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Intensivstation – Spann deine Muskeln an

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Heute gab es doch wieder einmal Spaghetti mit Pesto. Aber es ist auch einfach so deprimierend, für sich allein zu kochen. Nächste Woche bin ich übrigens zu einem Vorstellungsgespräch bei einer Hilfsorganisation eingeladen, bei der ich Einsätze im Rettungsdienst fahren und meine Ausbildung abschließen könnte. Das wäre super, zumal ich in meinem Studium eine Ausbildereignungsprüfung ablegen kann. Das macht natürlich nur Sinn, wenn ich auch über eine abgeschlossene Ausbildung verfüge. Andererseits ergibt sich daraus dann doch ein zeitliches Problem. Neben Studium, Arbeit, Beziehung, Freunden, Haushalt und Hobbys ist es schwierig, Sterbebegleitung und Rettungsdienst auf die Reihe zu kriegen. Es sieht so aus, als müsste ich mich zeitnah für eine Richtung entscheiden. Ich warte erst einmal das Gespräch ab und schaue, wie sympathisch mir die Organisation ist, dann werde ich euch davon berichten. Ganz sicher im Hinblick auf die Frage, in welchen Bereich ich besser passe, bin ich mir noch nicht.

—-

Nach einigen Tagen hatte ich mich an die Abläufe und den ruppigen Ton der Intensivstation gewöhnt. Die Pflege schien sich ebenfalls an meine Anwesenheit gewöhnt zu haben. Seitenhiebe oder ungeduldige Zurechtweisungen prallten nach und nach an mir ab, nachdem ich verstanden hatte, dass das Personal seinen Frust und ungerechte Behandlungen durch die Ärzte einfach an mich weitergab. Die klassische Hackordnung eines Krankenhauses war auf der neurochirurgischen Intensivstation in Reinform zu spüren, daher musste man die meisten Angriffe in der Regel nicht persönlich nehmen. In den letzten Tagen war ich abwechselnd mit Bernie, der zum Glück wieder gesund war, und Claudia mitgelaufen, einer Schwester, die nebenbei Chemie studierte und am Tag höchstens fünf Wörter sprach.

Eines Morgens trat ein fremdes Mädchen in den Besprechungskreis. Es hatte langes blondes Haar und feine Gesichtszüge. Im kalten Licht der Deckenlampen sah sie ein wenig so aus, als bestünde sie aus Porzellan.

„Wer bist du denn?“, fragte Bernie überrascht.

Inzwischen wusste ich, dass man auf dieser Station prinzipiell immer überrascht war, wenn mehrmals angekündigte Praktikanten das Feld betraten. Das lag schlicht und ergreifend daran, dass Arno aus der Pflegedienstleitung die Informationen überbrachte. Nachdem ich eine solche Situation einmal beobachtet hatte, verstand ich, weshalb sich niemand aus der Pflege an seine Sätze erinnerte.

An meinem dritten Tag nahm ich während der Morgenbesprechung eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahr. Jemand näherte sich dem Gesprächskreis und wedelte mit einem Zettel.

„Das ist Arno“, flüsterte Bernie. „Beachte ihn nicht. Er redet ohne Punkt und Komma. Wenn du ihn dabei nicht ansiehst, geht er bald wieder.“

Ich nickte und richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf Josi, die sich mit Claudia um ein Zimmer stritt. Claudia beschränkte sich bei diesem Disput größtenteils auf Kopfnicken und -schütteln. Schließlich musste sie sich ihre fünf Wörter für dringendere Situationen aufsparen.

„Ich habe hier die Zusammenfassung der letzten Leitungssitzung“, näselte Arno außerhalb des Gesprächskreises. Seine Stimme war so leise und verwaschen, dass man sie sehr leicht ausblenden konnte, was, den Gesichtsausdrücken des Personals nach zu urteilen, auch jeder tat. „Ich habe die Punkte der Tagesordnung aufgeschrieben. Ich fass mich kurz. Also erstens wurde über den…hmm…Hygienestandard….ja….genau. Über den Hygienestandard gesprochen. Ich soll euch daran erinnern, dass ihr regelmäßig eure Hände desinfiziert und bei der Behandlung von Patienten Hand…ja, Handschuhe tragt….genau….hm….“

An Arnos restliche Worte erinnere ich mich nicht. Es ist, als hätte sich ein schwarzer Vorhang über ihn gesenkt und ihn, seinen wedelnden Zettel und die näselnde Stimme einfach verschluckt. Insofern war es kein Wunder, dass niemand sich an Ankündigungen erinnerte, in denen von Praktikanten die Rede war.

Das blonde Mädchen warf sein Haar zurück und lächelte breit. „Ich bin Julie und studiere bald Medizin.“

Sofort hatte ich Mitleid mit ihr. Die Mienen der Mitarbeiter verdunkelten sich, Ablehnung schob sich über ihre Gesichter.

„Tja“, sagte sie gedehnt und mit Stolz in der Stimme. „Und deshalb mach ich mein Pflegepraktikum jetzt schon mal, weil das Studium ja schon anspruchsvoll und arbeitsintensiv ist.“ Sie lachte.

Offenbar konnte sie die Körperhaltung des Personals nicht deuten und wusste nicht, dass Schwestern und Pfleger oftmals eine Abneigung gegen angehende Ärzte hegten. Hatte ihr niemand gesagt, dass Bescheidenheit das Mittel der Wahl war, wenn man als Neuling eine Station betrat? Ich beschloss, sie bei der erstbesten Gelegenheit darauf hinzuweisen, dass man als Medizinstudentin in spe lieber die Füße still hielt, insbesondere auf einer so unfreundlichen Station wie dieser.

Die Gelegenheit bot sich schnell. Bernie übernahm mich, doch Julie ließ man wortlos stehen. Ein wenig verwirrt blieb sie zurück, als das Personal auseinanderstob, um die Übergabe zu machen. Ich ging auf sie zu und reichte ihr die Hand, um mich vorzustellen.

„Mach dir nichts draus“, sagte ich, nachdem ich ihr meinen Namen genannt hatte. „Sie mögen es nicht, wenn Studenten oder angehende Studenten auf ihre Station kommen und mit ihrem Studienfach herausplatzen, das ist alles. Es ist also nichts gegen dich persönlich.“

„Ach“, machte Julie und verzog abfällig den Mund. „Sie sind wohl sauer, weil ich die Einzige mit Abitur bin und nicht mein Leben lang Ärsche wischen muss.“

Einen Moment lang überlegte ich, ob sie das wirklich gesagt hatte. Wusste sie nicht, dass es auch viele Schwestern und Pfleger gab, die ihre Ausbildung nach dem Abitur angefangen hatten?

„So etwas solltest du zum Beispiel nicht sagen“, antwortete ich. „Das macht sie erst recht sauer. Sag einfach nichts und steh nicht im Weg, das haben sie am liebsten. Stell höchstens fachliche Fragen, darüber freuen sie sich manchmal sogar.“

Sie stieß spöttisch die Luft aus. „Was wollen die mir denn schon tun? Die können mir nichts.“

Ich hob die Hände und gab auf. „Wenn du die ekelhaftesten Patienten der ganzen Station waschen möchtest, mach weiter so.“

Als ich mich umdrehte und zurück zu Bernie ging, murmelte sie verärgert vor sich hin und zischte wie ein alter Teekessel. Wenn sie auf Ratschläge nicht hören wollte, musste sie es eben auf die harte Tour lernen, das ging mich nichts an. Zwar tat sie mir ein wenig Leid, doch insgeheim war ich auch erleichtert, dass neben mir nun eine zweite Zielscheibe auf der Station herumlief.

Während ich Bernie bei seiner alltäglichen Routine half, geisterte Julie von Raum zu Raum. Als ich Bernie fragend ansah, schüttelte er den Kopf. „Nee, die will ich nicht.“

Als ich später mit dem Arm voller Wäsche auf den Flur trat, sah ich Julie mit dem hübschen Assistenzarzt reden. Vielleicht fand sie ja darüber ein wenig Anschluss. Ihr Gesichtsausdruck, als das Personal sie einfach stehen gelassen hatte, ging mir nicht aus dem Kopf. Im Endeffekt war sie ja einfach nur eine Abiturientin, die ob der ganzen Veränderungen in ihrem Leben aufgeregt und überschwänglich war und sich deshalb ein wenig verrannt hatte.

Die komatöse Patientin in Zimmer Drei wusch ich allein, da Bernie sich mit einer Zeitung und seiner extragroßen Tasse Kaffee in den Pausenraum zurückgezogen hatte. Ich hatte mir gerade die Schürze umgebunden und alle Waschutensilien um das Bett herum drapiert, als Julie ins Zimmer lugte.

„Komm ruhig rein“, sagte ich. „Du kannst mir helfen, wenn du magst.“

Ein schmallippiges Grinsen spielte um ihre Mundwinkel, als sie an das Bett herantrat und die Patientin beäugte. „Beim Waschen?“

„Das ist doch dein Pflegepraktikum?“ Ich rieb der Patientin mit einem Wegwerftuch Schorf und Speichel aus den Mundwinkeln.

Julie rümpfte die Nase. „Ich bin hier, weil ich bald Medizin studiere. Ich denke nicht, dass ich die Arbeit machen sollte wie diese Leute hier.“

„Doch, natürlich. Wenn es dein Pflegepraktikum ist, bist du hier, um die Pflege kennenzulernen. Es ist gar nicht so schlimm. Nimm dir Handschuhe, dann kannst du mir helfen, sie zu drehen.“

Sie sah mich an, als hätte ich etwas sehr Lustiges gesagt. „Der Assistenzarzt hat mir erzählt, dass du umgekippt bist. Stimmt das?“

Ich seufzte. Es würde wohl noch eine weitere Woche dauern, bis dieser kleine Zwischenfall vergessen war. „Ja, das stimmt. Ich hatte nicht gefrühstückt und zu wenig getrunken. Es war nur eine kleine Synkope und ich hab mir nicht in die Hose gemacht, falls das deine nächste Frage gewesen wäre.“

Sie lachte laut, dann musterte sie mich abschätzend. „Weißt du, was ich in solchen Situationen mache? Wenn ich dabei bin, ohnmächtig zu werden?“

„Hm.“ Ich wrang den Waschlappen aus. „Du wirst einfach ohnmächtig?“

Wieder lachte sie. „Nein. Ich spanne einfach meine Muskeln an. Dann wird man nämlich nicht ohnmächtig.“

Ich schnaubte und kontrollierte die Fingernägel der Patientin, bevor ich zur Nagelschere griff.

„Doch, doch!“ Bekräftigend nickte sie mit dem Kopf, dass ihr die Haare in die Stirn fielen. „Du musst einfach deine Muskeln trainieren. Am besten sind Situps. Spann das nächste Mal alle deine Muskeln an, dann fällst du nicht um. Denn das ist peinlich.“

„Ist das dein Ernst?“, fragte ich mit leicht angenervtem Unterton. „Du kommst hierher, hilfst mir kein Stück und hältst mir Vorträge, welche Aerobic-Übungen und Klimmzugtechniken in Zukunft Ohnmachtsanfälle verhindern sollen? Abitur hin oder her, du hast offenbar keine Ahnung vom menschlichen Kreislauf.“

„Hoppla!“ Sie stützte sich am Geländer des Bettes ab und machte ein langes Gesicht. „Da ist aber jemand schlecht gelaunt. War ja nur ein nett gemeinter Ratschlag.“

„Danke, ich komme zurecht“, sagte ich und schluckte meinen Ärger hinunter. Schließlich war es ihr erster Tag. „Möchtest du jetzt die Beine waschen?“

„Nein, danke.“ Julie stieß sich vom Bett ab und wandte sich um. Im Türrahmen blieb sie noch einmal stehen. „Ein Ratschlag noch: Das Abitur kannst du auch auf der Abendschule nachholen. Du musst das nicht ewig machen.“

Damit verschwand sie. Fassungslos blieb ich zurück und blinzelte einige Male, bevor ich mich wieder auf die Pflege der Patientin konzentrierte. Das erste Mal verstand ich wirklich, warum einige Mitarbeiter der Pflege Medizinstudenten aus tiefster Überzeugung ablehnten. Vermutlich waren sie auf eine Julie getroffen.

Dennoch erzählte ich Bernie nichts von Julies Besuch in Zimmer Drei. Schließlich saßen wir beide ja doch irgendwie im gleichen Boot.

Julie blieb allerdings nicht lange auf der Intensivstation. Nach drei Tagen wechselte sie in ein anderes Krankenhaus. Ich hoffe für sie, dass sie sich dort mit wohlgemeinten Ratschlägen zurückhielt und etwas für ihr Studium lernen konnte. Einen Vorteil hatte ihr kurzer Besuch auf der Station jedoch. Die Mitarbeiter hatten ein viel interessanteres Thema gefunden als mich.

Und falls ich doch noch einmal ohne Frühstück aus dem Haus gehen musste, hatte ich ja Julies Ratschläge, wie ich eine Ohnmacht verhindern konnte. Ich würde einfach ganz fest meine Muskeln anspannen. Denn bekannterweise verhindert man so am besten Synkopen. Schließlich hat das eine angehende Ärztin gesagt.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

Eine Antwort »

  1. “Ach”, machte Julie und verzog abfällig den Mund. “Sie sind wohl sauer, weil ich die Einzige mit Abitur bin und nicht mein Leben lang Ärsche wischen muss.”

    solche sätze sind es, die das pflegepersonal unfreundlich gegenüber ALLEN praktis werden lassen. meine güte, ich hoffe, die fällt durch alle tests im studium. ich bewundere deine geduld! auch wenn man jung ist, kann man respekt gegenüber anderen zeigen!

    Antwort

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