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Praktikum auf der Notaufnahme – ein Gespräch übers Sterben

Veröffentlicht am

Eines Morgens bat Sanne mich, einen Patienten für sie zu betreuen, damit sie der Visite auf der Intensivstation beiwohnen konnte. Sie hatte sich in einen Medizinstudenten verguckt, der dort eingeteilt war und nutzte jede Gelegenheit, ihm zufällig über den Weg zu laufen. Da ich sowieso nichts Anderes zu tun hatte, nahm ich die Akte entgegen und ging in Richtung Behandlungszimmer Fünf.

„Er braucht einen neuen Zugang und der Arzt will ein EKG!“, rief Sanne mir hinterher, während sie sich vor dem kleinen Spiegel im Pausenraum die Haare machte. „Und krieg keinen Schreck, er ist ziemlich gelb!“

Ich nickte, öffnete die Tür und bekam einen Schreck.

Der Patient war tatsächlich sehr gelb. Ich hatte schon Patienten mit einem Ikterus (was die fachliche Bezeichnung für die Gelbfärbung der Haut ist) gesehen, doch niemals war das Symptom so stark ausgeprägt gewesen wie bei diesem Mann. Er hatte kein einziges Haar mehr auf dem Kopf, Augenbrauen und Wimpern fehlten ebenfalls. Ein Blick in die Akte bestätigte meine Annahme: Leberkrebs in fortgeschrittenem Stadium.

Ich lächelte und gab ihm die Hand. „Guten Morgen, Sie sind aber früh bei uns.“

Sein Mundwinkel zuckte, während seine kalten Finger die meinen mehr streiften als drückten. „Da haben Sie Recht. Eigentlich sollte ich zu Hause im Bett liegen und schlafen. Aber die Schmerzen machen mir das leider unmöglich.“

„Haben Sie schon mit einem Arzt gesprochen?“, fragte ich und vermerkte, dass der Patient unter Schmerzen litt, als er nickte. Entschuldigend deutete ich auf seinen Unterarm. „Leider muss ich Ihnen ein paar zusätzliche Schmerzen zufügen. Sie brauchen einen neuen Zugang.“

Er zuckte mit den Schultern. „Tun Sie, was Sie für richtig halten, Schwester.“

Inzwischen widersprach ich nicht mehr, wenn man mich als Schwester benannte. Am Anfang hatte ich immer betont: „Ich bin nur Praktikantin, keine ausgebildete Schwester.“

Die meisten Leute waren durch den extra erwähnten Praktikantenstatus jedoch verunsichert und konnten weniger Vertrauen in meine Kompetenz aufbauen. Wenn man mich direkt fragte, was ich im Krankenhaus tat, antwortete ich ehrlich. Wenn die Anrede aber beiläufig im Gespräch fiel, machte ich die Leute nicht jedes Mal darauf aufmerksam, dass ich nur Praktikantin war.

Während ich den Zugang vorbereitete, fragte ich den Patienten, ob er von zu Hause aus in die Notaufnahme gekommen war oder ob er ohnehin im Krankenhaus lag. Er erzählte, dass er einen langen Krankenhausaufenthalt hinter sich gebracht hatte und seit drei Tagen wieder zu Hause wohnte. Er lebte nach dem Tod seiner Frau allein.

„Es war schrecklich“, sagte er. „Sie hatte Diabetes und ist immer mehr zerfallen. Am Ende war kaum noch etwas von ihr übrig.“

Ich dachte an die Diabetes-Patientin, die ich im Rettungswagen mitversorgt hatte. Sie hatte nur noch drei Zehen gehabt, die schwarz aus ihren zerschlissenen Socken ragten. Unwillig schüttelte ich den Kopf. Vermutlich sprach er von ihrem Charakter und ihren Lebensgeistern.

„Sie wissen schon“, fuhr er fort. „Es fing mit den Beinen an. Immer mehr Bein verlor sie. Dann die Finger. Sie lag sowieso im Koma, es interessierte sie nicht mehr.“

Also doch keine abstrakte Metapher. Ich nickte mit möglichst unbewegtem Gesicht und desinfizierte die Hautstelle, die ich für den Zugang nutzen würde.

„Haben Sie denn die Möglichkeit gehabt, sie zu besuchen?“, fragte ich nach.

„Ja, ja.“ Er seufzte. „Aber sie hat mich ja doch nicht mehr wahrgenommen. Ich habe sie zu Hause gepflegt, so lange es ging. Sie müssen wissen, dass wir vor einigen Jahren unseren Sohn verloren haben. Ein Autounfall. Seitdem waren wir uns sehr nahe und eng verbunden. Wir hatten ja nur noch uns. Deshalb war für mich klar, dass ich sie pflegen will.“

„Das war sicher schwer für Sie.“ Die bedeutungslose Floskel trieb mir beinahe die Schamesröte ins Gesicht. Er hatte mir erzählt, dass sein Kind und seine Frau gestorben waren und ich bezeichnete seine Situation als „schwer“. Andererseits fiel mir in dem Moment kein besseres Wort ein.

Tatsächlich ist es aber häufig so, dass scheinbar abgenutzte Floskeln einfach am treffendsten ausdrücken, was man über die Situation des Gegenübers denkt. Ich brauchte jedoch eine Weile, um die Floskeln mit dem nötigen Selbstbewusstsein über die Lippen zu bringen. Im Kontakt mit todkranken Menschen ist es oftmals angenehmer, den Gesprächseinstieg über diese Satzhülsen anzugehen, als verkrampfte Neuformulierungen zu finden. Einen zu hohen Anspruch sollte man meiner Meinung nach nicht haben. In solchen Gesprächen bin schließlich nicht ich die Hauptperson, sondern der Kranke. Und der hat diese Sätze schon so oft gehört, dass sie ihn kaum noch stören werden. Diese Erkenntnis hat mir die Scheu im Umgang mit Kranken und Sterbenden genommen und mir die Arbeit mit ihnen erleichtert.

Er nickte langsam und sah zu, wie ich die Nadel in seine Haut stach. Er machte keinen Mucks. Ich aspirierte probehalber etwas Blut, um sicherzugehen, dass ich eine Vene getroffen hatte und hängte eine Infusion an.

„Ich würde langsam auch gerne gehen“, sagte er leise.

Ich setzte mich noch einmal ihm gegenüber, damit er nicht das Gefühl hatte, zwischen Tür und Angel über sein Schicksal reden zu müssen. „Hier hält sie auch nicht mehr viel, nicht wahr?“

„Ja.“ Er schloss die Augen. Die angegrauten Lider senkten sich über seine gelben Augäpfel. „Alle, die mir etwas bedeutet haben, sind schon vorgegangen. Nur ich sitze noch hier.“

„Sie scheinen eine bestimmte Vorstellung zu haben, wo sich Ihre Frau und Ihr Sohn befinden. Erzählen Sie mir davon?“

Ohne die Augen zu öffnen, flüsterte er: „Ich denke, dass es dort ruhig ist. Dass es dort nichts gibt. Und dass es nichts mit der Welt zu tun hat, die wir kennen. Es ist still dort und dunkel. Als würde man einfach nur schlafen ohne zu träumen.“

„Nach dem Tod kommst also ein Nichts?“ Ich überlegte, ob mir diese Vorstellung gefiel.

„Nach dem Einschlafen kommt auch ein Nichts“, gab er zurück. Seine Stimme klang heiser.

Ich dachte an meine Kindheit. Immer wieder hatte ich versucht, das Einschlafen aktiv mitzuerleben, um zu fühlen, was mit meinem Körper dabei geschah. Und jeden Morgen wachte ich auf und ärgerte mich, dass ich wieder eingeschlafen war, ohne es bewusst wahrzunehmen. Wenn man sich das Sterben ähnlich vorstellt, verliert es ein wenig von seinem Schrecken. Sich ein Nichts vorzustellen, ist dem menschlichen Geist nicht möglich. Wir färben alles mit unserer Erinnerung und unseren Emotionen ein. Selbst eine schwarze und stille Umgebung ist kein Nichts. Sondern eben eine schwarze und stille Umgebung.

„Woran denken Sie?“, fragte er.

Ich erzählte ihm von meinen gescheiterten Versuchen, das Einschlafen zu erleben. Er lachte.
Dann wurde er nachdenklich. „Ich weiß, dass es mit mir bald zu Ende geht. Aber ich weiß nicht, wie man stirbt.“

„Das müssen Sie auch nicht“, sagte ich. „Ihr Körper wird schon wissen, was er zu tun hat. Er weiß auch, wie man einschläft und aufwacht. Wie er verdauen oder heilen muss. Also wird er auch am besten wissen, wie er stirbt. Da müssen Sie sich keine Sorgen machen.“

Er lachte wieder. „Da haben Sie wohl Recht.“ Blinzelnd sah er an die Decke. „Ich werde müde.“

Ich stand auf und rückte ihm sein Kissen zurecht. Zwischen den weißen Stofflagen sah er sehr gelb und sehr verloren aus. „Ich werde den Arzt holen, damit er wegen der Schmerzmittel mit Ihnen spricht, bevor Sie zu müde sind.“

Als ich die Hand auf die Türklinke legte, fragte er: „Glauben Sie an den Himmel?“

Ich hielt inne und dachte nach. „Ich weiß nicht genau. Vielleicht gibt es etwas in der Art. Und Sie?“

„Ich weiß es auch nicht.“ Er lächelte. „Ich würde es Ihnen gerne erzählen, wenn es soweit ist.“

„Wie jeder Mensch vor Ihnen werden Sie das Wissen wohl mitnehmen.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Das ist auch gut so. Sonst wäre es ja gar nicht mehr spannend.“

Grinsend ließ er sich in die Kissen sinken und schloss erneut die Augen. Ich öffnete die Tür und verließ den Raum. Auf dem Flur traf ich auf den diensthabenden Arzt und bat ihn, mit dem Patienten zu sprechen.

Im Pausenraum sah ich Sanne, die mit erhitzten Wangen am Tisch saß und eine Tasse Tee umklammert hielt. „Er war da. Und er sah so gut aus!“

Kichernd ließ ich mich ebenfalls am Tisch nieder und lauschte Sannes Beschreibungen vom Gesäß des angehenden Arztes.

Das kurze Gespräch über den Tod überschattete meinen Tag nicht. Vielmehr nahm ich die Kleinigkeiten, die den Alltag verschönerten, sehr viel bewusster wahr. Bis ich mich mit meinem eigenen Tod auseinandersetzen musste, weil er in greifbarer Nähe war, wollte ich meine Tage mit vielen schönen Nebensächlichkeiten füllen.

Den Patienten sah ich nie wieder. Inzwischen ist er mit Sicherheit verstorben. Manchmal denke ich für einen flüchtigen Moment an ihn, wenn ich am Einschlafen bin und meine Wahrnehmung verwaschen und unscharf wird. Dann frage ich mich, ob er im entscheidenden Moment gewusst hat, was zu tun ist. Und ob er sein ruhiges Nichts gefunden hat.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

»

  1. ich bin mir sicher, dass der Patient auch noch oft an euer Gespräch gedacht hat und sich auf seine Familie gefreut hat.
    Du warst bestimmt ein letzter Meilenstein auf seinem Weg, der es ihm möglicherweise noch leichter machte, lebe wohl zu sagen.
    Ich finde deine Schreibweise sehr gut und da ich auch mein Rettungsdienstpraktikum nächste Woche antrete, bin ich froh, deine Erfahrungen lesen zu können, denn du nimmst mir die leichte Angst, die – glaube ich – jeder von uns hat(te).
    Liebe Grüße vom Bodensee

    Antwort
    • Hallo Dennis!
      Wie schön, dass du hierher gefunden hast und etwas für dich mitnehmen kannst, was dir den Start erleichtert. Machst du den Rettungssanitäter oder den -assistenten? Und startest du direkt auf einer richtigen Rettungswache oder musst du erstmal in den Krankentransport? Das mussten bei uns sehr viele, das hat für eine Menge Unmut gesorgt. 😉 Für deinen Start wünsch ich dir aber auf jeden Fall nette Kollegen und spannende Fälle! Die Angst hat bestimmt jeder, es ist ja ein komplett neues Arbeitsumfeld voller Herausforderungen. Aber wenn du Lernwillen zeigst, werden dich deine Kollegen schnell annehmen und akzeptieren können. Das wird sicher eine schöne und interessante Zeit!
      Liebe Grüße aus Berlin zurück!

      Antwort

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