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Praktikum auf der Notaufnahme – Alles ist in Ordnung!

Veröffentlicht am

„Hör auf damit!“, zischte Gabi. „Du hast schon wieder diesen Blick!“

Steven, der Pflege-Padawan, wie er sich als Star Wars-Fan selbst bezeichnete, rümpfte die Nase. „Ich guck doch nur. Ist doch nicht verboten.“

Wir standen vor einer arabischen Patientin, die sich mit einem Küchenmesser in den Kopf geschnitten hatte. Wie genau sie das geschafft hatte, wollte sie nicht näher erläutern. Der Polizei hatte sie ebenfalls nicht geantwortet. Die Schwestern munkelten hinter vorgehaltener Angst, dass sie Opfer häuslicher Gewalt geworden war und ihren Ehemann deckte. Dass sie offensichtliche kein Wort Deutsch oder Englisch sprach, erleichterte die Kommunikation nicht.

Mit unbewegtem Gesicht starrte sie an die Wand und beachtete uns nicht. Ein Teil ihrer Kopfhaut hing in Richtung Kinn. Mir wurde ein wenig flau. Verletzungen im Gesicht oder am Kopf sehen meist dramatischer aus, als sie eigentlich sind, doch sie verändern das Aussehen eines Menschen oftmals auf drastische Weise.

„Ein Arzt ist unterwegs, er wird das vernähen“, sagte Gabi. „Wir brauchen jemanden, der ihr das verständlich machen kann. Ich gehe Sara suchen. Steven, du wartest draußen auf den Arzt und klärst ihn über die Situation auf. Und du bleibst hier und behältst sie im Auge. Mach am besten gleich mal ein EKG, damit sie nicht das Gefühl hat, dass sich niemand um sie kümmert.“

Ich blieb mit der Patientin allein zurück. Sie starrte noch immer an die Wand und schien fest entschlossen, jeden Kontakt zu verweigern. Ich überlegte. Meine syrische Freundin Sus hatte mir mehrere arabische Sätze beigebracht, wovon die meisten jedoch eher zum Lästern gedacht waren.

„Er hat ein komisches Kinn.“, „Sein Kopf ist lustig.“, „Er stinkt wie ein Esel.“ und „Seine Nase sieht aus wie ein Penis.“ konnte ich auf Arabisch sagen. Das reichte vermutlich nicht aus, um eine Vertrauensbasis zu schaffen. Was hatte Sus mir noch beigebracht?

„Ich bringe dich um.“ würde die Patientin nicht davon überzeugen, mit mir zusammenzuarbeiten. Oder?

„Wir sind hübsch.“ klang schon positiver, würde sie aber eher verwirren.

„Alles ist in Ordnung.“. Perfekt!

Sie drehte verwundert den Kopf in meine Richtung, als ich den Satz in den Raum stellte und sah mich fragend an. Ich räusperte mich und wiederholte den Satz. Ihr Mundwinkel zuckte. Sie wiederholte den Satz sehr deutlich und betonte die Silben anders. Gehorsam sprach ich ihre Verbesserung nach. Sie nickte.

„Ich mache ein EKG“, sagte ich langsam und deutete auf das Gerät. „Das tut nicht weh. Aber Sie müssen sich obenrum freimachen.“

Ich gestikulierte beim Reden und näherte mich ihr auf ein paar Schritte. Sie nickte langsam, die Augen zu schmalen Schlitzen verengt.

„Alles ist in Ordnung“, sagte ich noch einmal auf Arabisch. Sie lächelte.

Ich half ihr aus der Jacke und knöpfte ihr Hemd auf. Das war mit den Handschuhen gar nicht so einfach, weil die Gummioberfläche ständig in den Knopflöchern hängen blieb. Ich war gerade dabei, ihr den BH auszuziehen, als es draußen laut schepperte und Gebrüll durch die Flure brandete. Die Frau zuckte merklich zusammen und griff nach meinen Händen.

Sie sagte etwas auf Arabisch, was ich nicht verstand. Ihre Augen wurden rund und panisch.

„Alles ist in Ordnung“, sagte ich ratlos, drückte ihre Hände und ging zur Tür.

Als ich meinen Kopf auf den Gang streckte, erblickte ich einen stämmigen Mann arabischer Abstammung, der vor Steven stand und ihn immer wieder gegen die Schultern stieß. Dabei schrie er so laut, dass Steven kaum zu Wort kam. Da der Mann nur arabisch fluchte, hätte Steven sich vermutlich sowieso nicht verständlich machen können.

Ich sah mich nach dem Sicherheitsdienst um. Normalerweise kam er sofort um die Ecke, wenn es laut wurde oder man nach ihm rief. Zwar war Oskar schon relativ alt, aber ich hatte schön häufiger gesehen, wie er mit seiner ruhigen Art und bestimmtem Auftreten so manch heikle Situation entschärft hatte. Er war allerdings nirgends zu sehen.
Maria, die von Dr. Picture lediglich „Kackefee“ gerufen wurden, huschte an mir vorbei und flüsterte: „Ich hole Oskar. Und die Polizei.“

Ich nickte. Steven rutschte an der Wand herunter und machte sich klein. Der Mann hatte sich derart in Rage gebrüllt, dass er fürchtete, er würde ihn schlagen.

„Alles ist in Ordnung!“

Ich hatte die Worte schneller gerufen, als ich nachgedacht hatte. Der Mann fuhr zu mir herum. Seine Brust hob und senkte sich in tiefen, wütenden Atemzügen. Schnell schloss ich die Tür des Behandlungszimmers hinter mir, damit er die Frau nicht sah und nicht auf sie losgehen konnte. Der Mann machte ein paar Schritte in meine Richtung, den Kopf schiefgelegt und die Fäuste geballt.

„Alles ist in Ordnung“, wiederholte ich. Es klang mehr wie eine Frage. Eine weitere Vokabel schoss mir durch den Kopf.  „Deine Frau!“

Ich deutete den Gang hinunter in die Richtung des Sicherheitsbüros. „Deine Frau! Alles ist in Ordnung!“

Er folgte meinem ausgestreckten Finger mit dem Blick und musterte mich scharf. Ich schluckte und wartete. Darauf, dass mein rasendes Herz einfach aussetzte und darauf, dass er mit seinen durchdringenden und zornigen Augen von mir abließ. Steven beobachtete uns atemlos und verharrte in seiner sitzenden Position.

Der Mann sagte etwas auf arabisch. Er klang ein wenig ruhiger. Ich wiederholte meine Worte und deutete erneut in die Richtung des Sicherheitsbüros. Wortlos wandte er sich ab und marschierte den Gang hinunter. Erleichtert sackte ich zusammen und hockte mich für einen kurzen Moment neben Steven.

„Scheiße“, sagte er. „Ich hätte mir fast in die Hosen gemacht!“

„Ich auch.“

Wir kicherten hysterisch. Noch immer schlug mein Herz mit einer Kraft gegen meine Rippen, dass ich beinahe husten musste.

„Sag den Anderen Bescheid, dass ich noch bei der Frau bin. Ich schließe von innen ab, lasse den Schlüssel aber stecken. Den Arzt lasse ich rein.“ Mit wackeligen Knien stand ich auf und drückte die Tür des Behandlungszimmers auf. Nach einem schnellen Blick über die Schulter verschloss ich die Tür und ließ den Schlüssel stecken. Die Hintertür verschloss ich ebenfalls. Die verletzte Frau sah mich ruhig an. Mein Kinn begann zu zittern. Der Schreck saß mir noch in den Knochen. Die verhaltene Brutalität des Mannes hatte mir mehr Angst eingejagt, als ich mir eingestehen wollte. Ich setzte mich auf den Hocker neben der Behandlungsliege und versuchte ein Lächeln. Stattdessen liefen mir plötzlich Tränen über die Wangen.

Die Frau streckte die Hand aus und streichelte mir über den Kopf.

„Alles ist in Ordnung“, sagte sie leise.

Mein gequältes Lachen ging in ein Schluchzen über. Dass diese Frau ihrem Mann derart ausgeliefert war, ihr Leben mit Fassung trug und in dieser Situation ruhig blieb, ging mir sehr nahe. Die Hand der Frau lag warm und tröstend auf meinem Kopf. Ich konnte auch nicht aufhören zu weinen, als der Arzt an die Tür klopfte und Entwarnung gab. Die Polizei hatte den Mann in Gewahrsam genommen.

Ich putzte mir die Nase und schloss die Tür auf. In diesem Moment war es mir beinahe gleichgültig, dass ich unprofessionell und mädchenhaft wirkte. Ich ließ die Tränen einfach weiter auf meinen Kasack tropfen und berichtete, dass ich keine Zeit gehabt hatte, um ein EKG zu machen. Der Arzt nickte nur und tätschelte mir etwas ungelenk die Schulter. „Gehen Sie mal an die Luft.“

Ich verließ das Behandlungszimmer und trat auf den Flur. Steven legte einen Arm um mich und dirigierte mich an die Rettungsschleuse. Als mir der Wind um die Nase wehte, lockerte sich das beklemmende Gefühl in meiner Brust und ließ mir Raum, um Luft zu holen.

„Schade“, sagte Steven. „Gerade eben fand ich dich richtig cool. Aber du heulst wie jedes andere Mädchen auch.“

Er grinste. Ich grinste ebenfalls. Wir lachten.

Ich sah die Frau nicht wieder. Gern hätte ich ihren Namen erfahren oder ihr meine Bewunderung ausgesprochen. Doch andererseits hätte sie kaum verstanden, was ich ihr übermitteln wollte. Der kurze Moment der Verschworenheit, als wir in schweigendem Einverständnis zwischen verschlossenen Türen saßen, würde mir lange im Gedächtnis bleiben. Ich wünschte ihr von Herzen, dass sie trotz aller Umstände Freude und Glück in ihrem Leben erfuhr und wenig Schmerz erleiden musste.

Als ich meine Sachen gegen Schichtende zusammenpackte, zitterten meine Finger nicht mehr. Ich schulterte meine Tasche und verabschiedete mich von der Pflege. Steven umarmte mich spontan und drückte mich fest an sich.

„Schade“, sagte ich. „Gerade eben fand ich dich richtig cool. Aber du klammerst dich an mich wie jeder andere Mann auch.“

Wir lachten. Meine letzte Woche auf der Notaufnahme war angebrochen. Ich war gespannt, was sie mir bringen würde.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

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  1. Du kannst unheimlich gut schreiben! Ich hatte beim Lesen gerade eine richtige Gänsehaut. Häusliche Gewalt ist schon fürchterlich genug, wenn Frau aber auch noch in einem Land, in dem sie sich nicht verständlich machen kann, einem solchen Mann ausgeliefert ist… bitter.

    Antwort
  2. Vielen Dank für deinen lieben Kommentar. Ja, mir hing das auch lange nach. Sie machte den Eindruck, dass sie es einfach nicht anders kennt, das ist schon sehr traurig.
    Dir wünsche ich aber trotzdem eine schöne Woche, liebe Amy. 🙂

    Antwort
  3. ich stimme amy zu, wirklich toll geschrieben!

    Antwort

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