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Praktikum auf der Notaufnahme – Aktenwirtschaft und der Blick fürs Wesentliche

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Das Wartezimmer der Notaufnahme war so gut wie immer überfüllt. Eine lange Schlange hatte sich bereits morgens am Schalter der Stationsleitung gebildet. Dicke, dünne, große, kleine, kranke, gesunde, verletzte, schlecht gelaunte und entspannte Menschen drängelten sich in der Menschenkette um einen Behandlungsplatz.

Manchmal ging es zu wie auf dem Marktplatz. Die Menschen riefen ihre Leiden quer durch den Raum und priesen sich als besonders dringende Patienten an.

„Eine Stichwunde! Ich habe eine Stichwunde! Sehen Sie?“

„Seit einer ganzen Woche habe ich keinen Stuhlgang mehr! Hören Sie? Seit einer Woche!“

„So viel Schleim habe ich ausgehustet! Schauen Sie!“

„Dreimal bin ich heute schon umgekippt! Dreimal, haben Sie gehört?“

Wie auf jedem Marktplatz gab es auch auf der Notaufnahme pro Tag einen notorischen Drängler, der seine Konkurrenten mit viel Körpereinsatz zu übertrumpfen versuchte, indem er seine Leiden direkt vor dem Schalter feil bot.

Ich stand neben Anke am Schalter, die für die Aktenanlegung und Einordnung der Patienten zuständig war, als sich ein junger Mann mit Dreadlocks nach vorne drängte und an den bereits wartenden Patienten vorbeischob. Wütendes Summen brandete auf. Am Schalter angekommen, riss er sich den Pullover hoch und zeigte uns seinen Bauch. Roter Ausschlag zog sich vom Hosenbund bis zur Brust. Er kratzte sich sie schuppige Haut und rief: „Das ist heute Morgen plötzlich aufgetaucht! Einfach so! Sie müssen mich schnell behandeln! Es breitet sich aus!“

„Sie müssen sich hinten anstellen“, sagte Anke ruhig. „Wir haben hier dringendere Fälle.“

Erbost ließ der Mann seinen Pullover fallen und kratzte sich hektisch am Hals. „Haben Sie mir nicht zugehört? Das ist erst seit heute Morgen so!“

„Stellen Sie sich hinten an“, wiederholte Anke. „Oder ich rufe den Sicherheitsdienst.“

Wütend drehte er sich um und stapfte bis ans Ende der Schlange. Boshaftes Gekicher begleitete ihn auf seinem schmachvollen Weg bis zur Flurkreuzung. Anke erklärte mir mit gedämpfter Stimme, wie sie die Akten ordnete. Je nachdem, wie dringend sie den Notfall einstufte, änderte sich die Wartezeit der Patienten.

„Schau, Leute, die mit dem Rettungsdienst zu uns kommen, sind nicht unbedingt immer schlimmer dran als die Menschen, die zu Fuß ihren Weg hierher finden. Aber das weißt du vermutlich inzwischen.“ Sie nickte dem älteren Herrn zu und bat ihn, im Wartezimmer Platz zu nehmen. „Ich achte darauf, wie groß die Schmerzen sind, wie bedrohlich das Krankheitsbild. Ob offene Wunden zu versorgen sind und wie die Gesamterscheinung des Patienten ist. Wenn er sehr blass ist, rutscht er im Stapel höher. Und manchmal…“

Sie beugte sich zu mir und flüsterte verschwörerisch: „…manchmal lasse ich Kandidaten wie den vorhin ein wenig länger warten. Ich mag keine Vordrängler. Oder sehr unfreundliche Patienten, die eigentlich kein wirklich nennenswertes Problem haben.“

„Höflich sein lohnt sich also“, flüsterte ich zurück. Sie grinste.

Höflichkeit steht in der Notaufnahme tatsächlich nicht auf der Tagesordnung. Natürlich muss effizient gearbeitet werden und viele Patienten haben ernsthafte Schmerzen, was den höflichen Umgang und freundliche Floskeln überflüssig macht. Doch manches Mal hätte ich mir von den Patienten oder den Angestellten schon ein wenig mehr Freundlichkeit gewünscht.

Ein Patient stand im Anzug und mit seinem Smartphone am Ohr im Wartezimmer und keifte Anweisungen, während er seine zerschnittene und notdürftig verbundene Hand nach oben hielt. „Nein, im anderen Schrank! Verdammt nochmal! Im anderen…Ich glaub das nicht! Wie blöd kann man sein? Die Akten sind alphabetisch geordnet!“

Die übrigen Patienten schienen sich an seinem Auftreten zu stören, doch niemand wagte es, sich seinem zornesroten Kopf zu stellen. Die ältere Dame, die neben dem schnaubenden Geschäftsmann saß, zuckte regelmäßig zusammen und machte sich klein. Der junge Mann neben ihr öffnete in regelmäßigen Abständen den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn jedoch jedes Mal wieder. Durch seine geschwollenen Wangen sah er ein wenig aus wie ein Fisch, der nach Luft schnappt.

Ich trat auf den Mann zu und räusperte mich. Er drehte mir den Rücken zu und brüllte: „Das ist das allerletzte Mal, dass ich dich etwas alleine machen lassen!“

Die ältere Dame steckte sich die Finger in die Ohren und kniff die Augen zusammen. Ich zupfte an seinem Ärmel und schrak zusammen, als er herumwirbelte und mich wütend musterte. „WAS?“

Ich deutete auf das „Handys verboten“-Schild. „Sie belästigen mit Ihren lauten Telefonaten die übrigen Patienten. Wäre es möglich, dass Sie Ihre Gespräche auf später verschieben oder wenigstens draußen führen?“

Er starrte mich einen Moment lang beinahe verwirrt an. Dann machte er eine unwirsche Kopfbewegung. „Hol mir einen Kaffee, Kleines!“

„Wie bitte?“ Verdutzt wich ich einen Schritt zurück, als er sich so harsch umdrehte, dass ich beinahe seinen Ellenbogen abbekam.

„Lassen Sie ruhig“, sagte die ältere Dame. „Sie haben es ja versucht. Sie sind ein nettes Mädchen.“

Ich schenkte ihr ein etwas gestresstes Lächeln und ging zu Anke. „Wir müssen eine Akte verschieben.“

„Ach ja?“ Amüsiert beugte sie sich vor. „Wer ist es?“

Ich deutete in die Richtung des Wartezimmers. „Der Mann mit dem Anzug und dem Smartphone. Der die ganze Zeit herumbrüllt und den anderen Patienten Angst einjagt. Er ist sehr unhöflich.“

Anke lachte. „Na, das geht aber nicht. Tatsächlich ist er der Nächste in der Reihe.“

„Können wir ihn nochmal ganz nach hinten schieben?“, fragte ich hoffnungsvoll, bekam aber im gleichen Moment Bedenken. Wenn wir ihn auf den letzten Platz im Aktenstapel schoben, würde er die übrigen Patienten im Wartezimmer nur unnötig lange drangsalieren. Die Erziehungsmaßnahme würde nicht ihn, sondern die anderen Patienten belasten. „Oder wenigstens in Behandlungszimmer Zwei bringen?“

Hämisch kichernd zeichnete Anke eine Akte ab und winkte Marion heran. „Der Herr mit der Handverletzung kommt in Zimmer Zwei.“

„Oha“, sagte Marion. „Was hat er denn angestellt?“

Ein großes, rotes Gesicht drängte sich vor das Fenster des Schalters. Der besagte Patient zischte: „Ich warte auf meinen Kaffee!“ und drängte sich an der Schlange vorbei zurück ins Wartezimmer.

„Um den da gehts“, erklärte ich Marion.

Sie nickte langsam. „Behandlungszimmer Zwei ist bereit. Ich bringe ihn hin. Kommst du mit, Rettungsfee?“

Dr. Pictures Spitzname hatte sich inzwischen auch bei der Pflege durchgesetzt. Ich schloss mich Marion an und folgte ihr ins Wartezimmer. Ich fühlte mich in die Schule zurückversetzt und wie eine kleine Petze, doch ein gewisses kindisches Triumphgefühl konnte ich dennoch nicht unterdrücken. Schließlich war es bereits ein anstrengender Tag gewesen. Ich hatte den dicksten Mann mitbehandelt, den ich je gesehen hatte. Zwischen zwei Hautlappen war es zu Läsionen gekommen, da er sich nicht mehr sauber halten konnte und sich kaum bewegte. Ich hatte einen der Lappen halten müssen, meine Arme und meine geschundene Nase brannten noch immer. Insofern betrachtete ich die kleine Gemeinheit am Smartphone-Patienten einfach als Entschädigung.

Marion sprach ihn höflich an, wurde jedoch von einer hektischen Handbewegung unterbrochen. Er hielt ihr seine verbundenen Finger beinahe ins Gesicht, während er weiterhin ins Telefon blaffte. Marion beschränkte sich darauf, ihm mit Gesten verständlich zu machen, dass er mitkommen sollte. Ohne sein Gespräch zu unterbrechen, setzte er sich in Bewegung und folgte uns den Flur entlang.

Behandlungszimmer Zwei lag (wie der Name schon vermuten lässt) direkt neben Behandlungszimmer Eins. In diesem Zimmer lag der besagte dicke Patient und verbreitete einen unerträglichen Geruch von verwesender Haut, Eiter und Exkrementen. Da der Geruch derart penetrant durch die Türritzen des Nachbarzimmers kroch, hatten wir Behandlungszimmer Zwei eigentlich vom Plan genommen. Für den Herrn mit dem Smartphone machten wir allerdings eine Ausnahme.
Leider unterbrach das Rea-Team meine Vorfreude.

Fragend sah ich Marion an, sie nickte freundlich. Also lief ich dem Rea-Team nach und ließ sie mit dem Smartphone-Mann allein.

Inzwischen erkannte ich einige Gesichter des Rea-Teams wieder. Ganz hinten lief Peter, ein Intensivpfleger, flankiert von Angie, einer älteren Schwester. Peter warf einen Blick über die Schulter, erblickte mich und grinste. „Hi!“

Wir kamen vor Behandlungszimmer Acht zum Stehen. Auf dem Krankenbett lag ein kleiner Junge. Mir blieb beinahe das Herz stehen. Noch nie hatte ich mich mit einem Kind in Lebensgefahr auseinandersetzen müssen. Der Kleine war höchstens zehn Jahre alt. Normalerweise wurden Kinder zu einer anderen Notaufnahme gebracht, doch wenn dort nicht genug Plätze frei waren, landeten sie hier.

Wenn Kinder in Gefahr schweben, verändert sich die Stimmung im Krankenzimmer. Dieses Mal hörte ich keinen flapsigen Spruch, kein freundschaftliches Sticheln. Die Stille drückte gegen die Wände des engen Behandlungsraums. Ich machte den Arbeitenden Platz und trat nach hinten, halb auf den Flur. Die Zeit zog sich zäh dahin. Wie Sirup. Ich wartete auf ein Wort der Entwarnung und starrte auf die Rücken des Personals. Huschende weiße Kittel, ein grüner OP-Überwurf. Viele Hände, ein kleines, blasses Gesicht.

Der Arzt gab Entwarnung. Ich atmete erleichtert aus. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich die letzten Sekunden über die Luft angehalten hatte. Das Kind war stabilisiert. Man überlegte, es zur besseren Überwachung auf die Intensivstation zu verlegen. Marion legte von hinten die Hand auf meine Schulter.

„Hey, Rettungsfee. Du hättest sein Gesicht sehen sollen. Wenn du zwischendurch mal eine Minute hast, statte ihm doch mal einen Besuch ab!“

Ich brauchte einen Moment, um zu verstehen, wovon sie sprach. Der Smartphone-Mann. Ihn hatte ich komplett vergessen. Warum hatte ich mich so sehr über diesen Mann aufgeregt? Sein schlechtes Benehmen verblasste neben dem kranken Kind zu einem bedeutungslosen Schatten. Offenbar hatte ich den Tag über den Blick fürs Wesentliche verloren. Der Schreck hatte mir den Kopf wieder gerade gerückt.

Kleinigkeiten schlagen jedem mal auf den Magen. Manchmal macht es sogar Spaß, sich vom Ärger mitziehen und ausfüllen zu lassen. Doch bevor man sich darin verliert und den Verstand aussetzen lässt, sollte man sich in Erinnerung rufen, wie klein das Problem eigentlich ist. Und dass es Wichtigeres gibt.

Als ich den Rückweg antrat, kreuzte ich den Weg der älteren Dame aus dem Wartezimmer. Sie strahlte, als sie mich sah.

„Heute habe ich einen guten Befund bekommen“, sagte sie und drückte mir einen Lutscher in die Hand. „Das ist für Sie.“

Ich lachte. Höflichkeit und Freundlichkeit kann man sich wünschen wie verrückt. Aber wenn man die Augen nicht offen hält, übersieht man sie. Den Lutscher gab ich an Peter weiter. Wenn der Junge wieder zu sich kam, sollte der Lutscher ihn aufheitern. Als Peter um die Ecke bog, wickelte er den Lutscher aus und steckte ihn sich in den Mund. Einen kurzen Moment überlegte ich, ob ich mich ärgern sollte. Dann entschied ich mich dagegen.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

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  1. Sich aufzuregen ist eine völlig normale Reaktion, zu der uns im Alltag aber leider zu viel zu schnell verleitet… so ein Erlebnis rückt das alles für einen Moment in den Hintergrund. Und doch regt man sich nächstes Mal garantiert wieder auf 😉 Weil es menschlich ist…

    Antwort
    • Und weil es Spaß macht. 🙂 Außerdem ist es schön, wenn man sich unbeschwert aufregen kann, weil kein tiefgründiger Schrecken irgendwo lauert. Da hast du Recht!

      Antwort
  2. Auch Intensivpfleger brauchen mal Nervennahrung, und wenn sie nach so einer Episode direkt welche angeboten kriegen… naja. Hättest den Lutscher lieber behalten und später selbst dem Jungen zustecken sollen. 😉

    Antwort
    • Du bist wohl selbst Intensivpfleger…? 😉

      Antwort
      • Nein. Meine „Pflegefälle“ haben keine körperlichen Schmerzen, höchstens gewisse „Entzugserscheinungen“ und entsprechend dünnhäutig sind sie deswegen manchmal.
        Das kostet dann halt auch mal Nerven. Und dann ist es gut, Zugriff zu haben auf einen kleinen Vorrat von Theobromin-Saccharose-Kombipräparaten oder Musterpäckchen der Firma Hans Riegel (Bonn) 😉

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