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Der erste Schritt in die Sterbebegleitung – Das Vorstellungsgespräch

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Als ich die enge Straße zu dem großen Altersheim hinauflief, kamen mir erste Zweifel. Die Koordinatorin des ambulanten Hospizdienstes hatte am Telefon sehr nett und aufgeschlossen geklungen, doch sie hatte nicht nach meinem Alter gefragt. Mit meinen 22 Jahren war ich für eine Anwärterin auf einen Hospizhelferkurs noch sehr jung. Die Menschen, mit denen ich mich bisher über ihre Erfahrungen unterhalten hatte, waren ungefähr 50.

Eine als Sterbebegleiterin tätige Physiotherapeutin hatte mir ihre Beweggründe, der Hospizbewegung beizutreten, so erklärt:

„Sobald die 50 auf dem Geburtstagskuchen steht, machst du dir Gedanken. Irgendwie denkt man automatisch, dass man die eigene Lebenshälfte überschritten hat. Du schaust zurück und fragst dich, ob du bereit bist für das, was vor dir liegt. Über die Hälfte deiner Lebenszeit hast du bereits verbraucht. Da taucht die Frage nach dem Sterben früh oder spät wie aus dem Nichts auf. Da hab ich angefangen, mich mit dem Sterben überhaupt erst zu beschäftigen. Ich hab mich gefragt, wie ich eigentlich sterben möchte und was der Tod mir bedeutet. Also habe ich die Ausbildung gemacht und keine Sekunde davon jemals bereut.“

Die Teilnehmerfotos von bereits abgeschlossenen Kursen zeigten ausschließlich Frauen und auch einige Männer mittleren Alters. Würde sich mein Alter als Problem herausstellen? Und wenn ja, war das nicht vielleicht sogar berechtigt? War ich zu jung, um mit Sterbenden in Kontakt zu treten?

Das Gelände war verwinkelt und verzweigt, weshalb ich eine Weile brauchte, um die richtige Tür zu finden. Ich war viel zu früh dran und drückte mich auf dem Flur herum. Das Büro der Koordinatorin lag im Erdgeschoss des Altersheims, der Flur war in hellem Gelb gestrichen und mit Aquarelldrucken geschmückt. Es war sehr ruhig, nur das leise Tellerklappern aus der Küche durchbrach die Stille. Umso mehr zuckte ich zusammen, als mich jemand von hinten ansprach.
„Wen besuchen Sie?“

Ich drehte mich um und sah mich einer alten Dame gegenüber. Ihr Gesicht war von einem breiten Lächeln und unzähligen Falten zerfurcht. Sie erwartete offensichtlich keine Antwort von mir, sondern sprach weiter:
„Sie sind aber jung. Eine Enkelin? Vermutlich. Ich wohne hier schon sehr lange. Früher habe ich mit meinem Mann zusammen hier gewohnt, aber inzwischen ist er schon eine Weile tot. Jetzt kann ich auch langsam mal gehen.“

Sie winkte zum Abschied und bog in einen Nebenflur ein. Ich blieb ein wenig perplex zurück und winkte zurück, auch wenn die Dame mich überhaupt nicht mehr sehen konnte. Einen Moment später öffnete sich die Bürotür und die Koordinatorin bat mich herein.

Sie hatte eine sehr ruhige Art und ein gütiges Gesicht, ich fühlte mich auf Anhieb wohl und irgendwie gut aufgehoben. Unwillkürlich dachte ich, dass diese Frau bestimmt eine sehr gute Sterbebegleiterin und nur schwer aus der Fassung zu bringen war. Wir setzten uns gegenüber an den Schreibtisch und redeten darüber, ob ich den Weg gut gefunden hatte.

Ich verschwieg die Schummelei mit meinem Navi-Handy und die drei alten Herrschaften, die ich zusätzlich nach dem Weg gefragt hatte, um nicht sofort negativ aufzufallen. Dass ich regelmäßig meinen Freund anrief, weil ich mich in den Straßen verlaufen hatte, musste sie ja nicht wissen.

„Warum möchten Sie im Hospizdienst arbeiten?“, fragte sie.

Ich erzählte nach kurzem Überlegen von meiner Zeit im Rettungsdienst und von meinen Gesprächserfahrungen mit Todgeweihten. Dass mir die Lebensgeschichten oftmals nahe gingen und diese Menschen so dankbar für jede kleine Aufmerksamkeit waren, dass ich manchmal ein schlechtes Gewissen bekam. Und dass ich dennoch oder gerade deshalb immer wieder das Bedürfnis hatte, mir Zeit für die Patienten zu nehmen. Die Koordinatorin nickte.

„Es beruhigt mich, dass Sie das sagen. Ich hatte schon die Befürchtung, Sie wären zu jung für diese Arbeit. Trauern Sie momentan?“

Ich verneinte und war gleichzeitig erleichtert. Bis zu diesem Zeitpunkt war mir nicht klar gewesen, wie sehr ich mir die Teilnahme an diesem Kurs wünschte. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Mein Alter war durch die Zeit im Rettungsdienst kein Problem.

„Haben Sie eine psychische Erkrankung?“

Ich verneinte nochmals.

„Dann setze ich Sie auf die Teilnehmerliste und sehe Sie im November wieder.“ Die Koordinatorin schrieb sich meine Kontaktdaten auf, meinen Studiengang und einige Anmerkungen zu meinem bisherigen Werdegang. „Sie werden die jüngste Teilnehmerin sein, das kann ich Ihnen jetzt schon sagen. Normalerweise sind unsere Bewerber älter als 40. Aber ich denke nicht, dass das ein großes Problem wird. Ihre ersten Begleitungen können Sie im nächsten Sommer übernehmen, wenn Sie die Hälfte  des Kurses absolviert haben. Dieser dauert ein Jahr.“

Sie reichte mir einige Prospekte und fuhr fort: „Wir bemühen uns, unsere angehenden Ehrenamtler praxisnahe auszubilden. Wir werden ins Bestattungsinstitut gehen, damit Sie einen Überblick haben, was auf die Angehörigen eines Sterbenden zukommt. Praktische Fragen zur Vorgehensweise im Todesfall sollten Sie beantworten können. Zusätzlich laden wir Ärzte und Pflegepersonal zu Vorträgen und Fragerunden ein, Schmerztherapeuten, Psychologen und erfahrene Hospizhelfer. Einige Kursinhalte bieten wir nur in Blockform an, dann müssten Sie ein ganzes Wochenende einplanen. Das ist vor allem die Selbstreflexion. Sie müssen sich darüber klar werden, wie Sie zum Tod stehen, was Sie sich wünschen und was Sie vermeiden möchten. Aber auch Ihre bisherigen Erfahrungen sind wichtig. Diese Wochenenden sind sehr intensiv und aufwühlend, aber die Gruppe wächst darüber sehr fest zusammen. Sollten Sie merken, dass Sie überfordert sind, sprechen Sie mich jederzeit an. Wenn Sie begleiten und Sie etwas belastet, können Sie sich ebenfalls immer an mich wenden. Wir beschäftigen aber auch Seelsorger, die nur für unsere Sterbebegleiterinnen zuständig sind und haben ein 24-Stunden-Telefon. Sie erreichen immer jemanden, der sich für ihre Fragen oder ihr Problem Zeit nimmt.“

Das klang interessant. Ich war schon jetzt gespannt auf die medizinischen Vorträge und die Gruppengespräche. Ich stellte einige organisatorische Fragen und erfuhr, dass der Kurs einmal alle zwei Wochen stattfand und die einjährige Ausbildung gerade einmal 100 € kosten sollte. Wenn ich nach dem Abschluss für den Hospizdienst arbeitete, würde man mir diese Summe sogar erstatten.

Nach einer halben Stunde beendeten wir unser Gespräch und verabschiedeten uns. Ich ging mit dem Gefühl, eine gute Entscheidung getroffen zu haben.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

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