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Monatsarchiv: September 2012

Praktikum auf der Notaufnahme – Wir sind nicht zum Kämpfen hier

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Zu meinem fünfzehnten Geburtstag legte sich in meinem Kopf ein Schalter um. Ich musste unbedingt und auf der Stelle einen Sport anfangen, der mich im Alltag unterstützte und nachts gut schlafen ließ. Also fragte ich meinen Vater, ob er mich zu seinem Boxverein mitnahm. Er war sofort begeistert von dem Gedanken, seine eigene Tochter trainieren zu können und vereinbarte mit mir zwei Trainingseinheiten pro Woche. Die ersten Wochen konnte ich vor lauter Muskelkater nicht einmal mehr Marmeladengläser aufschrauben oder mich schmerzfrei im Bett auf die andere Seite drehen. Doch es war schön, einen gemeinsamen Nenner mit meinem Vater zu haben und darüber einen entspannteren Umgang pflegen zu können. Jahrelang blieb ich dem Boxsport treu. Er brachte viele angenehme Veränderungen in mein Leben. Mein Selbstbewusstsein wuchs, ebenso mein Vertrauen in meine Fähigkeiten. Mit 17 lernte ich während des Trainings einen großen und schönen Mann kennen, mit dem ich inzwischen eine Wohnung und mein Leben teile. Und mit 20, während des Praktikums auf der Notaufnahme, hatte ich weniger Hemmungen, mich gegen aggressive Patienten zur Wehr zu setzen.

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Wenn Sanne sich mit diesem bestimmten Gesichtsausdruck aus einem Behandlungszimmer schlich, gab es folgende Möglichkeiten: Der Patient entblößte ständig seine Geschlechtsteile, er beleidigte das Pflegepersonal in einer Lautstärke, die ihr unangenehm war, er war todkrank und wollte sich über den Tod unterhalten oder er schlug um sich wie vom Teufel besessen. Ich sortierte gerade Kanülen unterschiedlicher Größe in die Schubfächer der Nachfüllschränke ein, als sie leise die Tür des Zimmers hinter sich schloss. Als sich unsere Blicke trafen, zuckte sie ertappt zusammen. Sie deutete hinter sich und flüsterte: „Die ist mir ein bisschen zu wild. Ich soll noch mehr Waschlappen holen. Könntest du…?“ Lies den Rest dieses Beitrags

Praktikum auf der Notaufnahme – von weiten Pullovern und Rückenschmerzen

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Auf der Notaufnahme trifft man die interessantesten Leute mit fesselndsten Lebensgeschichten. Meine spannendste Patientin in der zweiten Praktikumswoche war eindeutig Jenny.

Als sie in Behandlungszimmer Drei geschoben wurde, versteckte ich schnell das Käsebrot, das ich mir heimlich mit Sanne geteilt hatte. Natürlich darf man in den Behandlungszimmern nicht essen. Das ist ein großes Problem für mich gewesen. Ich bekomme relativ schnell Hunger, esse dafür aber wenig. Ich brauche deshalb ab und an kleinere Portionen Nahrung, damit mein Magen nicht ständig knurrt und blubbert. Wenn Stoßzeit war und die Patienten nur so in die Notaufnahme geschwemmt wurden, blieb mein Speiseplan auf der Strecke. In Sanne hatte ich eine echte Leidensgenossin gefunden. Sie bekam ebenfalls schnell Hunger. Deshalb steckten wir uns zwischen den Behandlungen gegenseitig heimlich Kleinigkeiten zu, damit wir nicht vom Fleisch fielen.

Wir versteckte also das Käsebrot und warteten ab, welche Aufgaben der diensthabende Arzt uns zuweisen würde. Mein Lieblingsradiologie war in der heutigen Schicht der Ansprechpartner. Er war mir schon in der ersten Woche positiv aufgefallen, weil er mir seine Lieblingsröntgenaufnahmen vor die Nase gelegt und lang und breit erklärt hatte, wie es zu diesen Bildern gekommen war. Als Radiologe hatte er zu bestimmten Tageszeiten mehr Zeit und Muße, sich mit Praktikanten und Azubis auseinanderzusetzen. Unter den Lehrlingen im Krankenhaus war er aus diesem Grund sehr beliebt. Die Bilder trug er immer in seiner Brusttasche mit sich herum, was ihm den Rufnamen „Dr. Picture“ eingebracht hatte. Sie zeigten einen Magen, in dem sich ein Schlüssel befand, eine Aufnahme des situs inversus (die Organe sind hierbei spiegelverkehrt angeordnet), eine Aufnahme eines Darms, in dem ein Vibrator steckte und einen Hals, aus dem eine Schraube lugte. Lies den Rest dieses Beitrags

Praktikum auf der Notaufnahme – ein Gespräch übers Sterben

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Eines Morgens bat Sanne mich, einen Patienten für sie zu betreuen, damit sie der Visite auf der Intensivstation beiwohnen konnte. Sie hatte sich in einen Medizinstudenten verguckt, der dort eingeteilt war und nutzte jede Gelegenheit, ihm zufällig über den Weg zu laufen. Da ich sowieso nichts Anderes zu tun hatte, nahm ich die Akte entgegen und ging in Richtung Behandlungszimmer Fünf.

„Er braucht einen neuen Zugang und der Arzt will ein EKG!“, rief Sanne mir hinterher, während sie sich vor dem kleinen Spiegel im Pausenraum die Haare machte. „Und krieg keinen Schreck, er ist ziemlich gelb!“

Ich nickte, öffnete die Tür und bekam einen Schreck.

Der Patient war tatsächlich sehr gelb. Ich hatte schon Patienten mit einem Ikterus (was die fachliche Bezeichnung für die Gelbfärbung der Haut ist) gesehen, doch niemals war das Symptom so stark ausgeprägt gewesen wie bei diesem Mann. Er hatte kein einziges Haar mehr auf dem Kopf, Augenbrauen und Wimpern fehlten ebenfalls. Ein Blick in die Akte bestätigte meine Annahme: Leberkrebs in fortgeschrittenem Stadium. Lies den Rest dieses Beitrags

Praktikum auf der Notaufnahme – wie in einem schlechten Film

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Der Alltag auf der Notaufnahme war entgegen der durch die Medien verbreiteten Annahme nicht immer spannend. Die meisten Notfälle glichen sich. Schnittwunden, undefinierbare Bauchschmerzen, Atemnot, Kreislaufprobleme…diese Erscheinungen wiederholten sich am laufenden Band. Nach einer Woche hatte ich mich an die Abläufe gewöhnt und konnte die Schwestern und Pfleger bei ihrer Arbeit unterstützen, ohne komplett nutzlos im Hintergrund zu stehen. Ich machte die EKGs, legte Zugänge, erledigte Botengänge zum Labor und zum Röntgen, schob Patienten hin und her, leistete Patienten Gesellschaft, die allein in einem Behandlungszimmer warten mussten und war für alle kleineren Handgriffe zuständig, die von den Schwestern gern abgegeben wurden.

Inzwischen hatte ich festgestellt, dass ich es gut vertrug, Blut zu sehen. Auch in Massen, Pfützen und Augenhöhlen. Doch womit ich nicht gerechnet hatte, war die Intensität der Gerüche, die sich für mich als viel größeres Problem erwies. Eine ältere Patientin wurde in Behandlungszimmer Sechs geschoben. Schon beim Betreten des Zimmers drehte sich mir der Magen um. Lies den Rest dieses Beitrags

Praktikum auf der Notaufnahme – von Studenten und Schwestern

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Nach vier Wochen verabschiedete ich mich von der Rettungswache und trat mein Praktikum im Krankenhaus an. Laut des Vertrags standen vier Stationen an, die nacheinander durchlaufen werden sollten: Die Notaufnahme, die Intensivstation, der OP und der Kreißsaal. Mike, Tess und Mona schenkten mir zum Abschied einen rosa Teddybären, den sie mit einem Verband eingewickelt hatten. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass er während meines Umzugs wegen des Studiums verloren ging. An dieser Stelle also: Entschuldigung, Mike, Tess und Mona. Ich hab mich trotzdem sehr gefreut.

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Als ich das erste Mal aus der U-Bahn stieg und vor dem Krankenhaus stand, war ich ein wenig eingeschüchtert. Es war einfach riesig. Nach der kleinen Rettungswache, die aus einem kleinen Fernsehzimmer, einem Schlafzimmer und einer Küche bestand, erschien mir das Krankenhaus geradezu gigantisch. Mit einigen Umwegen erreichte ich schließlich das Büro der Pflegedienstleitung. Dort bekam ich meinen Wäschereiausweis, ein Namensschild und einen Geländeplan. Mein Praktikum sollte auf der Notaufnahme beginnen, auf die ich sehr gespannt war.

Dort angekommen, wurde meine Freude jedoch ein wenig gedämpft. Die Schwestern zogen Gesichter, als hätte ich mir mit ihren Kasacks die Nase geputzt. Der Gedanke, eine unwissende Praktikantin herumzuführen und im Auge behalten zu müssen, erschien ihnen offenbar nicht so spannend wie mir. Gitta, eine Frau mit großem Kinn und kleinen Augen, zuckte mit den Schultern. „Dann komm halt mit.“ Lies den Rest dieses Beitrags

Was ist der Tod im Rettungsdienst?

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Nachdem ich einige Todesfälle miterlebt und die Reaktionen der Rettungsdienstler darauf beobachtet hatte, versuchte ich mir ein Bild zu machen, was der Tod für die Menschen im Rettungsdienst bedeutet.

Wir wurden kurz vor Schichtende zu einem Notfall im nächsten Dorf gerufen. Eine alte Dame war gestürzt und nicht mehr aufgestanden. Mit offnenen Schnürsenkeln joggte ich zum Wagen und zog mir dabei die Handschuhe über. Ich mochte die Vorstellung nicht, ohne Handschuhe aus dem Auto zu klettern. Man wusste ja nie, was einen erwartete. Lies den Rest dieses Beitrags

Nach dem Tod ist vor dem Tod – Humor im Rettungsdienst

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Nach der Begegnung mit meiner ersten Leiche hatte sich mein Bild von der Arbeit im Rettungsdienst ein wenig normalisiert. Im theoretischen Ausbildungsteil kann man noch so häufig darauf hingewiesen werden, dass der Rettungsdienst derbe, oftmals unangenehm und undankbar ist – irgendwie geht man davon aus, dass es trotzdem ein bisschen so ist wie in Filmen. Dass die Angehörigen atemlos die Tür aufreißen, ein schnelles „Gott sei Dank, dass Sie da sind!“ hauchen und sich während der Maßnahmen kooperativ zeigen.

In der Wirklichkeit waren die Angehörigen oftmals ein größeres Problem als die Patienten selbst. Besonders in den Fällen, in denen der Patient nicht mehr in der Lage war, für sich selbst zu sprechen, wurden die Angehörigen zu einem allwissenden Ersatzsprachorgan.

„Mein Mann mag Krankenhäuser nicht!“, sagte die ältere Dame und verstellte die Haustür. „Sie können ihn hier behandeln, aber er verlässt das Haus nicht. Diese Krankenhausumgebung macht ihn nur noch kränker.“

Mona deutete auf das eingefallene und verzogene Gesicht des Mannes. „Ihr Mann hat einen Schlaganfall. Wir werden ihn in ein Krankenhaus bringen, damit wir dort die bleibenden Schäden eindämmen können. Gehen Sie bitte aus dem Weg oder wir rufen die Polizei.“

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