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Abiturientin ohne Plan – mein Weg in den Rettungsdienst

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Mit dem Abitur endete die Schule. Ich war erleichtert, die Schulzeit hinter mir zu haben und einen neuen Abschnitt beginnen zu können. Nicht dass mir die Schule keinen Spaß gemacht hätte oder ich meine Mitschüler nicht mochte, aber ich war einfach gespannt, welche Möglichkeiten ich nun hatte.

Doch einige Monate vor den Prüfungen tat sich das erste Problem auf: Ich hatte viel zu viele Möglichkeiten und viel zu wenig Ahnung, was ich eigentlich wollte.

Ich nahm mir vor, offen für Ideen zu bleiben und suchte in allen möglichen Tätigkeitsfeldern nach interessanten Anregungen. Eine Woche später schickte ich eine Bewerbung zur Kriminalpolizei, um an einem Auswahlverfahren für den Gehobenen Dienst teilzunehmen. Schauergeschichten kursierten in den Kursräumen meiner Schule. Die Berliner Polizei würde sowieso nur Kandidaten einladen, die ein Zwischenzeugnis mit einem Notenschnitt von 1,5 einreichten. Die Sportprüfung wäre der absolute Horror und noch dazu gefährlich. Es gab Leute, die sich den Hals gebrochen hatten.

Diese Gefahr bestand für mich nicht. Ich kam bei dem Sporttest nicht einmal an die Barrenstange heran, unter der ich mich durchschwingen sollte. Nach drei kläglichen Hüpfversuchen war der Test für mich beendet. Ebenso meine potentielle Karriere bei der Polizei. Zumal ich drei Zentimeter unter der körperlichen Mindestgröße lag.

Was blieb? Vielleicht gab es ja noch Studiengänge, die mich interessierten, von denen ich aber noch gar nichts wusste? Tagelang klickte ich mich durch Hochschulseiten und Studienangebotslisten. Nach den Inhalten schaute ich allerdings nicht. Eher nach den NC-Werten. Meteorologie? Klar, fand ich schon immer super! Ach, der Großteil ist Physik? Da hatte ich zwar schlechte Noten und hab nie zugehört, aber im Studium ist das bestimmt total anders! Oh, was ist das? Agrarmanagement? Aha, bestimmt hochinteressant. Ich hab mit Landwirtschaft zwar noch nie zu tun gehabt, aber das ist bestimmt super. Skandinavistik…wollte ich schon immer machen.

Während ich mir in die eigene Tasche log und die unpassendsten Studienmöglichkeiten verzerrte, bis sie irgendwie zu mir passten, wurde die Zeit knapper. Die Prüfungen verstrichen, die Abinote stand.

Bereits zwei Wochen nach dem Abschluss fiel mir die Decke auf den Kopf. Ich wurde nervös und gereizt, neigte zu schnellen Entscheidungen und änderte meine Meinung über Zukunftspläne täglich. Mit meinem Notendurchschitt von 1,9 musste ich gerade in Berlin schauen, wo ich blieb. Naturwissenschaften mit etwas gemäßigteren NCs interessierten mich nicht. Ich wollte etwas Soziales studieren, oder etwas mit Sprachen oder etwas Kreatives. Ein FSJ? Um Zeit zu gewinnen? Wo konnte ich mich einbringen? Ich suchte gerade nach FSJ-Plätzen, als mein Vater den Raum betrat.

„Was machst du da?“

„Ich sehe mir FSJs an. Ich könnte ein Freiwilliges Soziales Jahr machen, um zu schauen, was mich interessiert. Ich will in den sozialen Bereich.“

„Damit verdienst du später kein Geld“, sagte mein Vater und schlug mir vor, Medizin zu studieren. „Das ist auch sozial, du kannst viel bewegen, du verdienst genug.“

Den NC von 1,0 als erste große Aufnahmehürde übersah er. Ich erkundigte mich, sprach mit Leuten, die bereits fünf Jahre auf ihren Studienplatz warteten oder im Ausland studierten. Machte Medizinertests, die mir jedoch nur mein mangelndes räumliches Vorstellungsvermögen in Intelligenztests unter die Nase rieben, holte Informationen über Ausbildungen ein, die angehenden Medizinern Boni auf ihre Bewerbung versprachen. Krankenschwester? Rettungsassistent? Hebamme? Oder vielleicht doch lieber etwas Anderes? Passte das zu mir? Was interessierte mich?

Zu diesem Zeitpunkt absolvierte mein großer Bruder eine Ausbildung zum Rettungsassistenten. Ich lieh mir seine Bücher aus und versuchte, mir einen Überblick zu verschaffen. Er äußerte sich nicht allzu positiv über seine Erfahrungen im Rettungsdienst. „Alles Patienten.“

Seit seiner Zeit als Rettungsassistent benutzt mein Bruder das Wort „Patient“ im Sinne von „anstrengende, ätzende Person“. Er hatte mit seinen Ausbildern allerdings auch nicht allzu viel Glück. Wenn ich mich bei einem anderen Träger bewarb, vielleicht wäre die Ausbildung total interessant? Ein Medizinstudium konnte ich im Moment vergessen, aber mit dieser Ausbildung könnte ich ausprobieren, ob ich überhaupt Blut sehen konnte und es verkraftete, verletzte und kranke Menschen zu behandeln. Negatives fiel mir nicht ein. Wie immer, wenn ich mich auf etwas versteifte.

Zwei Wochen später unterschrieb ich meinen Ausbildungsvertrag. Ich hatte das Glück, dass meine Eltern mich unterstützten und mir komplett freie Hand ließen, sodass ich diese Erfahrungen ohne Einschränkungen mitnehmen konnte. Ich meldete mich an einer Schule an, die speziell für angehende Medizinstudenten Kurse anbot. Dass sich diese Kurse in keiner Weise von den normalen Kursen unterschieden, erfuhr ich hinterher. Doch zuerst war ich sehr erleichtert, irgendwo untergekommen zu sein und einen strukturierten Tagesablauf zu haben. Ich stand um halb Sieben auf, fuhr in die Schule, kam um 16 oder 17 Uhr nach Hause und mochte meine Mitschüler. Wir waren ein sehr bunter Klassenverband. Ich gehörte zu den jüngsten Azubis, der Älteste von uns war Ende 40. Der Umgangston war sehr locker und freundschaftlich. Nach drei Monaten Theorie schickte man uns in Praxisphase.

Wir sollten an echten Menschen erproben, was wir bisher an Puppen geübt hatten. Ich bekam einen Praktikumsplatz in einem kleinen Dorf in Brandenburg. Ich war nervös und etwas besorgt, als ich die vier Wochen Praxiszeit antrat. Man hatte mir bereits gesagt, dass die erste Leiche nicht lange auf sich warten lassen würde.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

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