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Praktikum auf der Notaufnahme – Pflicht und Recht

Veröffentlicht am

Es ist Samstagabend und ich sitze im Bett. Der Laptop auf meinen Knien ist schon beinahe unangenehm warm geworden, nebenan spielt mein Freund ein Computerspiel, in dem offenbar viele Menschen erschossen werden. Immer wieder habe ich die letzten Tage auf den Bildschirm gestarrt, die Finger über der Tastatur schwebend, und habe versucht, an die bisherigen Einträge anzuknüpfen. Doch irgendwie weigert sich mein Kopf, dauerhaft in der Vergangenheit zu wühlen. Deshalb habe ich beschlossen, ein Thema anzuschneiden, das noch immer Einfluss auf mein Leben hat und mir das erste Mal während meiner Ausbildungszeit über den Weg lief. Es bestimmt den Alltag meiner Familie teilweise gravierend und zwingt Menschen dazu, Stellung zu beziehen. Ob sie sich mit der Philosophie des Clubs identifizieren oder ob sie lieber Abstand zu dieser Gruppe halten. Ob sie sich für neue und vielleicht unschöne Erfahrungen öffnen oder ob sie sich verschließen und an ihrer Sicherheit festhalten. Meine Familie wurde ebenfalls zu dieser Entscheidung gezwungen. Unsere Meinungen driften weit auseinander.

Eine neue Kultur trat in unser Leben. In jenem Moment, in dem mein Vater ein Rocker wurde.

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Meine Zeit auf der Notaufnahme neigte sich dem Ende zu. In drei Tagen würde ich auf die Intensivstation wechseln und das Rea-Team bei seinen Einsätzen begleiten. Ich war ein wenig wehmütig und vermisste die Freundlichkeiten der Schwestern bereits, obwohl sie noch direkt vor meiner Nase standen. Mir war bewusst, dass ich auf einer wirklich freundlichen Station gelandet war. Und dass ich mich als Praktikantin darauf gefasst machen musste, dass man mich auf der nächsten Station spüren ließ, dass ich mich am unteren Ende der Hackordnung befand. Einer meiner Klassenkameraden hatte mich vor der Intensivstation des Krankenhauses gewarnt. Laut seiner Aussage waren Praktikanten dort überhaupt nicht gern gesehen.

Manu drückte mir eine Flasche NaCl in die Hand. „Verpasst du dem Patienten in der Vier mal eben eine neue Infusion? Er braucht ein bisschen mehr Flüssigkeit.“

Ich nahm das Infusionsset und die Flasche Kochsalzlösung und klopfte an die Tür von Behandlungsraum Vier, bevor ich die Klinke mit dem Ellenbogen herunterdrückte. Im Krankenbett lag ein Mann um die 50, der mich freundlich begrüßte. Sein langes, von grauen Strähnen durchzogenes Haar hing zerzaust über seine knochigen Schultern, der Bart um seine müden Mundwinkel stand wie elektrisiert in der stickigen Luft. Unter seinem rechten Auge waren mehrere blauschwarze Punkte in die Haut gestochen, an seiner linken Hand glänzten schwere Goldringe. Er sah aus wie ein Rocker.

Ich stellte die Flasche auf den Tisch und packte das Set aus. „Sie brauchen eine neue Infusion, ich werde sie eben anhängen.“

Er brummte zustimmend.

Aus dem Augenwinkel musterte ich ihn noch einmal. Dann fragte ich: „Fahren Sie Motorrad, wenn Sie nicht im Krankenhaus liegen?“

Er lachte. „Sieht man mir das an?“

„Ja.“ Ich schraubte den Schlauch an die Flasche und ließ die Flüssigkeit die Luft vertreiben. „Sie sehen aus wie ein Rocker. Sind Sie einer?“

„Ich fahre gern mit den Jungs aus meinem Club Motorrad, falls du das meinst. Einige würden mich vermutlich als Rocker bezeichnen.“

Das machte mich neugierig. Ich hängte die Infusion an und setzte mich neben ihn auf einen Hocker. „Was ist das für ein Club?“

Sein Lachen klang heiser und vertrocknet. „Du bist ganz schön neugierig.“

Er nannte mir den Namen seines Clubs, doch ich konnte nichts mit ihm anfangen. Er erklärte mir, dass sein Club ein kleiner Freizeitverein ohne kommerzielle Bestrebungen war und sie sich lediglich alle zwei Wochen in der Saison trafen, um gemeinsam ins Grüne zu fahren und dort gemütlich ein Bier zu trinken. Als er von seinem Motorrad erzählte, glänzten seine Augen wie zwei schwarze Käfer. „Du solltest meine Maschine mal sehen. Sie ist steinalt und fährt einwandfrei. Meine Frau ist auch immer gern hinten drauf mitgefahren, bevor ich krank wurde.“

„Bei euch dürfen Frauen mitfahren?“, fragte ich nach. Vom Club meines Vaters war mir nur bekannt, dass Frauen auf einem eigenen Motorrad am Ende der Kolonne fahren mussten, wenn sie schon nicht mit den übrigen Frauen im Auto saßen. Dass sie hinter ihren Männern aufsteigen durften, hatte ich noch nicht gehört.

Er schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Ach, das sind die großen Clubs, die auf dicke Hose machen. Die erlauben den Frauen nicht, in der Kolonne mitzufahren. Meine Frau würde mir was husten, sag ich dir! Wieso fragst du?“

„Ach, ich hab da nur so etwas gehört“, sagte ich nach kurzem Zögern. Der Clubeintritt meines Vaters war noch sehr frisch, bisher hatte ich mit kaum jemandem darüber gesprochen. Auch weil ich das Gefühl hatte, mit einem Mal Mitglied in einer verschworenen Gemeinde zu sein, deren Regeln es mir verboten, meinen Zweifeln Luft zu machen.

Sein Blick suchte den meinen. „Hast du mit den Großen etwas zu tun?“

„Hm“, machte ich. „Ich nicht. Aber mein Vater ist dort vor einigen Monaten eingetreten.“

„In welchen Club?“

Ich nannte ihm den Namen. Sein Gesicht verfinsterte sich. „Warum macht er das? Hast du Geschwister?“

„Ja, fünf.“

Er schüttelte den Kopf. Seine Haare kratzen über den Krankenhauskittel, als wären sie aus Plastik. „So etwas würde ich als Familienvater nicht machen. Dieser Club macht Ärger. Er ist nicht umsonst in den Schlagzeilen.“

„Tja.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Aber er kann ja wieder austreten, wenn es Probleme gibt.“

Mitleid setzte sich in seinem Gesicht fest. „Na ja. Wenn man einmal drin ist, will man nicht mehr raus. Diese Clubs haben eine spezielle Anziehungskraft. Sie strahlen Gefahr aus, Stärke, Gemeinschaft. Wenn du drin bist, bist du drin. Da führt kaum noch ein Weg raus.“

Ich dachte an das leuchtende Gesicht meines Vaters, als er seine Lederkutte die ersten Male trug. An die sorgenvolle Stirn meiner Mutter, als sie nicht so recht wusste, was sie von seinem Lebenswandel halten sollte. An die Reaktion meiner Freundinnen, als ich ihnen davon erzählte. An die Nachrichten im Fernsehen, in denen die „Brüder“ meines Vaters als Verbrecher gehandelt wurden. In was für eine Welt geriet mein Vater da? War er sich der Risiken bewusst? Auch im Hinblick auf seine Familie? Würden wir die Konsequenzen seiner Mitgliedschaft zu spüren bekommen oder lief das Clubleben an uns vorbei? Würden wir viel auf ihn verzichten müssen und ihn noch weniger sehen als ohnehin schon? Immerhin war er der Ernährer einer Großfamilie, war selbständiger Unternehmer und Alleinverdiener. Seine Zeit im Kreis der Familie war bereits begrenzt.

Unsicher sah ich den Mann mir gegenüber an. „Sind Sie denn Vater?“

Er nickte. „Ja, ich habe einen erwachsenen Sohn. Er fährt ab und zu auch bei uns mit. Den Führerschein habe ich ihm zum 20. Geburtstag geschenkt.“ Trotz der intravenösen Zugänge in seinem Arm beugte er sich vor. „Du kannst deinen Vater nicht von seinem Tun abhalten. Aber versuch, dich selbst aus der Sache rauszuhalten. Lass dich nicht einwickeln und behalte einen klaren Kopf. Dann passiert dir bestimmt nichts.“

Ich lächelte ihn an und erhob mich. „Ich muss langsam zurück an die Arbeit. Aber es hat mich gefreut, mit Ihnen zu plaudern.“

Er reichte mir die Hand. Sein Händedruck war kalt und fest. „Ich wünsche dir alles Gute. Komm mich doch mal besuchen, wenn du Zeit hast. Ich würde gern wissen, wie es mit deiner Familie weitergeht.“

Als ich wieder auf den Flur trat, schnürte sich meine Brust zusammen. Stand mir das Recht zu, meinen Vater darum zu bitten, aus dem Club wieder auszutreten? War ein Austritt noch möglich? War ich als Tochter überhaupt in der Position, Forderungen an ihn zu stellen und mich seinen Entscheidungen zu verschließen?

Doch war es andererseits nicht meine Pflicht als Familienmitglied, offen anzusprechen, wenn ich Schwierigkeiten sah? Und als große Schwester auf meine kleinen Geschwister aufzupassen? Hatte mein Vater eine Entscheidung für uns alle getroffen, die wir erst hätten ausdiskutieren müssen? Oder war es sein gutes Recht, ein Leben nach seinen Vorstellungen zu führen, ohne sich vor seiner Familie rechtfertigen zu müssen?

Unschlüssig trat ich von einem Fuß auf den anderen. Steven lief an mir vorbei. „Musst du aufs Klo?“

„Keine schlechte Idee.“ Ich lief zur Personaltoilette und zog die Tür hinter mir zu. Auf dem zugeklappten Klodeckel grübelte ich noch eine Weile über die Entscheidung meines Vaters nach, drehte die Situation im Kopf um, um einen anderen Blickwinkel zu erlangen, wälzte Zitate von großen Denkern durch meine Hirnwindungen. Ob mein Vater ebenfalls so intensiv über seine Entscheidung nachgedacht hatte?

Irgendwann rieb ich mir die Augen und gab auf. Ich würde zu keinem Schluss kommen, wenn ich nicht mit ihm sprach. Meine Schicht war ohnehin beinahe zu Ende. Ich fischte mein Handy aus der Tasche meines Kasacks und klappte es auf. Die Nummer meines Vaters tanzte über das Display, mein Daumen verharrte über dem grünen Anrufsymbol. War das mein Recht? Oder meine Pflicht? Oder ging mich das alles gar nichts an?

Ich klappte das Handy zu und erhob mich. Der Ausspruch von Siegfried Wache kam mir in den Sinn.

Das schlimmste sind Unterhaltungen, bei denen trotz vieler Worte Sprachlosigkeit herrscht.

Ich ahnte, dass mich dieses Zitat in den nächsten Jahren begleiten würde.

Den Patienten aus Behandlungszimmer Vier besuchte ich zweimal. Das erste Mal sprachen wir über verpasste Gelegenheiten und das Glück, eine Familie zu haben.

„Ich würde gern…“ Seine Brust hob und senkte sich unter keuchenden Atemzügen. „…die Zeit anhalten und sie einfach an meiner Seite sitzen haben. Sie in meiner Nähe und in Sicherheit wissen.“

Das zweite Mal schwieg er. Er lag im Koma. Ein drittes Mal besuchte ich ihn nicht.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

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  1. Also ich finde du hast durchaus das Recht deinen Vater auf die Situation und deine Bedenken dazu anzusprechen. Du wirst ihn nicht zum Austritt zwingen können, er ist schließlich ein erwachsener Mann und kann seine eigenen Entscheidungen treffen, aber es wäre schon gut wenn er wüsste dass du einen Austritt begrüßen würdest.

    Und nur mal als Denkanstoß, ich weiß nicht in das auf deinen Vater zutrifft: Vielleicht befürchtet er auch, als Weichei abgestempelt zu werden, wenn er aus Angst vor der Gefahr die der Club ausstrahlt, die Mitgliedschaft beendet. Da würde es vielleicht helfen wenn er weiß, dass die Familie das eher als Zeichen von Stärke und Verantwortungsbewusstsein sieht.

    LG

    Antwort
  2. Hallo Matt, danke für deinen netten Kommentar.
    Du hast Recht, dass man ihm vielleicht mehr signalisieren könnte, dass eine Entscheidung gegen den Club positiv aufgenommen werden würde.
    Inzwischen habe ich ihn bereits mehrfach darauf angesprochen, doch er ist noch immer Mitglied.
    Das ist natürlich seine Entscheidung. Aber es wäre schön, wenn er uns als Familie in die Entscheidung einbeziehen würde. Zumal wir inzwischen mehrfach Ärger durch seine Mitgliedschaft hatten.
    Vielleicht löst sich das Problem mit der Zeit ja von selbst.

    Aber ich habe mich sehr über deine Resonanz gefreut und wünsche dir eine schöne Woche!
    Viele Grüße!
    Pinchen

    Antwort

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