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Nach dem Tod ist vor dem Tod – Humor im Rettungsdienst

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Nach der Begegnung mit meiner ersten Leiche hatte sich mein Bild von der Arbeit im Rettungsdienst ein wenig normalisiert. Im theoretischen Ausbildungsteil kann man noch so häufig darauf hingewiesen werden, dass der Rettungsdienst derbe, oftmals unangenehm und undankbar ist – irgendwie geht man davon aus, dass es trotzdem ein bisschen so ist wie in Filmen. Dass die Angehörigen atemlos die Tür aufreißen, ein schnelles „Gott sei Dank, dass Sie da sind!“ hauchen und sich während der Maßnahmen kooperativ zeigen.

In der Wirklichkeit waren die Angehörigen oftmals ein größeres Problem als die Patienten selbst. Besonders in den Fällen, in denen der Patient nicht mehr in der Lage war, für sich selbst zu sprechen, wurden die Angehörigen zu einem allwissenden Ersatzsprachorgan.

„Mein Mann mag Krankenhäuser nicht!“, sagte die ältere Dame und verstellte die Haustür. „Sie können ihn hier behandeln, aber er verlässt das Haus nicht. Diese Krankenhausumgebung macht ihn nur noch kränker.“

Mona deutete auf das eingefallene und verzogene Gesicht des Mannes. „Ihr Mann hat einen Schlaganfall. Wir werden ihn in ein Krankenhaus bringen, damit wir dort die bleibenden Schäden eindämmen können. Gehen Sie bitte aus dem Weg oder wir rufen die Polizei.“

In den Augen der Ehefrau purzelten Angst, Schuld, Sorge, Wut und Hilflosigkeit durcheinander. Sie tat mir sehr Leid. Ihr forsches Auftreten hielt sie davon ab, in Tränen auszubrechen und sich in Trauer zu verlieren. Nachdem der Notarzt eingetroffen war und ebenfalls auf sie eingeredet hatte, trat sie mit wackligen Schritten beiseite. Ihre Finger krallte sie dabei so fest in den Türrahmen, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.

Dies ist kein Einzelfall. Die Angehörigen fühlen sich verpflichtet, für die Betroffenen einzutreten. Das mag in vielen Fällen begründet und auch wichtig sein, manchmal wird die Arbeit des Rettungsdienstes dadurch jedoch behindert. Mike gab die Schuld an diesem neuen „Einmischtrend“, wie er es nannte, dem Internet.

„Du kannst heutzutage einfach alles im Netz finden“, brummte er, als wir zurück auf der Rettungswache waren und den Wagen auffüllten. Verbrauchte Kompressen, Kanülen und Pflaster mussten in den Fächern ersetzt werden. „Da fühlt sich jeder sofort wie ein Arzt. Und wenn dann Fachleute auftauchen, in dem Fall wir, haben diese Leute sich schon selbst Pseudowissen angelesen. Und quatschen rein, das glaubst du nicht.“

Mike war ein altes Eisen im Dienst. Bereits zwanzig Jahre fuhr er seine Schichten in den unterschiedlichsten Dörfern und Städten. Seine Freundin war Kinderkrankenschwester. Das war auch gut so, denn durch ihren beruflichen Hintergrund hatte sie Verständnis für seine häufig respektlos wirkende Ausdrucksweise.

Was ich sehr schnell mitbekam, war die Art des Umgangs mit Tod und Leid im Rettungsdienst. Man lachte einfach darüber. Der Humor war so schwarz, dass ich einfach manchmal grinsen musste, obwohl die Situation haaresträubend war. Einmal fuhren wir eine sehr alte Frau ins Krankenhaus, die nach eigenen Angaben unter entsetzlichen Schmerzen litt. Sie war den behandelnden Ärzten bereits bekannt und hatte häufig den Rettungswagen in Anspruch genommen, ohne eine medizinische Indikation zu bieten. Offensichtlich war sie einsam und brauchte Aufmerksamkeit. Allein diesen Umstand fand ich bereits sehr traurig. Bei meiner ersten Begegnung mit ihr blieb mir beinahe das Herz stehen, so laut und herzzerreißend schrie sie ihren Schmerz in die Welt hinaus. Sie warf ihren Kopf hin und her, kreischte und betete. Als wir sie im Krankenhaus den Schwestern übergaben, klingelten mir die Ohren.

Mike wartete, bis das Krankenbett um die Ecke verschwunden war und holte dann sein Handy aus der Tasche.

„Guck mal“, sagte er. „Mein neuer Klingelton.“

Blechern und kratzig schallte das Schreien der alten Frau aus den Lautsprechern seines Telefons. Ich starrte ihn mit großen Augen an und überlegte, ob ich das in Ordnung fand. Auch wenn die Patientin nur um Aufmerksamkeit buhlte, wollte ich sie in ihrem Leid ernst nehmen. Die innere Anspannung, die ich bei jedem Patienten aufbaute und die dafür sorgte, dass ich konzentriert bei der Sache blieb, weichte auf. Mike grinste. Ich grinste. Wir lachten laut.

Wie gemein und erschreckend die schwarzhumorigen Witze auch manchmal wirken mochten, sie halfen maßgeblich dabei, die Ereignisse zu verarbeiten. Ein Mann hatte sich von einem Zug überrollen lassen. Es handelte sich demnach nicht mehr um einen Mann, sondern eher um seine Einzelteile. Mir wurde schlecht, als ich auf die glänzende Masse starrte. Tess, eine Medizinstudentin, die nebenbei als Rettungsassistentin arbeitete, stupste mich in die Seite.

„Wer von uns beiden als erstes einen Finger findet, hat gewonnen!“

Diese spielerische Aufforderung war im Angesicht der zerstückelten Leiche natürlich vollkommen unangebracht. Aber ich war sehr dankbar für diese Hilfestellung. Weil die Leiche ihren Schrecken verlor und zu einem Objekt des sportlichen Wettkampfs wurde. Es ist nicht richtig, Menschen zu Objekten zu machen. Aber manchmal einfach leichter.

Wenn wir über die Menschen lachten, die vor unseren Augen starben oder Schmerzen litten, wollten wir damit nicht ausdrücken, dass wir sie nicht achteten. Wir distanzierten uns von ihnen, um einen klaren Kopf zu behalten und ihnen helfen zu können. Solltet ihr mitbekommen, dass medizinisches Personal einen Witz auf die Kosten eines Kranken macht, seid ein wenig nachsichtig. Der Humor ist unsere Möglichkeit, einen gesunden Raum zwischen uns und dem Patienten aufzubauen. Diese Distanz brauchen wir, um uns nicht im Patienten zu verlieren. Denn damit wäre ihm auch nicht geholfen.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

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  1. Wow! Wahnsinnig interessante Ereignisse, die du hier schilderst!
    Und deine Schreibweise ist extrem gut! Das ganze hier liest sich flüssig wie ein Bestseller!! Weiter so!!! 🙂

    Antwort
  2. Vielen Dank, ich habe mich sehr über deinen Kommentar gefreut. 🙂 Da schreib ich doch gerne weiter!

    Antwort

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