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Intensivstation – das Schlauchgeheimnis

Veröffentlicht am

So, nun geht der Sterbebegleitungskurs in weniger als einer Woche bereits los. Ich bin gespannt und langsam ganz schön aufgeregt. Mein Freund ist wieder da und kocht vernünftiges Essen für mich, mit Vollkornspaghetti und Pesto ist also vorerst Schluss! Gestärkt und zufrieden kann ich mich somit wieder meinen Erlebnissen auf der Intensivstation widmen.

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Inzwischen pendelte ich zwischen der neurochirurgischen und der kardiologischen Intensivstation hin und her, weil sich die Pflegeleitung nicht ganz sicher war, wo ich denn nun eigentlich hingehörte. Das Personal auf der kardiologischen Intensivstation wurde ein wenig von den „Neurochirurgen“ belächelt, weil die Fälle dort weniger spektakulär waren. Auf der chirurgischen Station lagen offene Schädeldecken, Gefäße mit Gehirnflüssigkeit und Patienten, die nach ihren Operationen am Gehirn wesensverändert aus dem OP gefahren wurden. Die kardiologische Station hatte größtenteils mit sehr alten Menschen zu tun und kümmerte sich um alles, was nichts mit dem Kopf zu tun hatte. Der Großteil der Patienten lag im Koma, einige waren verwahrlost oder so aufgedunsen, dass man nur mit Mühe die Nase vom Kinn unterscheiden konnte. Ich fühlte mich auf beiden Stationen nicht sonderlich wohl. Was mich am meisten störte, waren nicht die Gerüche oder der raue Umgangston, sondern das Desinteresse und die Ablehnung des Personals, die in der Gegenwart eines ansprechbaren Patienten spürbar wurde.

Auch hier betreuten die Schwestern und Pfleger mehr Patienten, als es eigentlich zulässig war. Teilweise kümmerte sich eine einzige Schwester um vier Intensivpatienten, obwohl normalerweise eine 1:1-Betreuung angestrebt wird. Dementsprechend schlecht konnte auf die Bedürfnisse der Patienten eingegangen werden.

Eines Tages wurde ich einer sehr jungen Schwester namens Janine zugeteilt, die keinen Hehl daraus machte, dass es ihr zu anstrengend war, mir ihre Handgriffe und die Routine zu erklären. Die meiste Zeit über blieb ich mir daher selbst überlassen. Ich sortierte gerade Bettpfannen in die Schränke ein, als ich ein gequältes Stöhnen aus Zimmer Fünf hörte, welches bald darauf in ein ersticktes Gurgeln überging. Ich schloss die Schranktüren und betrat das Zimmer, um nachzusehen, ob alles in Ordnung war. Der alte Mann im Bett hatte vor einigen Wochen ein Tracheostoma bekommen, ein Loch in der Luftröhre, über das die Beatmung gesichert werden konnte. Aus der Wunde ragte das Endstück des geriffelten Sauerstoffschlauchs, seine Finger fuhren ziellos durch die Luft. Der Schleim, der in seinem Hals entstand, störte die Sauerstoffzufuhr und erschwerte ihm das Atmen, deshalb musste er regelmäßig abgesaugt werden.

„Ich sage der Schwester Bescheid“, sagte ich zu ihm und legte ihm kurz eine Hand auf den Oberarm. Er nickte hektisch.

Auf dem Flur traf ich auf Janine. „Der Patient in der Fünf bekommt schlecht Luft und muss abgesaugt werden.“

Janine zuckte mit den Schultern und verschwand um die Ecke. Verärgert sah ich ihr nach, dann drehte ich mich um und kehrte zu dem keuchenden Patienten zurück. „Die Schwester hat gerade keine Zeit.“

Tränen traten dem Patienten in die Augen, die sich zu Schlitzen verengten, als er versuchte, trotz des Schleims genug Sauerstoff in seine Luftröhre zu ziehen. Mein Magen zog sich zusammen. Ratlos trat ich noch einmal auf dem Flur und sprach einen Pfleger an, doch dieser zuckte ebenfalls nur mit den Achseln und marschierte in ein anderes Zimmer. Ein drittes Mal trat ich an das Bett des Patienten. Er griff nach meiner Hand, ich hielt sie fest. Das feuchte Gurgeln sorgte dafür, dass sich meine eigene Kehle ebenfalls beengt anfühlte. Als hätte sich Watte über meinen Gaumen gelegt.

Mit der anderen Hand zeigte der Patient auf mich, danach auf seinen Hals.

„Sie wollen, dass ich Sie absauge. Ich bin aber nur Praktikantin und darf das nicht.“

Er drückte meine Hand und formte mit seinen Lippen ein stummes „Bitte!“.

Ich beugte mich vor und flüsterte: „Sie verraten mich aber nicht?“

Ein schwaches Grinsen flackerte in seinen Mundwinkeln, bevor er erneut verkrampfte. Panisch umklammerte er meine Finger. Seine alte Haut fühlte sich an wie kaltes Papier.

Nach einem Blick über die Schulter nahm ich den Absaugschlauch aus seiner Halterung und drehte das Ventil auf, damit er die Luft einzog. Ich hatte den Schwestern schon einige Male beim Absaugen zugesehen und wusste, dass der dünne Aufsatzschlauch steril sein musste. Ich fischte ein Päckchen aus dem kleinen Metallkorb an der Wand und riss es auf. Ich öffnete das Papier, bis ich den Schlauch bequem greifen konnte und streifte einen sterilen Handschuh über.

Mit der nicht sterilen Hand nahm ich den Sauerstoffschlauch vom Tracheostoma des Patienten und hängte ihn über das Beatmungsgerät. Sofort wurde mein Gesicht heiß vor Angst. Ich durfte nicht zu lange brauchen und keine Keime in die Wunde kommen lassen. Wenn etwas schief ging oder ich erwischt wurde, wie ich ohne Beaufsichtigung einen Patienten absaugte, konnte ich sofort meine Sachen packen und nach Hause gehen.

Vorsichtig führte ich den sterilen Schlauch in das Stoma ein. Ich hatte keine Ahnung, wie tief ich den Schlauch in den Hals des Patienten schieben konnte.

„Sagen Sie Bescheid, wenn ich zu tief drin bin“, sagte ich zu dem Patienten, bevor mir einfiel, dass er ein Loch in der Luftröhre hatte (in dem ich gerade herumstocherte) und daher nicht in der Lage war, mit mir zu sprechen. „Äh, zupfen Sie an meinem Ärmel.“

Ich stieß auf Widerstand, der Patient röchelte und riss an meinem Ärmel. Vor lauter Schreck zog ich den Schlauch zurück, ohne das Luftloch am Absauger zu schließen, sodass der ganze Schleim blieb, wo er war – im Patienten. „Oh, das tut mir Leid. Ich muss nochmal rein.“

Inzwischen brannten meine Wangen vor Scham, Aufregung und Mitleid. Der Patient zupfte zweimal am Stoff meines Kasacks und nickte mir zu. Erneut führte ich den Schlauch in das Stoma ein, verschloss das Luftloch und zog den Schleim aus seiner Luftröhre. Schnell schloss ich den Beatmungsschlauch wieder an das Stoma an, warf den schleimigen Schlauch in den Mülleimer und säuberte den Absauger in seinem kleinen Becken.

Der Patient schloss die Augen und sank mit einem langen Seufzen in seine Kissen. Nachdem ich mir die Handschuhe ausgezogen hatte, strich ich ihm über den Unterarm und entschuldigte mich dafür, dass ich ihm unnötige Schmerzen bereitet hatte. Er öffnete ein Auge und deutete auf die Uhr. Den Daumen spreizte er von seinen geschlossenen Fingern ab.

„Eine Stunde?“, fragte ich. Er nickte. „Ich soll Sie in einer Stunde wieder absaugen?“

Er grinste und streckte die Hand nach mir aus. Tröstend und irgendwie väterlich tätschelte er mir die Schulter, als wollte er sich bei mir entschuldigen.

„Wenn Sie mich nicht verraten, bin ich in einer Stunde wieder da.“ Ich hielt ihm meinen kleinen Finger hin. „Ihr Wort darauf!“

Seine bleichen Lippen spannten sich unter einem breiten Grinsen, als er seinen kleinen Finger um meinen hakte und wir unsere Hände schüttelten.

Im Laufe meiner Schicht saugte ich ihn sechsmal ab. Das Absaugen funktionierte immer besser und schneller, nach dem zweiten Durchgang fing er an, mir für meine Leistung Noten zu geben. Da er nicht sprechen konnte, hielt er die jeweiligen Finger in die Höhe, um mir seine Meinung mitzuteilen. Am Ende des Tages stand ich bei einer Zwei.

„Nur eine Zwei?“, fragte ich kopfschüttelnd. „Dieses Mal hat es doch gut geklappt. Sie sind zu wählerisch.“

Einer seiner Finger senkte sich langsam, nur um sich dann erneut in die Höhe zu strecken. Er machte sich über mich lustig. Wir grinsten beide.

Einmal hielt er mich an meinem Kasack zurück, als ich ihn gerade abgesaugt hatte und den Raum wieder verlassen wollte. „Danke“, formten seine Lippen.

Die folgenden Tage schlich ich mich immer wieder in sein Zimmer, um ihn abzusaugen und ihm das Atmen zu erleichtern. Dennoch stagnierte meine Bewertung und blieb bei einer Zwei. Was ich auch unternahm, wie schnell und schmerzlos ich ihn vom Schleim befreite, die Zwei blieb sein höchstes Lob.

Eines Tages lag er still in seinem Bett. Er röchelte nicht mehr. Auf seinem Gesicht lag ein weißes Laken. Die Beatmungsmaschine schwieg, seine Hände lagen geöffnet und mit den Handflächen nach oben auf dem hellen Stoff. Letzte Nacht hatte er die Augen für immer geschlossen und die Lebenden verlassen.

Es versetzte mir einen kleinen Stich, dass er gestorben war. Sein gutmütiges Gesicht und das schelmische Funkeln in seinem Blick hatten mir die Schicht oftmals erträglicher gemacht. Ich legte eine Hand auf seine Finger. Sie waren kalt. Vorsichtig drehte ich seine Hand um und schloss sie zur Faust. Dann zog ich seinen Daumen hervor und betrachtete mein Werk. Da war sie, meine Eins.

„Sie waren ein guter Lehrer.“ Ich strich über den Daumen. „Nur Ihre Benotung war ganz schön streng.“

Ich zog an seinem Zeigefinger, sodass seine Hand die vertraute Zwei darbot. Der Kloß in meinem Hals lockerte sich ein wenig. Einen Augenblick lang blieb ich bei ihm stehen, wünschte ihm im Stillen eine gute Reise und entschuldigte mich für die letzten Strapazen, die er auf der Station hatte erleiden müssen.
Dann kehrte ich in den Alltag zurück.

In diesem Moment fasste ich den Entschluss, den Menschen das Sterben auf der Station angenehmer zu machen. Wenn man mich als Praktikantin nicht anerkannte und mir das Erlernen von neuen Pflegemaßnahmen verweigerte, würde ich meine Zeit nutzen, um den Patienten auf andere Art zur Seite zu stehen.

Der Grundstein meines Wunsches, den Menschen einen Tod in Würde zu ermöglichen, war gelegt. Durch eine Zwei.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

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  1. schlimm, dass patienten so vernachlaessigt werden..

    Antwort
  2. Sitze mit Tränen in den Augen hier.
    Es ist so unwürdig.
    So unwürdig, dass man sich auch noch denkt, das bisschen was man von sich aus tun kann, wäre ein Universum (und das ist es ja auch oft genug!). Aber eigentlich ist es das doch nicht, oder? Es ist doch nur menschlich und mitfühlend, wenn man dafür sorgt, dass Menschen nicht wie Dreck von uns gehen müssen.

    Antwort
  3. Ich danke dir für diesen Post. Meiner Mama ging es wahrscheinlich am Ende ihres Lebens ganz ähnlich und du gibst mir mit deinen Worten die Hoffnung dass es überall solche empathischen Menschen wie dich gibt. Solche, die sich sowas trauen,nicht um sich selbst Willen sondern nur wegen dem Gegenüber. Paradoxer Weise hätte man dir ja sicher die Ohren lang ziehen können für deine mitfühlende Kompetenzüberschreitung, oder?!

    Antwort
    • Hallo Statistin,
      danke für deine Nachricht. Das mit deiner Mutter tut mir natürlich Leid. Besonders, weil es so klingt, als wäre es euch nicht vergönnt gewesen, zum Ende hin noch viel Zeit miteinander zu verbringen. Hoffentlich konntest du dich trotzdem von ihr verabschieden und sie auf angenehme Weise in Erinnerung behalten.

      Die Ohren hätte man mir sehr lang ziehen können. Das Absaugen ist eine Aufgabe der Schwestern, die ich ohne Aufsicht nicht hätte übernehmen dürfen, da hast du Recht. Allerdings hat man auf dieser Station nicht allzu Wert darauf gelegt, Regeln einzuhalten. Vielleicht wäre ich also auch mit einem blauen Auge davon gekommen. 😉

      Antwort
  4. Dieser Betrag erinnert mich schmerzlich an meinen noch vor gar nicht so langer Zeit verstorbenen Opa.
    Ich habe deinen Blog erst vor kurzem gefunden, aber ich ziehe meinen Hut vor dir und deinen Plänen und wünsche dir auf deinem Weg alles erdenklich gute und viel Kraft.

    Antwort

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