RSS-Feed

Praktikum auf der Notaufnahme – Wir sind nicht zum Kämpfen hier

Veröffentlicht am

Zu meinem fünfzehnten Geburtstag legte sich in meinem Kopf ein Schalter um. Ich musste unbedingt und auf der Stelle einen Sport anfangen, der mich im Alltag unterstützte und nachts gut schlafen ließ. Also fragte ich meinen Vater, ob er mich zu seinem Boxverein mitnahm. Er war sofort begeistert von dem Gedanken, seine eigene Tochter trainieren zu können und vereinbarte mit mir zwei Trainingseinheiten pro Woche. Die ersten Wochen konnte ich vor lauter Muskelkater nicht einmal mehr Marmeladengläser aufschrauben oder mich schmerzfrei im Bett auf die andere Seite drehen. Doch es war schön, einen gemeinsamen Nenner mit meinem Vater zu haben und darüber einen entspannteren Umgang pflegen zu können. Jahrelang blieb ich dem Boxsport treu. Er brachte viele angenehme Veränderungen in mein Leben. Mein Selbstbewusstsein wuchs, ebenso mein Vertrauen in meine Fähigkeiten. Mit 17 lernte ich während des Trainings einen großen und schönen Mann kennen, mit dem ich inzwischen eine Wohnung und mein Leben teile. Und mit 20, während des Praktikums auf der Notaufnahme, hatte ich weniger Hemmungen, mich gegen aggressive Patienten zur Wehr zu setzen.

—-

Wenn Sanne sich mit diesem bestimmten Gesichtsausdruck aus einem Behandlungszimmer schlich, gab es folgende Möglichkeiten: Der Patient entblößte ständig seine Geschlechtsteile, er beleidigte das Pflegepersonal in einer Lautstärke, die ihr unangenehm war, er war todkrank und wollte sich über den Tod unterhalten oder er schlug um sich wie vom Teufel besessen. Ich sortierte gerade Kanülen unterschiedlicher Größe in die Schubfächer der Nachfüllschränke ein, als sie leise die Tür des Zimmers hinter sich schloss. Als sich unsere Blicke trafen, zuckte sie ertappt zusammen. Sie deutete hinter sich und flüsterte: „Die ist mir ein bisschen zu wild. Ich soll noch mehr Waschlappen holen. Könntest du…?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Ok, ich bring die Waschlappen rein.“

Sanne hatte so große und unschuldige Rehaugen, dass ich es nicht übers Herz brachte, streng mit ihr zu sein. Im Gegensatz zu ihr. Offenbar waren meine Augen nicht groß und unschuldig genug, wenn ich sie um etwas bat. Meine roten Tücher waren psychisch kranke Patienten, die sich mit jemandem über mich unterhielten, den ich nicht sehen konnte und ohne Vorwarnung ausrasteten. Wahnvorstellungen konnte ich nicht leiden, ebenso wie diesen starren Blick, mit dem diese Patienten mich ansahen.

„Du musst dich deinen Ängsten stellen“, sagte Sanne jedes Mal, wenn ich zur Tür schielte und überlegte, wie ich mich der Versorgung des Patienten entziehen könnte. Wurde der psychisch kranke Patient jedoch laut, war sie es, die sich aus der Tür stahl. Darin war sie wirklich gut. Manchmal merkte ich erst, dass sie sich verdrückt hatte, wenn ich nach dem Abschluss der Behandlung selbst das Zimmer verließ.

Ich legte mir die Waschlappen über den Arm und zog mir sicherheitshalber bereits auf dem Flur die Handschuhe über. Dann drückte ich die Klinke hinunter und öffnete vorsichtig die Tür. Auf der Liege wand sich eine ältere Dame, die dem Geruch nach mit Exkrementen beschmiert war. Sie riss ihren Mund auf und schrie aus Leibeskräften um Hilfe.

Gitta versuchte, sie auf der Liege zu halten, ohne von ihren zu Klauen gekrümmten Händen getroffen zu werden. Ich legte die Waschlappen auf dem Tisch ab und trat an die andere Seite der Frau. Bestimmt legte ich meine Hände auf ihre Handgelenke und drückte sie nach unten. Am Anfang hatte ich jedes Mal versucht, ruhig und vernünftig mit den Patienten zu reden, damit sie nicht das Gefühl hatten, wie Gefangene an der Liege festgenagelt zu werden. Doch inzwischen beschränkte ich mich darauf, sie mit möglichst wenig Aufregung in Schach zu halten und vor sich selbst zu schützen. Manchmal tat es mir Leid, wenn die Patienten weinten und bettelten, doch nachdem ich mitangesehen hatte, wie ein Patient dem behandelnden Arzt beinahe eine Kanüle in den Hals gestochen hatte, ging mir die Sicherheit vor.

Die Frau war trotz ihres höheren Alters erstaunlich kräftig. Gitta keuchte: „Sie ist wahrscheinlich aus dem Pflegeheim hier in der Nähe. Man hat sie auf der Straße gefunden und den Notruf alarmiert. Hast du sie?“

Meine unsichere Kopfbewegung deutete sie als Zustimmung und ließ von der Patientin ab. Sofort verstärkte die Patientin ihre Anstrengungen, sich von der Liege zu erheben. Sie trug eine zerrissene Windel, die aus ihrer verrutschten Hose hervorlugte. Die halbe Liege war bereits mit Exkrementen besudelt. Ich nickte dankbar, als Gitta mir von hinten einen mit Orangenöl beträufelten Mundschutz umband.

„Ihr miesen Schlampen!“, schrie die Patientin. „Ihr sollt in der Hölle schmoren! Huren! Huren!“

Kein Wunder, dass Sanne aus dem Raum geschlichen war. Meine Schultern brannten bereits von der verzweifelten Gegenwehr der Patientin.

„Sie war von Anfang an so aggressiv“, sagte Gitta, während sie mit Anne und Susi die Waschutensilien vorbereitete. „Wir haben alles versucht. Die Psychiaterin kommt, so schnell sie kann. Dann können wir sie zur Not auch fixieren. Sie hat Blut im Stuhl, das sollten wir abklären.“

Ich hatte selten miterlebt, dass Patienten am Bett fixiert wurden. Das war ein Mittel, das man sich gern als letzte Möglichkeit aufsparte. Auch weil die Fixierung begründet und juristisch abgesichert vonstattengehen musste. Der Widerstand der Patientin ließ ein wenig nach. Meinen linken Arm konnte ich für einen Moment entspannen. Nun schien sie ihn eher sanft zu sich zu ziehen. Ich sah hinunter und erschrak. Die Patientin hatte meine Hand möglichst langsam und lauernd zu ihrem Gesicht gezogen, um mich zu beißen. Ihr warmer Atem sickerte bereits durch meinen Handschuh. Ich zog meine Hand zurück und drückte sie an der Stirn zurück auf die Liege, als sie dem Zug folgte und sich aufrichtete. „Gebissen wird nicht!“

Sie schrie verärgert auf. „Du Hure! Du Hure! Du miese Hure!“

„Ok, lass sie. Gehen wir alle ein paar Schritte zurück. Wir sind nicht zum Kämpfen hier!“, sagte Susi, eine beleibte und gestandene Schwester. „Stell einfach die Gitter hoch, damit sie nicht rausfällt. Genau. Wir warten auf den Arzt, vielleicht hört sie auf ihn.“

Ich wechselte die Handschuhe und stellte mich zu den Schwestern. Sie beratschlagten, was als Nächstes zu tun war.

„Wir können sie nicht unbeaufsichtigt hier liegen lassen“, flüsterte Gitta. „Nachher rennt sie zurück auf die Straße.“

„Jemand muss hier bleiben und sie im Auge behalten“, bekräftigte Anne. „Wer macht das?“

Die Schwestern sahen mich abwartend an.

Die Tür öffnete sich einen Spalt. Sannes Kopf schob sich in den Raum, nervös warf sie einen Blick auf die Patientin, die sich inzwischen zu einer Kugel zusammengerollt hatte und leise vor sich hinschimpfte.

„Ähm…“ Sie sah mich an. „Dr. Picture fragt nach dir. Das Rea-Team ist auf dem Weg hierher, er will, dass du ihnen bei der Arbeit zusiehst. Raum Drei.“

Schnell warf ich den Mundschutz in den Müll und drückte mich an Sanne vorbei. „Danke!“

Ich hörte noch, wie Sanne „Och nee!“ rief, dann bog ich um die Ecke. Vielleicht war es für Sanne an der Zeit, sich ihren Ängsten zu stellen. Dr. Picture stand vor Raum Drei und winkte mir zu.

„Rettungsfee! Schau, da kommt das Rea-Team angelaufen. Hat etwas von Baywatch, nicht wahr?“ Er lachte. „Sie kommen sowieso zu spät, aber ich dachte, dass du dir mal ansehen solltest, wie sie arbeiten. Wenn du bald auf die Intensivstation kommst, musst du da mitmachen.“

Ich beobachtete, wie vier in Weiß gekleidete Menschen mit allerlei Geräten den Gang entlanghetzten. Wir machten Platz und ließen sie zuerst den Raum betreten.

Dr. Picture hielt mir die Tür auf. „Deine wievielte Leiche?“

„Die Dritte“, antwortete ich und senkte die Stimme. „Ist es denn wirklich zu spät?“

„Das will ich für den armen Mann doch hoffen. Er ist 87 Jahre alt und schon seit drei Jahren ständig im Krankenhaus. Zwei Herzinfarkte. Ein Schlaganfall. Das reicht langsam. Irgendwann muss man nicht mehr weiterkämpfen.“

„Verstehe.“ Ich sah zu, wie das Rea-Team mit der Wiederbelebung begann. Unbewusst drückte ich dem Mann die Daumen, dass sie keinen Erfolg haben würden. Eine Viertelstunde später stellte das Team seine Arbeit ein. Einer der Ärzte trug den Todeszeitpunkt ein.

Wir sind nicht zum Kämpfen hier.

Susis Worte kamen mir in den Sinn. Doch wer entschied, wann es an der Zeit war, den Kampf einzustellen? Was hätte der 87-jährige Mann zu Dr. Pictures Aussage gesagt? Hätte er zugestimmt und für sich beschlossen, dass sein Leben lang genug angedauert hatte? Oder hätte er ihn wütend angesehen? In seinen Augen sprühende Verachtung für die Arroganz der Jungen und Gesunden?

Ich wartete, bis die Ärzte den Raum verlassen hatten und nur noch ein Pfleger übrig geblieben war, der die Arbeitsflächen desinfizierte. Dann trat ich an den Verstorbenen heran und schloss seine Augen. Behandlungsraum Drei war kühl und steril. Kein Ort, um friedlich zu sterben. Wie das gesamte Krankenhaus. Einen Moment lang betrachtete ich die gräulichen Wangen des Toten, die ebenso eingefallen waren wie sein stiller Brustkorb. Dann kehrte ich in den Alltag zurück.

Advertisements

Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Experiment 3088 ..... oder 'Eine Frage der Endlichkeit'

Du kannst dein Leben nicht verlängern, noch verbreitern... nur vertiefen (Gorch Fock)

Quasseltasche

Wie bringst Du Gott zum Lachen? Erzähle ihm von Deinen Plänen.

Leanders feine Linie

Mein Gehirn auf Abwegen

kinderdoc.wordpress.com/

Geschichten aus der Kinder- und Jugendarztpraxis und darüber hinaus

Anna im Backwahn

"Kuchen macht glücklich"

druckstelle

Blog für kleine und große Texte

125tel | Fotogalerie

Street Photography | Landschaftsbilder | Momentaufnahmen

Was uns bewegt

Everything you always wanted to know about motivation -- and did not dare to ask.

berlinmittemom

mothers are all slightly insane.

Schnipselfriedhof

Weblog von Andreas Krenzke und Volker Strübing

Altenheimblogger

Verrückt unter Verwirrten

Der steinige Weg

...auf dem Weg zur Lehrerin

Josephine Im Chaos

(M)ein Leben zwischen Chaos und Kinderkriegen

Perspektivenwechsel - vom anders normal sein

Herzchaosmama (Asperger-Autistin und alleinerziehend) erzählt aus dem Leben einer besonderen Kleinfamilie

Anne Harenberg - Die Wüste & Ich

Romane und der ganz normale Wahnsinn

Alltagimrettungsdienst Blog

Der Alltag im Rettungsdienst aus meiner Sicht

Trinas Welt

Mitten im Leben