anne mir die alles entscheidende Frage stellte:

“Bist du Studentin?”

Ich schüttelte den Kopf. “Nein, ich mache eine Ausbildung im Rettungsdienst.”

Man sah förmlich, wie sich Gittas großes Kinn entspannte. “Ach so. Und wie heißt du?”

Wir unterhielten uns erstaunlich nett über alltägliche Belanglosigkeiten. Als die Mittagspause vorüber war und wir auf die Station zurückkehrten, verfielen wir zwar wieder ins Schweigen, doch ab und an zeigten Gitta oder Anne auf einen Mitarbeiter oder ein Gerät und erklärten mir ein wenig den Krankenhausalltag. Erleichtert begleitete ich die beiden Schwestern bei ihrer Arbeit und bemühte mich, möglichst viele ihrer Handgriffe zu behalten. Sie hatten ihre kleinen Tricks, Venen besser aufzuspüren, das Abhören des Brustkorbs zu beschleunigen, Bettpfannen geschickt unter die Patienten zu schieben und störrische Patienten abzulenken.

Nachdem das Eis gebrochen war, verging der Tag schnell. In den nachfolgenden Schichten sprach ich das erste Mal mit einem Todgeweihten, bewachte mit der Polizei einen Mann mit Kopfschusswunde und hielt eine verwirrte Frau davon ab, mir in die Hände zu beißen. Doch dazu komme ich das nächste Mal.

About these ads

Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

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  1. Ein Mann mit Kopfschusswunde, ha?
    Ich werde auf deinen nächsten Post warten ^-^*

    Antwort
  2. :) Ich werde versuchen, es bis morgen zu schaffen. Dir einen schönen Abend!

    Antwort
  3. ich kann es nicht verstehen, wenn Medizinstudenten schon in diesem frühen Stadium ihrer Ausbildung so hochnäsig gegenüber der Pflege werden. Was sie sich damit nur alles verbauen – Zugang zu Wissen, zu Hilfe und zu Unterstützung. Während den Famulaturen, während des Praktischen Jahres und v.a. dann als junger Arzt, der immer gerne auf die Hilfe der viel erfahreneren Schwestern zurückgreifen kann.

    Ich finde, man sollte sich mit der Pflege partnerschaftlich stellen – natürlich sind dafür gute Absichten von beiden Seiten wichtig. Aber bisher habe ich in allen Famulaturen und im bisherigen PJ nur gute Erfahrungen mit der Pflege gemacht. Und hoffe, dass ich weiterhin den guten Draht zu den Schwestern halten kann. Denn sie sind eine soooo unendlich unbezahlbare Hilfe! :)

    Antwort
    • Dann zählst du wohl zu den Studenten, die den Umgang angenehm gestalten. Das finde ich gut, mach auf jeden Fall weiter so! Ich denke schon, dass es als Student oft schwer sein kann, sich die Anerkennung der Kollegen zu verdienen. Und ich habe Studenten getroffen, die das leider über das Anfeinden der Pflege versucht haben. Irgendwie war es bei uns im Krankenhaus normal, dass sich die Ärzte (und somit auch die Studenten) über die Pflege mokieren. Das ist bestimmt auch von Krankenhaus zu Krankenhaus verschieden. Dann bist du momentan im PJ?
      Dafür wünsche ich dir noch viel Erfolg!

      Antwort
      • ich habe vor zwei Wochen mein PJ begonnen, derzeit das Tertial Innere und aktuell noch eine Woche auf der Onko eingeteilt (Infos im Blog bzw. Geschichten auf arztanbord.wordpress.com) :)

        Einige meiner Mitstudenten haben auch schon den Hochnäsigkeitsfaktor entwickelt, der sie von oben herab auf die Pflege blicken lässt. Das kann ich nicht verstehen. Aber so sind manche Menschen halt – fühlen sich als was Besseres, nur weil sie weiße Kittel tragen.

      • Ah, cool! Na, in dem Blog lese ich sowieso mit. :) Witzig.
        Dann werden wir wohl noch öfter voneinander hören!

  4. dann hab ich ja schon mal was ganz wichtiges falsch gemacht und bin voll in das Fettnäpfchen “Medizinstudent” hinein gepflascht…. hoffe das wird nicht ganz üble Konsequenzen haben für mich ;)

    Antwort
    • Ach was. :) Kommt ja darauf an, wie du den Schwestern begegnest, nicht was du bist. Und nicht alle Schwestern reagieren gleich. Wenn du bisher keine Probleme hattest, ist doch alles super. Ich drücke dir für friedliche Arbeitstage weiterhin die Daumen!

      Antwort
  5. also ich hab jetzt die erfahrung gemacht, dass viele grundsaetzlich auf medizinstudenten allergisch reagieren. ich hab mein pflegepraktikum auf 2 verschiedenen stationen gemacht, und wuerde eigentlich schon sagen, dass ich was lernen wollte, aber beigebracht haben mir die schwesternschueler (die meistens ja auch nicht so super behandelt werden, warum auch immer) oder die pjler.. und ich hab die erfahrung gemacht, dass man wirklich nicht mal sagen darf, dass man medizin studiert, wahrscheinlich nicht mal, wenn man gefragt wird. weil sie erst super freundlich zu einem sind und dann verdunkelt sich die miene..

    Antwort
    • ja wir PJ’ler sind die Lieben :p Wir fühlen den “Lehrauftrag” noch, den wir selber leider viel zu selten erleben :)

      Ich kanns nicht verstehen, wie die Pflege so schnell umschlägt in ihrer Haltung zu uns Studenten…. eigentlich ja auch ein Eigentor, wenn man mal bedenkt, dass wir in 5-6 Jahren dann deren Chefs sind und sie nach unseren Anordnungen “tanzen” müssen :p (ok, überspitzt formuliert, aber irgendwie ja doch ein wenig wahrer Funken)

      Antwort
  6. DamenundHerrenschneiderin

    Hier möchte ich doch einmal kurz widersprechen….
    Der Arzt ist nicht der Chef des Pflegepersonals! Es gibt zwei völlig getrennte Hierarchieebenen, die des ärztlichen Personals (PJ, Assistenzarzt, Oberarzt, Chefarzt) und die der Pflege (Schüler/in, Schwester/Pfleger, Stationsleitung, Pflegedienstleitung). Als Arzt bin ich in medizinischen Belangen zwar weisungsbefugt und bis zu einem gewissen Punkt auch verantwortlich, aber ich bin sicher nicht “der Chef” ;-)
    Und ich kann aus meiner eigenen Erfahrung nur sagen, dass ich von altgedienten Pflegenden schon um einiges mehr gelernt und Hilfe erfahren habe, als von ärztlichen Kollegen. :)

    Antwort
    • Das ist natürlich richtig. Ich habe auch von einigen anderen Azubis andere Geschichten gehört, die teilweise erheblich von meinen Erfahrungen abgewichen sind. Bei meiner Freundin gab es im Krankenhaus beispielsweise eine Schwester, die sich grundsätzlich erst einmal um die angehenden Ärzte gekümmert und sie geschult hat, bevor sie ihre ersten Schritte allein tun durften. Von den übrigen Ärzten wurde diese Rangordnung geduldet, weil sie eine sehr einnehmende und mütterliche Art hatte.
      Das ist wohl einfach von Krankenhaus zu Krankenhaus verschieden.
      Aber vielen Dank für deine Anmerkung und deinen Widerspruch. :)
      Ich freue mich immer, wenn ich Rückmeldung von Menschen “vom Fach” bekomme!

      Antwort

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