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Praktikum auf der Notaufnahme – von weiten Pullovern und Rückenschmerzen

Veröffentlicht am

Auf der Notaufnahme trifft man die interessantesten Leute mit fesselndsten Lebensgeschichten. Meine spannendste Patientin in der zweiten Praktikumswoche war eindeutig Jenny.

Als sie in Behandlungszimmer Drei geschoben wurde, versteckte ich schnell das Käsebrot, das ich mir heimlich mit Sanne geteilt hatte. Natürlich darf man in den Behandlungszimmern nicht essen. Das ist ein großes Problem für mich gewesen. Ich bekomme relativ schnell Hunger, esse dafür aber wenig. Ich brauche deshalb ab und an kleinere Portionen Nahrung, damit mein Magen nicht ständig knurrt und blubbert. Wenn Stoßzeit war und die Patienten nur so in die Notaufnahme geschwemmt wurden, blieb mein Speiseplan auf der Strecke. In Sanne hatte ich eine echte Leidensgenossin gefunden. Sie bekam ebenfalls schnell Hunger. Deshalb steckten wir uns zwischen den Behandlungen gegenseitig heimlich Kleinigkeiten zu, damit wir nicht vom Fleisch fielen.

Wir versteckte also das Käsebrot und warteten ab, welche Aufgaben der diensthabende Arzt uns zuweisen würde. Mein Lieblingsradiologie war in der heutigen Schicht der Ansprechpartner. Er war mir schon in der ersten Woche positiv aufgefallen, weil er mir seine Lieblingsröntgenaufnahmen vor die Nase gelegt und lang und breit erklärt hatte, wie es zu diesen Bildern gekommen war. Als Radiologe hatte er zu bestimmten Tageszeiten mehr Zeit und Muße, sich mit Praktikanten und Azubis auseinanderzusetzen. Unter den Lehrlingen im Krankenhaus war er aus diesem Grund sehr beliebt. Die Bilder trug er immer in seiner Brusttasche mit sich herum, was ihm den Rufnamen „Dr. Picture“ eingebracht hatte. Sie zeigten einen Magen, in dem sich ein Schlüssel befand, eine Aufnahme des situs inversus (die Organe sind hierbei spiegelverkehrt angeordnet), eine Aufnahme eines Darms, in dem ein Vibrator steckte und einen Hals, aus dem eine Schraube lugte.

Er klatschte fröhlich in die Hände. „So, meine Damen! Unsere Patientin hier klagt über starke Rückenschmerzen. Und da die anderen Ärzte alle beschäftigt sind, muss ich ran. Überlegen wir doch gemeinsam, was die Patientin plagen könnte. Rettungsfee!“

Ich sah auf. Mit „Rettungsfee“ meinte er für gewöhnlich mich. Es gab noch eine „Pflegefee“, eine „Kuchenfee“ und eine „Kackefee“, die den Spitznamen manches Mal mit gemischten Gefühlen aufnahmen. Besonders die „Kackefee“, Marie, war über ihre Taufe ein wenig unglücklich. Sie war gelernte Pflegehelferin und auf der Station dafür verantwortlich, dass die Patienten auf der Notaufnahme rechtzeitig eine Ente oder eine Bettpfanne bekamen. Mit „Rettungsfee“ war ich eindeutig besser davon gekommen.

Dr. Picture deutete auf das junge Mädchen, das auf dem Krankenbett lag und strahlte. „Was würdest du sie fragen, wenn dies hier ein Rettungseinsatz wäre?“

Ich ging in Gedanken das SIMPLE-Schema durch und führte eine Anamnese durch. Das Schema beinhaltet Fragen nach Symptomen, Immunreaktionen, Medikamenten, Patientenvorgeschichte, letzter Mahlzeit (oder je nach Problemstellung letzter Periode, letzter Dialyse, letztem Stuhlgang etc.) und dem Ereignis, das zum Notruf geführt hatte. Das Mädchen, das sich als Jenny vorstellte, erzählte, dass sie mit einem Mal Schmerzen im Rücken bekommen und beim Hausputz zur Seite gesackt war. Sie war ein gesundes junges Mädchen von 17 Jahren und beklagte lediglich, dass sie in letzter Zeit zugenommen hatte.

„Riecht es hier nach Käsebrot?“, fragte sie und schnupperte. „Oder werde ich verrückt?“

Sanne und ich zuckten mit den Schultern.

Dr. Picture stützte das Kinn auf die Faust. „Nun, Rettungsfee, was kommt hier in Frage?“

Ich kratzte mich an der Nase und dachte nach. Normalerweise wurden diese Fragen den Medizinstudenten auf der Station gestellt, doch Lars und Anne assistierten im OP. Die Schmerzen von Jenny kamen schubweise in relativ gleichmäßigen Abständen. Ich betrachtete ihren weiten Pullover und ihr rundes, ahnungsloses Gesicht. „Wann war Ihre letzte Regel?“

Unsicherheit schlich sich auf Jennys Züge. Man sah, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete. „Ich weiß nicht so genau. Lange her.“

„Halten Sie es für möglich, dass Sie schwanger sind?“, hakte ich nach, als Jenny die Brauen zusammenzog und fahrig über die Bettdecke strich. Offensichtlich kündigte sich der Schmerz erneut an. Schweiß trat auf ihre zerfurchte Stirn.

Ich trat an sie heran und legte vorsichtig meine Hände an ihren Bauch. Unter der Wehe verhärtete sich die Gebärmutter spürbar. Ich sah Dr. Picture an, der abwartend am Türrahmen lehnte und grinste. Offensichtlich hatte er schon Bescheid gewusst.

„Wir sollten im Kreißsaal anrufen.“ Ich streichelte beruhigend Jennys Hand, als sie die Augen aufriss. „Es wird alles gut. Sie bekommen ein Kind, aber mit Ihnen ist alles in Ordnung.“

„Das hab ich schon“, sagte Dr. Picture. „Die Wehen kommen allerdings noch in so großen Abständen, dass sie noch kein Zimmer frei machen können. Aber eine Frauenärztin ist auf dem Weg hierher. Saubere Diagnose, Rettungsfee.“

Erleichtert wandte ich mich Jenny zu. Dass Dr. Picture bereits im Bilde über die Patientin gewesen war, verwunderte mich nicht. Seine Spielereien konnte er einfach nicht lassen. Es war gemein, das Mädchen unnötig lange im Unklaren zu lassen und die Diagnose durch eine Praktikantin zu überbringen. Aber ich war froh, dass bereits alles in die Wege geleitet war und die Verantwortung nicht bei mir lag. Mit einer Entbindung auf der Notaufnahme wäre ich vermutlich ein wenig überfordert gewesen. Jenny sah ebenfalls etwas überfordert aus.

„Gibt es jemanden, den wir anrufen können?“, fragte ich leise. „Ihre Eltern oder einen möglichen Vater?“

Jenny schnappte nach Luft und keuchte: „Keine Ahnung, was das hier soll, aber ich krieg kein Kind! Geben Sie mir Schmerzmittel, dann kann ich nach Hause gehen und weiter putzen!“

Ich nahm ihre Hände und legte sie auf ihren Bauch. „Fühlen Sie, Jenny. Sie haben nicht ohne Grund zugenommen. Sie sind schwanger und stehen kurz vor der Entbindung. Haben Sie das nicht gemerkt?“

Mit fliegenden Haaren schüttelte Jenny den Kopf und wimmerte: „Aber ich hab doch immer aufgepasst! Ich hab immer ein Kondom benutzt! Und wenn nicht, hatte ich nicht meine fruchtbaren Tage!“

Ich nickte langsam und strich über ihre Finger. „Das hat offenbar nicht funktioniert. Eine Ärztin wird gleich nach Ihnen sehen und Sie aufklären, was genau jetzt mit Ihnen passiert. Soll ich jemanden für Sie anrufen?“

Tränen stiegen ihr in die Augen. Ein leises Schluchzen ließ ihre Schultern beben. „Ich weiß gar nicht, wer der Vater ist. Wann ist es denn passiert?“

„Wir können den Zeitpunkt der Zeugung vielleicht eingrenzen, wenn die Ärztin hier ist“, sagte ich. Mir tat das Mädchen sehr Leid. Es war anscheinend nicht allzu gut aufgeklärt und mit der Situation sehr unglücklich. Als die Gynäkologin den Raum betrat, zogen Sanne und ich uns zurück, um den Hebammenschülerinnen Platz zu machen. Draußen unterhielten wir uns leise über die Patientin, während wir unsere Runde durch die leeren Behandlungszimmer machten, um die verbrauchten Materialien aufzufüllen.

„Meinst du, dass man es wirklich nicht merken kann, wenn man schwanger ist?“, fragte ich Sanne.

Sie wiegte den Kopf hin und her. „Wenn man es nicht sehen möchte, sieht man es wohl auch nicht. Ein Kind wird kaum in ihre Lebensplanung passen. Wahrscheinlich geht sie noch zur Schule oder macht eine Ausbildung.“

Ich dachte den restlichen Tag viel über Jenny und ihr verleugnetes Kind nach. Ob sie ihre Rolle als Mutter nach dem ersten Schrecken annehmen würde? Ob sie trotz allem Zuneigung dem Kind gegenüber entwickeln konnte? Ob sie noch darauf kam, wer der Vater des Kindes war und wie er sich wohl verhalten würde?

Gegen Schichtende lag Jenny noch immer in den Wehen. Am nächsten Tag erfuhr ich, dass man das Kind mit einem Kaiserschnitt auf die Welt geholt hatte. Ich erfragte mir ihre Station und die Zimmernummer und machte mich auf den Weg, um Jenny einen Besuch abzustatten und nachzusehen, wie es ihr ging. Als ich die Hand auf die Klinke legte, drang eine Jungenstimme durch die Tür. Jenny lachte.

Ich grinste und ließ die Türklinke los. Vielleicht war das der Vater des Kindes? Jedenfalls war Jenny beschäftigt und nicht allein. Ich kehrte auf die Notaufnahme zurück und bastelte mir in meiner Fantasie ein Happy End für Jenny zurecht. Ob es der Wahrheit entsprach, war in diesem Moment nicht wichtig. Jenny hatte glücklich geklungen.

Zwei Tage später fing Dr. Picture mich zum Feierabend auf dem Flur ab und zog einen EKG-Ausschnitt aus der Tasche. „Schau, mein Lieblings-EKG!“

Ich betrachtete die gezackten Linien. In regelmäßigen Abständen erhöhte sich die Herzfrequenz beträchtlich. „Was ist das?“

Er lachte. „Das sind die Wehen!“

Kopfschüttelnd nahm ich meine Handtasche und ging nach Hause. Ich kicherte erst, als Dr. Picture außer Hörweite war.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

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  1. Ich verstehe einfach nicht, wie man 9 Monate eine Schwangerschaft nicht bemerken kann (oder verdrängen kann!!) Wie stumpf muss man denn im Kopf sein?
    Das habe ich mich schon immer gefragt!

    Auf jeden Fall wie immer toll geschrieben und irre interessant!! 🙂

    Antwort
    • Vielen Dank für deinen lieben Kommentar! 🙂
      Ja, mich hat das auch erschreckt. Wenn man etwas nicht sehen will, sieht man es eben nicht. Aber in Jennys Fall ist es ja nochmal gut ausgegangen. Sie hat sich am Ende irgendwie doch über das Kind gefreut.
      Dir ein schönes Wochenende!

      Antwort
  2. Ja, das kommt immer wieder mal vor… interessanterweise nicht nur bei fünfzehnjährigen Dumpfbacken übrigens!

    Antwort

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