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Azubi ohne Plan – meine erste Begegnung mit dem Tod

Veröffentlicht am

Die Rettungswache in Brandenburg war klein und nicht allzu hoch frequentiert. Pro Tag fuhren wir ungefähr vier Einsätze, manchmal auch nur zwei. Ich stand um Drei mitten in der Nacht auf, hatte eine knappe Stunde Zeit, um wachzuwerden und zu duschen und fuhr zwei Stunden mit dem Zug. Wir hatten 12-Stunden-Schichten, immer von Sechs bis Sechs. Bis ich zu Hause war und mich ins Bett legen konnte, war es allerdings schon 23 Uhr. In dieser Zeit war ich beinahe noch launischer als in meiner ersten Das-Abi-ist-vorbei-was-tue-ich-Selbstfindungsphase.

An meinem ersten Arbeitstag fiel ich sofort unangenehm auf. Ich war den Rettungsdienstlern zu klein.

„Wie willst du denn so ’ne fette Sau heben, die auf der Straße liegt?“, fragte Mike und schmierte sich Hackepeter auf sein Brötchen. Sein Leibgericht, wie ich in den folgenden Wochen mitbekam. Fünf von solchen Brötchen aß er pro Tag.

„Willst du gegen mich Armdrücken machen?“, fragte ich zurück, um die entstandene Stille zu überbrücken.

Mike brüllte vor Lachen. Wir machten tatsächlich Armdrücken. Ich durfte beide Hände benutzen, er nur seine Linke. Ich verlor trotzdem. Doch Mike hatte seine Vorbehalte dennoch überwunden. „Du bist in Ordnung.“

Da Mike mich durch das Armdrücken offiziell aufgenommen hatte, gingen die restlichen Rettungsdienstler ebenfalls offener mit mir um. Mit Mikes Zuneigung stieg und fiel das Ansehen der Praktikanten. Viel Zeit, um mich mit dem Rettungswagen vertraut zu machen, hatte ich allerdings nicht. Während der kleinen Führung, in deren Rahmen mir die Schubfächer und Geräte erklärt wurden, ging der Pieper los. Mike packte mich bei den Schultern und setzte mich hinten neben die Patientenliege auf den Sitz. Er selbst war Sanitäter und als Fahrer eingestellt, da er eine kürzere Ausbildung durchlaufen hatte als die Rettungsassistentin Mona, die neben ihm auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Mit Blaulicht fuhren wir aus der Einfahrt und rumpelten die Landstraßen entlang. Ich wunderte mich darüber, dass das Martinshorn so leise war, wenn man selbst im Wagen saß und fragte mich, was für ein Notfall anstand und wie ich möglichst wenig im Weg stehen konnte.

Mona öffnete die Trennscheibe und rief nach hinten: „Kreislaufdys! Du nimmst Sauerstoff und den Koffer!“

„Ok!“ Kreislaufdysfunktion ist ein sehr dehnbarer Begriff. Grob gesagt, stimmt etwas mit dem Kreislauf nicht. Das kann so gut wie alles bedeuten. Ich zog mir schon einmal Handschuhe an und versuchte ruhig zu bleiben. Da ich nicht verstanden hatte, wie ich mich anschnallen sollte (im Nachhinein erfuhr ich, dass der Anschnallgurt meines Sitzes während eines Einsatzes „abhanden gekommen“ war), flog ich halb auf die Patientenliege, als der Wagen mit einem Ruck hielt. Mike brüllte durch die Trennscheibe: „Lauf! Die reanimieren!“

Erschrocken packte ich das Sauerstoffgerät und zerrte den Koffer aus der Ablage. Die Tür klemmte ein wenig, was mich nicht unbedingt ruhiger machte. Abgehetzt sprang ich schließlich aus dem Wagen und verdankte es meinen Sicherheitsschuhen, dass ich dabei nicht umknickte, so wackelig fühlte ich mich in den Knien. Mona war schon weg. Rechts von mir blitzte es bläulich, dort mussten die anderen Rettungskräfte stehen! Ich rannte los, bis ein Hupkonzert die Luft zerriss. Mike zeigte mir einen Vogel und zeigte in die andere Richtung.

Peinlich berührt rannte ich in die richtige Richtung und versuchte, dabei nicht über meine Füße zu stolpern. Das hätte meinem Stolz vermutlich den Rest gegeben.

Im Vorgarten eines Einfamilienhauses hatte sich eine Traube aus roten Jacken gebildet. Ich hörte das Zischen von Sauerstoff und das angestrengte Ächzen des Notarztes, der gerade eine Herzdruckmassage durchführte. Mein Sauerstoffgerät und der Koffer waren überflüssig. Am Gesicht des Mannes sah ich, dass auch die Reanimation überflüssig war.

Ich hatte noch nie einen Toten gesehen, doch ich wusste sofort, dass er tot war. Die geschminkten Statisten im Tatort kommen nicht annähernd an diesen Anblick heran. Ich hatte gehört, dass das Erschlaffen aller Gesichtsmuskeln einen Menschen irgendwie fremd aussehen ließ und seine Hautfarbe nicht mehr lebendig aussah. Dennoch war ich erschrocken. Es war ein Mann um die 60, seine Frau stand weinend neben den Rettungskräften, die Hände auf den Mund gepresst.

„Wenn die Reanimation nichts mehr bringt, reanimiert einfach trotzdem. Für die Angehörigen.“ Mein Lehrer für Rechtskunde hatte uns immer wieder gebeten, nichts unversucht zu lassen, um den Angehörigen die Situation zu erleichtern. Genau das taten die Rettungskräfte für die Ehefrau des Toten. Sie defibrillierten, spritzten Adrenalin, pumpten Sauerstoff in seine Lungen. Als immer mehr Nachbarn am Gartenzaun auftauchten, hievten wir den Toten auf eine Trage und brachten ihn in unseren Wagen. Dort stellten die Rettungskräfte ihre Maßnahmen sofort ein. Seine Frau war draußen geblieben, es war nicht mehr nötig, den Toten zu reanimieren.

Der Notarzt zeigte mit dem Finger auf mich und sagte: „Du bleibst hier. Wir warten draußen auf den Bestatter.“

Ich nickte und blieb mit dem Verstorbenen zurück. Seine Augen waren halb geöffnet, die Linsen schon trüb. Ich überlegte, ob ich ihm die Augen schließen sollte, damit er friedlicher aussah. Als ich die Hand hob, löste sich sein Arm aus den Gurten und fiel zur Seite. Ich hatte den Mund schon geöffnet, um die Anderen zurückzurufen, doch seine Augen starrten weiterhin leblos an die Decke. Mein Herz hämmerte wie verrückt nach diesem Schrecken. Ein Glucksen ließ mich erneut hochschrecken. Was war das? Er blubberte, seine Bauchdecke zitterte. Mit zitternden Fingern tastete ich nach seinem Puls. Nichts. Seine Haut war kalt. Offensichtlich war lediglich die Luft in seinen Eingeweiden in Bewegung geraten.

„Reiß dich zusammen!“, flüsterte ich. „Reiß dich einfach zusammen!“

Die Türen wurden aufgerissen, Mike stapfte in den Wagen. „Na? Alles gut?“

Ich nickte. Und schüttelte den Kopf. „Er blubbert.“

Mike lachte. „Klar blubbert er. Der hat ordentlich Luft im Darm. Leichen machen immer Geräusche. Der Notarzt kommt gleich nochmal rein.“

Einen Moment später steckte der Notarzt seinen Kopf in den Wagen. „Alles in Ordnung da drin?“ Sein Blick blieb an mir hängen. „Bist du eigentlich neu?“

„Praktikantin“, gab ich zurück und ärgerte mich, dass meine Stimme so piepsig klang. Mike lachte schon wieder.

Der Notarzt trat an meine Seite und sah auf den Verstorbenen hinab. „Ist das deine erste Leiche?“

Als ich bejahte, lächelte er. „Ist ein bisschen komisch, oder? Aber er tut dir nichts mehr. Nimm dich lieber vor den Lebenden in Acht. Hast du schon einmal eine Herzdruckmassage gemacht?“

„Nicht an Menschen. Nur an den Puppen in der Schule.“

„Na dann.“ Er öffnete den Gurt, der die Brust des Mannes an die Liege drückte und nahm meine Handgelenke. „Das ist ein bisschen anders als bei Puppen. Der Körper arbeitet gegen dich und fühlt sich anders an. Versuch es mal.“

Ich maß den Druckpunkt mit den Fingern ab, streckte die Arme durch und stieß meine Handballen gegen sein Brustbein. Da die Muskeln erschlafft waren, schlug der Bauch eine Welle.

„Nanana. Viel fester! Da kommt doch gar nichts an!“

Unter den wachsamen Augen des Notarztes stieß ich immer wieder die Handflächen in die Brust des Toten, bis mir beinahe die Arme abfielen.

„Und Schluss!“, verkündete er. „Nach zwei Minuten wird die Massage sowieso ineffizient. Dann musst du mit jemandem tauschen.“

Im Stillen entschuldigte ich mich bei dem Verstorbenen für die unnötige Ruckelei. Ob es mir recht wäre, wenn das jemand bei meinem Großvater tat, wenn er schon längst gestorben war? Andererseits musste ich an Menschen üben, um es später richtig zu machen und Leben retten zu können. Als Mike und der Notarzt aus dem Wagen stiegen, um mit dem Bestatter zu sprechen, nahm ich die Hand des Toten und zurrte den Arm mit Gurten fest. Mir gefiel der Gedanke nicht, dass er an der Seite baumelte, während die Anderen ihn aus dem Auto schoben. Dabei fiel mein Blick auf seine Armbanduhr. Sie war stehen geblieben. Gänsehaut kroch mir die Arme empor, als ich seine Augen schloss. Ich drehte mich um und stieg ebenfalls aus dem Wagen.

Die Erinnerung an die stehen gebliebene Uhr verfolgte mich die ganze Woche.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

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