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Momentaufnahme Nr. 1 – Wankelmut

Veröffentlicht am

Vorgestern war ich bei meinem Vorstellungsgespräch für den Katastrophenschutz. Die Zugführer und Gruppenleiter waren unheimlich nett und aufgeschlossen und haben mir sofort Einsatzkleidung und das „Rettungssanitäter“-Schild für den Rücken ausgehändigt. Sie haben keinen Zweifel daran gelassen, dass sie gerne mehr Frauen in ihrer Einsatzeinheit hätten und mir aufgezählt, bei welchen Einsätzen sie bisher mitgewirkt haben.

Die Sanitäter, Helfer und Betreuer innerhalb der Einheit waren ebenfalls sehr nett und haben mich sofort in die Gruppe integriert, ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, unerwünscht zu sein. Die Charaktere der Einheit sind bunt gemischt, jedes Alter ist vertreten. Da gibt es Cordula, die mit Ende Fünfzig in den Katastrophenschutz eingestiegen ist und zusammen mit ihrem Sohn Timmy Einsätze fährt. Mart, der als IT-Fachmann arbeitet und gerade dabei ist, eine Familie zu gründen, Krissy, die seit fünf Jahren ausgebildete Krankenschwester ist und sich bereits zur Gruppenleiterin der Betreuung hochgearbeitet hat und Bea, die bald ihren vierzigsten Geburtstag feiert und als Sekretärin arbeitet.

Der Ton war gewohnt rau und ruppig, wie ich es vom Personal des Rettungsdienstes kannte. Wir lachten viel, aßen Würste (auch das war auf meiner Rettungswache ein alltägliches Ritual) und ich hatte die Möglichkeit, mir die Gerätschaften und Fahrzeuge der Einheit erklären zu lassen.

Nun bin ich im Zwiespalt. In knapp zwei Wochen ist der erste Termin der Ausbildung zur Sterbebegleiterin. Zwei Ehrenämter kann ich unmöglich zeitlich unter einen Hut bringen. Beides erscheint mir wahnsinnig interessant.

Gestern telefonierte ich mit meinem Freund und erzählte ihm von meinen Entscheidungsschwierigkeiten.

„Wenn ich mich zurückerinnere, hat es dich im Krankenhaus und im Rettungsdienst immer gestört, dass alles wirtschaftlich orientiert war“, sagte er. „Du wolltest dir immer Zeit für die Menschen nehmen. Das kannst du in der Sterbebegleitung besser. Wozu brauchst du das Examen eigentlich? Du machst einen Hochschulabschluss, danach hast du gute Jobaussichten.“

Ich schwieg und trommelte mit den Fingern auf meinem Knie. Warum will ich das Examen? Damit ich neben meinem abstrakten Studium eine zielgerichtete Perspektive habe? Damit ich nachts ruhiger schlafe und keine Angst mehr vor der Zukunft habe? Leider neige ich dazu, meine Chancen unterzubewerten, da ist mein Studium keine Ausnahme. Es gibt Momente, in denen ich davon überzeugt bin, dass ich nie in meinem Leben eine Arbeitsstelle finde. Mein Freund kennt mich gut.

„Wenn du diese Sicherheit brauchst, stehe ich dir nicht im Weg“, fuhr er fort. „Ich will dich in keine Richtung drängen. Aber ich sehe dich eher in der Sterbebegleitung. Im Rettungsdienst wird dir die Zeit, die du dir für die Menschen nehmen willst, fehlen.“

So ist mein Freund. Immer darauf bedacht, mir Raum zur Entfaltung zu lassen und mich in allem zu unterstützen, was ich tue. Dafür liebe ich ihn umso mehr.

Nach unserem Telefonat dachte ich noch eine Weile über seine Worte nach. Er hat Recht mit seinem Einwand, dass mir das Wirtschaftliche an der Medizin schon immer missfallen hat. Neige ich momentan dazu, mir die Medizin im Nachhinein schön zu reden? Möchte ich wirklich wieder zurück in das Land der Sicherheitsstiefel, Einsatzkleidung und Sprechfunkknackgeräusche?

Was mich an meinem Gespräch mit der Koordinatorin der Sterbebegleitung besonders beeindruckt hat, war ihre sanfte Art und ihr geduldiges Zuhören. Sie machte den Eindruck, dass es ihr ehrlich am Herzen lag, dass ihre Mitarbeiter gut behütet und betreut in den Alltag als Sterbebegleiter eintreten können. Dieser weiche Umgangston hatte mir gefallen, ebenso die Philosophie der Hospizbewegung, die Würde und Selbständigkeit des Menschen bis zum letzten Atemzug erhalten zu wollen. Anders als im Krankenhaus, wo demente alte Menschen ans Bett fixiert wurden, damit die Bettflucht nicht mehr möglich war und die überarbeiteten Schwestern sich um ihre anderen Patienten kümmern konnten.

Meine Mutter rät mir allerdings zum Katastrophenschutz. Vor einigen Wochen habe ich ihr das Buch über Hospizarbeit geschenkt, das mich dazu bewogen hat, mich für den Kurs anzumelden, damit sie sich ein Bild von der Sache machen kann.

„Ich kann das nicht am Stück lesen“, sagte sie neulich am Telefon. „Das ist zu schwer, zu bedrückend. Ich arbeite selbst noch daran, dass ich mir meiner Endlichkeit so bewusst geworden bin. Ich bin zu dicht dran. Geh lieber in den Katastrophenschutz. Ich denke auch, dass das interessanter und abwechslungsreicher ist.“

Da meine Mutter vor gut zwei Jahren an Krebs erkrankte, geht ihr die Thematik sehr nahe. Inzwischen gilt sie zwar als geheilt, doch engmaschige Kontrolluntersuchungen, starke Medikamente, die ebenso starke Müdigkeit mit sich bringen und der Verlust ihrer ehemals langen und dicken Haare bestimmen noch immer ihren Alltag. Dass sie sich mit der Hospizbewegung eher ungern auseinandersetzt, kann ich in ihrem Fall sehr gut verstehen. Aber womit will ich mich auseinandersetzen?

Was mich an der Sterbebegleitung so fasziniert, ist die Tatsache, dass es nur darum geht, für einen Menschen Zeit und Interesse aufzubringen, um das Sterben zu einem lebendigen Prozess werden zu lassen. Dass man kein medizinisches Fachwissen, keine blinkenden Gerätschaften aufzuwenden braucht, sondern nur eines: Aufmerksamkeit. Mir gefällt, dass das Sterben als etwas Natürliches angesehen wird, nicht als unsichtbarer Gegner, den man mit Medikamenten befeuert, um ihn in die Flucht zu schlagen. Mir gefällt das Ruhige, Gesetzte und Abgeklärte an erfahrenen Sterbebegleitern, die es für sich angenommen haben, dass unsere Zeit irgendwann ebenfalls kommen wird. Die den Tod in ihr Leben integrieren und damit an Geduld und Kraft gewinnen.

Doch würde ich das ebenfalls können? Mein Freund brachte es sehr gut auf den Punkt: „Vielleicht hast du Sorge, weil die Sterbebegleitung etwas Unbekanntes für dich ist. Den Rettungsdienst kennst du eben schon.“

Tatsächlich kenne ich den Tod bereits, habe ihn gesehen, gehört, gerochen und angefasst. Aber das Sterben ist mir neu.

Der Tod hat für mich ein Gesicht, er ist durch meine Erinnerungen greif- und erfahrbar. Aber das Sterben ist mir noch niemals über den Weg gelaufen. Sterbende Patienten wurden auf andere Stationen verlegt oder lagen anteilnahmslos im Koma. Sterbende haben in meinem Gedächtnis keine Stimme. Vielleicht habe ich Angst vor dem, was sie zu sagen haben. Angst davor, ihnen eine Stimme zu geben.

Meine Einsätze als Sterbebegleiterin in einem halben Jahr wären ambulant. Das heißt, ich würde unter Anderem Menschen begleiten, die in ihrem häuslichen Umfeld sterben möchten. Ich würde auf überforderte Angehörige treffen, mich mit Kindern auseinandersetzen, die einem Elternteil beim Verenden zusehen müssen und Konflikte miterleben, die am Sterbebett ausgetragen werden. Erbstreitigkeiten, Schuldzuweisungen, Wehklagen. Das alles sind Dinge, die man im Rettungsdienst eher am Rande wahrnimmt. Zu einer Begleitung gehören sie jedoch dazu.

Natürlich kann man all das auch von einer anderen Seite sehen. Ich würde nicht nur Streitereien miterleben, sondern auch Liebesbekundungen. Nicht nur Wehklagen, sondern auch letzte Wünsche. Nicht nur Erbstreitigkeiten, sondern auch kleine Geschenke und liebevolle Gesten.

Im Rettungsdienst versorge ich körperliches Leid, stoppe Blutungen und betreue nebenbei meinen Patienten psychosozial, um ihm die Angst zu nehmen, bis ich ihn an die zuständige Fachkraft weitergebe.

In der Sterbebegleitung versorge ich seelisches Leid, greife nicht aktiv oder selbstbezogen in den Prozess des Sterbens ein und bin einfach da, um dem Sterbenden den Abschied zu erleichtern und ihm ein wenig Angst zu nehmen, bis er für immer seine Augen schließt.

Eine Sterbebegleiterin sagte zu mir: „Wenn du den Menschen nicht in dein Herz lässt, wird deine Begleitung lieblos sein.“

Bin ich dazu bereit, einen Menschen an mich heran zu lassen, wenn wir uns bald darauf wieder verabschieden müssen? Halte ich das aus? Und wenn nicht, kann ich es lernen?

Ich werde mir die Zeit bis zum Beginn des Kurses nehmen, um noch einmal alles zu überdenken. Doch momentan habe ich das Gefühl, dass die Sterbebegleitung mir mehr geben kann, als jeder Rettungsdienst oder Katastrophenschutz der Welt.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

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  1. Ich muss mal eins sagen, auch wenn ich den Text noch nicht zuende gelesen habe, du schreibst sehr gut, also mit dem Herzen. Für mich war immer die Klinik der Ort, an dem man wenig Zeit für seine Patienten hatte. Im Rettungsdienst hab ich für mich das gefunden, nämlich Zeit für meine Patienten. Auch wenn es nur 5 Minuten waren.

    Ich würde es ausprobieren, ob du jemand so Nahe an dich heranlassen kannst. Mitgefühl dürfen wir haben, nur Mitleiden sollen wir nicht, denn sonst machen wir den Beruf nicht lange.

    Antwort
    • Hallo Paul, vielen Dank für deine netten Worte. Du sprichst da etwas sehr Wichtiges an. Den Unterschied zwischen Mitgefühl und Mitleiden werde ich mir auch erst einmal bewusst machen müssen. Es freut mich, dass der Rettungsdienst für dich die Möglichkeiten bietet, auf deine Art für den Patienten da zu sein. Schön, dass du damit deine Nische gefunden hast!

      Antwort
  2. Was spricht dagegen, jetzt die Sterbebegleitung zu machen? Ob du es dauerhaft kannst und/oder willst, findest du nur heraus, indem du es ausprobierst.
    Außerdem ist keine Entscheidung in Stein gemeißelt. Wenn sie falsch war, kannst du sie korrigieren. Wenn du feststellst, dass Sterbebegleitung doch nicht das richtige ist für dich, machst du in ein, zwei Jahren eben wieder Rettungsdienst.
    Ich würde es an deiner Stelle ausprobieren. Ich liege vielleicht falsch mit meiner Einschätzung von dir, habe aber die Vermutung, dass du das Gefühl haben könntest, vor der Sterbebegleitung „gekniffen“ zu haben, wenn du es nicht versuchst.

    Antwort
    • Hallo Fau M. 😉

      Du hast Recht, dass ich vermutlich das Gefühl hätte, mich vor der Begleitung gedrückt zu haben. Vielleicht mache ich mir auch zu viele Gedanken. Ich sollte es wirklich einfach ausprobieren, falls ich es nicht verarbeiten kann, höre ich einfach wieder auf. Aber deine Worte bestärken mich auf jeden Fall darin, in knapp zwei Wochen zum ersten Termin zu gehen, um mir ein Bild davon zu machen. Wenn die Gruppe nett ist und ich mich gut aufgehoben fühle, werde ich den Kurs machen.
      Dir ein schönes Wochenende und danke für deine Rückmeldung!

      Viele Grüße
      Pinchen

      Antwort

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