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Intensivstation – Der Entertainer

Veröffentlicht am

Die Hälfte meiner Zeit auf der neurochirurgischen Intensivstation lag bereits hinter mir, als ich Gunnar zugeteilt wurde. Gunnar war ein fülliger Mann Anfang Vierzig, der zu jeder Tages- und Nachtzeit ein handbesticktes Taschentuch in den Falten seines Kasacks mit sich trug, um ab und an über seine Glatze zu reiben.

„Das regt die Durchblutung an“, verriet er mir, nachdem wir uns einander vorgestellt hatten. „Das ist gesund und hält jung!“

Er arbeitete neben seinen Schichten im Krankenhaus auf einem Kreuzfahrtschiff als Entertainer. Auf meine Frage, was genau ich mir darunter vorzustellen hätte, vollführte er ausschweifende, theatralische Gesten und rief aus: „Also, das kann ich so nicht beantworten. Das lässt sich nicht erklären, nur erleben!“

Ich nickte und verkniff mir ein Grinsen. Gunnar wirkte wie ein aufgeregtes Huhn mit Glatze. Ich mochte ihn sofort. Die Zusammenarbeit mit ihm war angenehm und unterhaltsam, da er seinen Aufgaben als Entertainer auch zwischen den Krankenbetten nachkam.

„Hören Sie, hören Sie!“, sagte er zu einem alten Mann, der nicht mehr sprechen konnte, mit seinen Augen jedoch aufmerksam das Geschehen um ihn herum verfolgte. „Ich erzähle Ihnen eine Geschichte!“

Der Patient kniff die Augen zusammen und fixierte Gunnar. Er wirkte verblüfft.

„Also…“ Gunnar kicherte. „Ein Patient liegt auf der Intensivstation und hat nicht mehr lange zu leben…“

Ich zuckte die Achseln, als der Blick des Patienten zu mir wanderte und lächelte entschuldigend. Ob der Patient über Gunnars Geschichte würde lachen können? Schließlich lag er selbst ebenfalls auf der Intensivstation und hatte nicht mehr lange zu leben, obwohl die Ärzte planten, ihn in einigen Tagen wieder nach Hause zu entlassen, damit er dort von seinen Angehörigen gepflegt werden konnte.

„…da kommt ein Priester zu Besuch, um ihm die Beichte abzunehmen. Der Mann kann aber gar nicht mehr sprechen!“

Noch eine Parallele zum Patienten. Ich räusperte mich, um Gunnar zu unterbrechen, doch er war viel zu sehr in seine Aufgaben als Entertainer vertieft, als dass er auf mich hätte eingehen können.

„Da ist eine Beichte natürlich schwierig! Plötzlich wird der Patient unruhig, keucht und krächzt, greift nach Papier und Zettel, schreibt etwas auf und stirbt. Bamm!“ Er schlug mit der Faust in seine Handfläche. „Der Priester denkt sich, hui, das ist privat, bringt den Zettel der Witwe und wartet ihre Reaktion ab. Da fällt sie einfach um. Bamm!“ Erneut traf seine Faust auf seine Hand. „Da guckt der Priester sich den Zettel näher an. Und was steht drauf?“

Mit leuchtenden Augen starrte Gunnar erst mich, dann den sprachlosen Patienten an. „Sie stehen auf meinem Beatmungsschlauch!“

Er lachte, dass sein Bauch schaukelte. Betreten sah ich den Patienten an, der mit zitternden Fingern seinen eigenen Schlauch berührte und lediglich schwach mit dem Mundwinkel zuckte. Gunnar hatte einfach kein Gefühl dafür, wann er wen unterhalten sollte und was er wem erzählte.

Gunnars Gelächter verebbte, als er bemerkte, dass niemand über seinen Witz lachte. Abgesehen von ihm selbst. Eingeschnappt drehte er sich um und verließ den Raum. Nachdem er die Tür hinter sich ins Schloss gezogen hatte, trat ich an den Patienten heran und entschuldigte mich für den Witz. „Hören Sie nicht auf Gunnar. Ich werde ein Auge darauf haben, dass kein Priester Ihr Zimmer betritt.“

Sein Lächeln wurde breiter, er deutete auf die kleine Zaubertafel, die neben seinem Bett auf dem Tischchen lag. Da seine Finger zitterten, waren die Buchstaben ungelenk und schwer leserlich. Ich brauchte einen Moment, um das Geschriebene zu entziffern.

„Bl…das ist doch ein „l“? Ok, Blon…Blondinenwitz?“

Er nickte.

„Sie wollen einen Blondinenwitz hören?“

Er nickte abermals, seine trüben Augen huschten zur Tür.

„Von dem Pfleger, der gerade noch hier war?“

Seine Lippen wurden durch sein breites Grinsen beiseite geschoben und gaben den Blick auf seine zahnlose Mundhöhle frei.

„Na gut, dann werde ich ihn holen. Sie müssen sich aber darauf gefasst machen, dass er ein paar Stunden lang an ihrem Bett steht und Witze erzählt, wenn Sie ihn so ermutigen.“

Er krächzte zustimmend.

Ich schüttelte lachend den Kopf und machte mich auf die Suche nach Gunnar. Ich fand ihn in der kleinen Küche, wo er gedankenverloren an einem Stück Kuchen herumzupfte. Er sah auf, als ich den Raum betrat und seufzte.

„Ich glaube, der Herr fand mich nicht besonders witzig. Er hat gar nicht gelacht.“

Ich setzte mich ihm gegenüber und nahm mir ebenfalls ein Stück Kuchen. Eine der Schwestern hatte ihn anlässlich ihres Geburtstages gebacken. „Quatsch. Warum hätte er mich sonst fragen sollen, ob du ihm ein paar Blondinenwitze erzählst?“

Gunnars Augen wurden groß. „Hat er? Wirklich?“

„Oh ja!“ Grinsend steckte ich mir Kuchen in den Mund. „Aber er besteht auf Blondinenwitze.“

Das Drama und der Elan kehrten auf sein Gesicht zurück. „Entschuldige mich, ich muss meine Arbeit erledigen.“

Der Stuhl kratzte über den Boden, als er aufsprang und aus der Küche wuselte. Sein angebissenes Kuchenstück ließ er liegen.

Damit Gunnar ungestört seinen Pflichten als Entertainer nachkommen konnte, übernahm ich die Schichtarbeit. Inzwischen wusste ich, an wen ich mich wenden konnte, wenn ich allein nicht weiterkam, daher musste ich ihn noch nicht einmal unterbrechen. Wenn ich an der Tür zum Zimmer des sprachlosen Patienten vorbeiging, lauschte ich seinem Krächzen und Gunnars volltönender Bassstimme, schnappte Pointen auf und abgedroschene Scherzfragen. Beide schienen in dem einseitigen Gespräch wirklich aufzugehen. Ich war wohl zu streng mit Gunnar gewesen. Anscheinend konnte er sehr wohl einschätzen, wen er zu welcher Zeit bespaßen sollte.

Gegen Schichtende unterbrach ich die beiden kurz, um den Patienten waschen zu können. Gunnar lief mit vor Stolz schwellender Brust währenddessen in die Küche, um die Reste seines Kuchenstücks zu essen.

Als ich den Patienten wusch, fiel mein Blick auf seine kleine Schreibtafel. „Zugabe“, stand in ungelenken Buchstaben auf der hellen Oberfläche. Unsere Blicke trafen sich für einen Moment, dann senkten sich seine geschwollenen Lider über die blaue Iris und er schlief ein. Gunnars Besuch hatte ihn erheitert, aber angestrengt.

Ich verbrachte drei Schichten mit Gunnar im Zimmer des sprachlosen Patienten. Zu Beginn der vierten Schicht lag ein helles Laken über seinem Gesicht. Er war in der Nacht überraschend gestorben.

„Hoffentlich stand niemand auf dem Beatmungsschlauch“, sagte Gunnar kichernd zu mir.

Ich sah ihn von der Seite an, mein Blick blieb an der kleinen Zaubertafel hängen, die er an seine Brust gedrückt hielt. Er wurde verlegen. „Ich möchte sie bei mir zu Hause an die Wand hängen. Ich würde mich gerne länger an diesen Mann erinnern.“

Gerührt legte ich meine Hand auf seinen Arm. Er griff nach ihr und hielt sie fest. Sein Atem ging schwer und stoßweise. Dieses Mal zog ich sein handbesticktes Stofftuch aus der Tasche seines Kasacks und reichte es ihm. Da er meine Hand nicht loslassen wollte, nahm ich ihm die Zaubertafel ab, damit er sich die Nase schnauben konnte.

„Du bist wirklich durch und durch eine Dramaqueen“, sagte ich.

Wir lachten.

Auch wenn der Patient auf der Intensivstation verstorben war, hatte er seine letzten Tage in guter Gesellschaft verbracht. Gunnar hatte sich Zeit für ihn genommen und ihn zum Krächzen gebracht, ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Es war traurig, dass die Station so unterbesetzt war, dass die Pflege eine solche Betreuung nur in Ausnahmefällen gewährleisten konnte.

Für die Frau mit dem abgebrochenen Finger hätte ich mir ebenfalls einen Pfleger wie Gunnar gewünscht. Er hätte sich an ihrem Zustand nicht gestört und ihr vermutlich trotzdem Witze und kleine Geschichten erzählt. Auch wenn die Patienten nicht mehr sprechen konnten oder sogar im Koma lagen – man konnte nie wissen, wie viel sie von ihrer Umwelt mitbekamen.

Leider arbeitete Gunnar jeden Monat nur einige Schichten ab, um sich danach wieder seiner Anstellung auf dem Kreuzfahrtschiff zu widmen. Bevor er auf die Station zurückkehrte,war ich bereits auf die kardiologische Intensivstation umgezogen. Doch das erheiterte Krächzen des Verstorbenen hatte ich noch eine ganze Weile im Ohr.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

Eine Antwort »

  1. einfach schön!

    Antwort

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