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Intensivstation – Fingerchen, versteck dich

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Das Vorstellungsgespräch rückt näher, nun ist es schon morgen Abend! Ich bin sehr gespannt und hab vor lauter Vorfreude schon meine alten Sicherheitsschuhe aus dem Keller gekramt. Sie sind genauso unvorteilhaft und klobig, wie ich sie in Erinnerung hatte. Seit ich für euch Artikel schreibe und mich mit der Materie wieder mehr auseinandersetze, habe ich auch urplötzlich wieder Lust, mit dem Rettungswagen durch die Stadt zu fahren und Sitzwachen im Krankenhaus abzuleisten. Mal sehen, ob mir der morgige Abend Klarheit bringt oder mir die Entscheidung eher erschwert.

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Ich habe fünf Geschwister und bin das zweitälteste Kind. Bei uns zu Hause war und ist es immer laut, bunt und abwechslungsreich. Und ständig ging etwas zu Bruch oder kaputt. Natürlich war niemals jemand von uns Schuld. Meine Mutter wurde auf ihre Fragen hin mit großen, unschuldigen Kinderaugen angestarrt und erhielt niemals eine Antwort. Wir spielten dieses Spiel hartnäckig und gaben sehr selten nach, selbst wenn die Beweislage nahezu erdrückend war. Niemand hatte etwas gesehen oder angefasst.

An diese Situationen mit meinen Geschwistern musste ich während meines Praktikums auf der neurochirurgischen Intensivstation häufig denken. Dort war es ebenfalls ein Volkssport, sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe zu schieben. Ging etwas kaputt (sei es ein medizinisches Gerät oder ein Patient), wurden Löcher in die Luft gestarrt und Lippen zusammengepresst, Schweigen erfüllte den Raum. Manchmal ermittelte sogar die Polizei gegen das Personal. Innerhalb der sechs Wochen, in denen ich als unterstes Glied der Hackordnung durch die Gänge der Station huschte, kamen uns die Herren in Grün viermal besuchen.

Ich lernte schnell, dass ich keinen Fuß in Räume setzen sollte, aus denen zuvor ein Pfleger oder eine Schwester mit betont gleichgültigem Gesicht geschlendert war. Vermutlich war dort etwas geschehen, was man mir mit Freude anhängen würde. Schließlich war ich nur Praktikantin und auf die Arbeitsstelle nicht angewiesen. Wem konnte man die Schuld also besser zusprechen als der ahnungslosen Hilfskraft, die sowieso in ein paar Wochen wieder verschwunden war? Glücklicherweise hatte Bernie ein Auge auf mich.

„Warte mal!“, sagte er und packte mich am Arm, als ich gerade die Tür von Zimmer Vier öffnen wollte. „Ich brauch mal eben deine Hilfe.“

Überrascht ließ ich mich mitziehen. „Claudia sagte, dass ich dringend mal nach dem Patienten in der Vier schauen sollte. Dass es ihm irgendwie nicht gut geht.“

Bernie schnaubte. „Ihm gehts nicht gut, weil sie einen Zugang hat para laufen lassen. Sein Arm ist dick wie eine Melone. Da lässt du schön die Finger von.“

Er schloss die Tür von Zimmer Neun hinter uns und erklärte mir leise: „Claudia hat dem Arzt Bescheid gesagt, dass er nach dem Patienten sehen soll. Wenn der dich da drin gesehen hätte, wie du womöglich noch an dem Zugang herumdrehst, hättest du deine Sachen packen und nach Hause gehen können.“

Ich schluckte und nickte. Claudia war ganz schön durchtrieben. „Danke, Bernie.“

Wenn ein intravenöser Zugang para läuft, steckt der kleine Schlauch, über den Flüssigkeit und Medikamente in das Blutgefäß laufen sollten, irgendwo im Gewebe, weshalb die Infusion ihren Weg in den Blutkreislauf nicht finden kann. Dann schwillt das umliegende Gewebe an, wird wässrig und dick, bis man die Zufuhr unterbricht und dem Körperteil Zeit gibt, sich zu erholen. Ich hätte also tatsächlich an dem Zugang herumgedreht, wenn der Arzt den Raum betrat.

Und eine Praktikantin, die an einem falsch liegenden Zugang werkelte, ein dicker Arm von einem jammernden, dementen Patienten, der keine verlässlichen Aussagen mehr geben konnte und eine Schwester, die bestrebt war, die Schuld abzuwälzen, waren eine gemeine Mischung. Claudia mochte nicht viel reden, aber sie hatte es faustdick hinter den Ohren.

Bernie deutete auf eine komatöse Patientin neben uns. „Du könntest mir einen Gefallen tun und stattdessen diese Patientin waschen, die liegt schon ein paar Stunden in ihrer Kacke.“

Ich nickte und bedankte mich noch einmal bei ihm, bevor ich die Waschutensilien vorbereitete und die Patientin entkleidete. Sie litt an Diabetes, hatte ein Nierenversagen und eine Krebserkrankung hinter sich und lag seit einer Operation am Gehirn im Koma. Ihre Füße verbreiteten den süßlichen Geruch von Verwesung und waren schwarz verfärbt, ebenso ihre Hände. Von allen Gerüchen im Krankenhaus blieb mir der Verwesungsgeruch am hartnäckigsten in Erinnerung. Wenn ich nach einer Schicht nach Hause kam und mich an den Abendbrotstisch setzte, roch mein Käsebrot danach, meine Milch, mein Apfel. Ich schüttelte den Kopf und versprühte ein Raumspray. Das half zwar nicht lange, überdeckte jedoch wenigstens die stechende Spitze des Gestanks.

Ich hob den Arm der Frau an, um ihn mit dem Waschlappen abzureiben, als mein Blick auf etwas Dunkles fiel. Es sah aus wie ein Stück vertrockneter Kot oder Holz. Da ich Handschuhe trug, hob ich es auf, um es in den Mülleimer zu werfen, doch aus irgendeinem Grund sah ich noch einmal genauer hin. In dem dunklen, trockenen Ding steckte ein Fingernagel. Mir wurde schlecht.

Der Patientin war bei der Pflege ein Finger abgebrochen worden. Und ich hielt ihn in der Hand. Ob Bernie dieses Mal versuchte, mir etwas in die Schuhe zu schieben? Wie sollte ich die Situation erklären, wenn man mich erwischte? Hektisch steckte ich den Finger in die Tasche meines Kasacks, als die Tür knarrte. Stimmen erklangen auf dem Flur, doch die Tür schloss sich wieder. Mein wild hämmerndes Herz schlug Purzelbäume in meiner Brust. Wohin mit dem Finger? Was sollte ich tun? In Windeseile säuberte ich die Patientin, bezog ihr Bett neu, bedeckte sie mit einem frischen Hemd und entsorgte die schmutzige Wäsche. Als ich das Wasser in den Abfluss kippte, hatte ich noch immer keine Lösung gefunden. Wohin mit dem Finger?

Wenn ich ihn zurück ins Bett legte, grenzte ich damit den Zeitpunkt des Geschehens ein, sodass man leicht auf mich zurückkommen würde. Schließlich hatte ich sie gewaschen und das Laken über die Matratze gezogen, auf dem ihr Finger beim Fund gelegen hatte. Das Bett fiel als Fingerversteck weg. Ich könnte den Finger einfach unter das Bett legen und behaupten, dass er mir beim Waschen nicht aufgefallen war. Oder ich warf ihn aus dem Fenster. Oder verfütterte ihn an die zwei Hunde meiner Familie. Ich war nicht unbedingt die geborene Mörderin. Wenn mir schon die Beseitigung eines einzelnen Fingers solche Probleme bereitete, wie sah es dann erst mit einer kompletten Leiche aus? Irgendetwas musste ich tun. Ich konnte nicht den ganzen Tag mit einem abgetrennten Finger in meiner Tasche durch die Gegend laufen. Unters Bett?

Ich holte tief Luft und steckte die Hand in meine Tasche. Nun, da ich wusste, dass es sich um einen abgestorbenen Finger handelte, kostete es mich viel Überwindung, ihn anzufassen. Ich biss die Zähne zusammen, als der schartige Nagel durch meinen Handschuh in meine Haut drückte und griff zu. Mit einer schnellen Bewegung warf ich ihn unter das Bett der Patientin. Er blieb im Schatten unter dem Kopfteil liegen.

„Es tut mir Leid, dass Sie einen Finger verloren haben“, flüsterte ich der Patientin zu. „Hoffentlich können sie die Restlichen behalten.“

Ich warf die Handschuhe in den Müll und schlenderte mit betont gleichgültigem Gesicht auf den Flur. Niemand war auf dem Gang, alle Schwestern und Pfleger waren beschäftigt. Ich fand Bernie in Zimmer Zehn und half ihm dabei, einen alten Herrn zu waschen. Dabei suchte ich in seinem Gesicht nach einem Anhaltspunkt dafür, dass er es gewusst hatte. Doch seine Züge waren entspannt und offen. Vielleicht hatte er wirklich nichts von dem Finger gewusst?

Bei dem Gedanken an die zerrupfte Hand der Frau wurde mir flau im Magen. Wie ruppig musste sie gewaschen worden sein, dass ihr dabei ein Finger abgebrochen war? Zwar waren ihre Finger und Zehen so schwarz und trocken, dass sie vermutlich viel schneller brachen, doch trotzdem musste eine Gewalteinwirkung stattgefunden haben.

„Du kannst schon richtig zupacken“, sagte Bernie. „Nicht so zögerlich. Der geht schon nicht kaputt.“

Ich lächelte angestrengt und packte fester zu.

Meine Gedanken blieben den Tag über bei dem Finger, der vertrocknet und einsam im Schatten des Krankenbetts lag und sich auf dem Boden krümmte. Hätte ich doch jemandem Bescheid sagen sollen?

Während der Schicht beobachtete ich, ob die Patientin Besuch bekam oder das Pflegepersonal noch einmal nach ihr sah. Ihre Pflegekurve wurde zwar zu jeder vollen Stunde auf den neuesten Stand gebracht, doch sie blieb allein. Niemand entdeckte den Finger.

Am Ende der Schicht ging ich mit einem unguten Gefühl nach Hause. Ich wünschte niemandem, dass er so enden musste wie diese Frau. Allein und ohne Besuch auf der Intensivstation, mit ausgerissenen Fingern und ohne Beachtung. Ob sie mitbekommen hatte, wie man ihr den Finger abgebrochen hatte? Ob sie noch etwas spürte, hörte oder roch? Ob sie ihren eigenen Zerfall riechen konnte?
Am nächsten Tag kaufte ich einen kleinen Blumenstrauß im Krankenhauskiosk. Auf Bernies überraschte Nachfrage behauptete ich, ein Mann hätte die Blumen für die Patientin in Zimmer Neun abgegeben. Er nickte und gab mir eine Vase.

Ich stellte die Blumen auf den Nachttisch der Frau und strich ihr über den Arm. Dann sah ich unter das Bett. Der Finger war verschwunden. Und niemand hatte ihn erwähnt oder sich schuldig bekannt. Ich zählte die Finger der Frau, es waren noch Neun. Die Blumen rochen süß und frisch, überdeckten den klebrigen Verwesungsgeruch allerdings nicht komplett. Trotzdem war es eine kleine Verbesserung.

Die Patientin starb zwei Wochen später an den Folgen der Gehirnoperation.

Als die Blumen ihre Köpfe bereits einige Tage hängen ließen, war das Bett der verstorbenen Patientin noch immer leer. Daher staunte ich umso mehr, als plötzlich ein frischer Blumentopf neben dem unberührten Bettzeug stand. Ob das eine Entschuldigung war? Wer die Blumen wohl gekauft hatte? Später am Tag beobachtete ich, wie Claudia mit betont gleichgültigem Gesicht aus der Tür von Zimmer Zehn schlenderte. Von ihren Fingern baumelte eine kleine Gießkanne.

Ich sah schnell weg und vertiefte mich in die Lektüre einer Pflegekurve. Doch in meinem Inneren löste sich ein kleiner Knoten.

Claudia sprach am Tag nicht mehr als fünf Worte. Doch manchmal reicht es auch, Blumen für sich sprechen zu lassen.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

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  1. O_o. so möchte ich niemals sterben. einige stunden in der eigenen scheiße, im koma und dann noch ne claudia, die einem den finger abbricht…. ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. harter tobak.

    Antwort
  2. ich hoffe irgendwie, dass das nur eine verfruehte halloweengeschichte ist..

    Antwort
  3. Eine schreckliche Vorstellung und doch wahrscheinlich gar nicht so selten im Klinikalltag… ich denke, niemand wünscht es sich, so ein Ende zu finden. Und trotzdem hat man es ja leider nicht wirklich in der Hand…

    Antwort
  4. Leider keine verfrühte Halloweengeschichte. Ich kann jedem nur empfehlen, frühzeitig eine Patientenverfügung bei Angehörigen und beim Hausarzt zu hinterlegen, um solche Vorkommnisse zu vermeiden. Man weiß nie, wann man selbst in eine solche Situation gerät.
    Dieses Erlebnis hängt mir manchmal nach, wenn ich darüber nachdenke, wie ich mir für meine Verwandten oder mich selbst den Tod wünsche. So jedenfalls nicht.
    Zu Claudias Verteidigung muss ich sagen, dass sie vollkommen überlastet war und deshalb schnell und hastig waschen musste. Wenn man da irgendwie am Finger hängen bleibt, kann das schnell passieren. Es sollte viel mehr Personal auf der Intensivstation eingesetzt werden, damit die Betreuung auch wirklich gewährleistet werden kann.

    Antwort

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