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Momentaufnahme Nr. 2 – Vorfreude und Regeln

Veröffentlicht am

Es ist soweit! Die erste Kurseinheit wartet. Morgen werde ich euch berichten können, wie das erste Treffen der Hospizhelfergruppe war, welche Charaktere mich durch die Ausbildung begleiten werden und wie die Atmosphäre im Kurs ist. Ich bin schon sehr gespannt und aufgeregt.

Die hauptamtliche Koordinatorin hat mir bereits mitgeteilt, dass ich mit Abstand die jüngste Teilnehmerin des Kurses bin. Hoffentlich ist das für die anderen Teilnehmer kein Problem und kein Grund, mich weniger ernst zu nehmen.

Meinem Umfeld gehe ich bereits ein wenig auf den Keks, weil ich ständig die Thematik anreiße.

Meine Freundin Sissi und ich saßen vor ein paar Tagen in der Mensa und aßen veganen Brei. Es ist nicht so, dass ich viel Wert auf vegane Ernährung lege und unbedingt auf Milch, Eier oder Fleisch verzichten muss. Die veganen Gerichte sind in der Mensa schlicht am preiswertesten und relativ verlässlich, da sie immer gleich schmecken. Da gibt es kaum böse Überraschungen, es sei denn, man findet Haare im Essen.

„Jetzt geht es bald los!“, sagte ich fröhlich zwischen zwei Gabeln Brei.

Sissi runzelte die Stirn. „Was geht los?“

„Na, der Sterbebegleitungskurs!“

Müde hob sie die Augenbrauen und nickte. „Wie konnte ich das nur vergessen?“ Nach einer kurzen Pause fragte sie: „Warum machst du das nochmal?“

„Damit ich Menschen dabei helfen kann, in Würde zu sterben.“ Meine Antwort klang eine Spur zu hochtrabend für die Umgebung der Keller-Mensa. Ich suchte nach einer bodenständigeren Erwiderung. „Weil es interessant ist.“

Sissis Lippen kräuselten sich zu einem zögerlichen Lächeln. „Na, ich weiß nicht. Mit sterbenden Menschen könnte ich nicht. Die sind doch meistens total alt, oder? Und können sich kaum noch bewegen. Und sie riechen.“

„Ja, so wie wir später auch.“

Widerwillig schüttelte sie den Kopf. „Darüber möchte ich aber jetzt noch nicht nachdenken.“

„Ok. Hast du die letzte Folge „Schwiegertochter gesucht“ gesehen?“ Der Themenwechsel erschien mir angebracht. Sissis Gesichtszüge entspannten sich sichtlich und wurden weich.

Ich muss offenbar erst noch lernen, dass sich nicht alle Menschen gern mit Sterbebegleitung und Tod auseinandersetzen und ein Gefühl dafür entwickeln, wann es angebracht ist, darüber zu reden. Momentan bin ich so begeistert von der Vorstellung, all diese interessanten Dinge zu lernen und faszinierenden Menschen zu treffen, dass ich es gern mit jedem teilen würde. Da ist ein Blog natürlich optimal. Zum Glück kann ich einfach hier meine Erlebnisse niederschreiben, ohne Angst haben zu müssen, dass jemand diese Texte liest, obwohl er es nicht möchte und sich lieber von der Thematik fernhalten würde.

Im Rahmen der Hospizarbeit ist es mir verboten, über die zu begleitenden Menschen zu sprechen. Alles, was im Zimmer des Sterbenden geschieht oder Rückschlüsse auf die Identität des Sterbenden zulässt, unterliegt der Schweigepflicht. Nicht nur, um den Sterbenden zu schützen, sondern auch das Umfeld des Begleiters. Wenn ich eine bedrückende Situation erlebe und Redebedarf habe, um die Vorkommnisse zu verarbeiten, gibt es Seelsorger und Sozialpädagogen, die sich um die Sterbebegleiter kümmern. Uns wird davon abgeraten, unsere Familienmitglieder oder engen Freunde als Gesprächspartner in Anspruch zu nehmen, wenn es um die Begleitungen geht. Aus einem relativ einfachen Grund: Wir haben die Möglichkeit, professionelle Beratung in Anspruch zu nehmen. Unsere Familie und unsere Freunde meistens nicht.

Deshalb werde ich für alle Einträge folgende Regeln einhalten:

  1. Ich werde (wie in den bisherigen Artikeln auch) die Namen der Menschen ändern, um ihre Identität zu schützen.
  2. Ich werde reflektiert schreiben und mich nicht direkt nach einer Begleitung an den Laptop setzen, damit ich einen klaren Kopf dabei habe.
  3. Ich werde zwar über meine Erlebnisse und auch über meine Zweifel und Ängste berichten, aber dabei immer versuchen, auch die positiven Seiten des Geschehenen zu sehen, um kein zu einseitiges Bild zu erzeugen und mich selbst zu ermutigen, das Schöne im Traurigen zu entdecken.

Mit diesen Regeln im Hinterkopf fühle ich mich ein wenig sicherer. Der Kurs wird persönliche Geschichten aufwühlen und von mir verlangen, dass ich mich mit meinem eigenen Tod auseinandersetze. Manchmal jagt mir diese Vorstellung noch Angst ein, aber seit ich mich mit einer erfahrenen Sterbebegleiterin darüber unterhalten habe, sehe ich dem entspannter entgegen.

„Niemand von uns verliert die Angst vor dem Tod. Aber wir sehen ihn als notwendig und natürlich. Wir können bei den Begleitungen lernen, ihm freundschaftlicher zu begegnen. Aber seinen Schrecken verliert er nie.“

Es ist also in Ordnung, Angst vor dem Tod zu haben, auch wenn man in die Sterbebegleitung gehen möchte. Bei der ersten Kurseinheit werde ich demnach auf Menschen treffen, die ebenfalls Angst vor dem endgültigen Abschied haben und im Laufe ihrer Begleitungen Halt suchen müssen. Das Einzige, was uns voneinander unterscheidet, ist das Alter.

Viele Menschen werden eine Begleitung durch mich ablehnen, wenn sie von meinem Alter erfahren. Würde ich als 80-jährige ein Mädchen als Sterbebegleiterin wollen, das gerade mal Anfang Zwanzig ist? Hätte ich nicht Angst, dass sie zu unreif und zu instabil ist, um meinen Tod auszuhalten? Oder hätte ich andererseits vielleicht den heimlichen Wunsch, einen jungen Menschen in den letzten Tagen um mich zu haben, damit er Unbeschwertheit und Leben in meine verbleibenden Stunden bringt?

Die Koordinatorin konnte nicht mit Sicherheit voraussagen, wie die Sterbenden auf mich reagieren werden, weil in ihrer Hospizgruppe niemand unter Vierzig ist. Aber sie wirkte entspannt und recht zuversichtlich.

Ob ich in der Begleitung Fuß fassen kann, wird nur die Zeit zeigen können. Jetzt bin ich erst einmal gespannt auf die erste Kurseinheit.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

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  1. Gestern abend lief auf SWR der erste Teil der Doku „Dies bisschen Leben“. Hier geht es (ganz grob gesagt) um junge Menschen, wohl etwa in deinem Alter, die an Krebs erkrankt sind.
    Gerade vor der Frage, ob manche ältere Menschen Probleme haben könnten, dich wegen deines Alters zu akzeptieren: Könntest du dir vorstellen, dich eher jüngeren Menschen zu widmen, oder ist das vielleicht doch etwas zu „nah“?

    Antwort
    • Oh, diese Doku hätte ich auch gerne gesehen. Gibt es eine Mediathek, wo man sie noch abrufen kann?
      Zu „nah“ wäre mir das vermutlich nicht. Ich persönlich war bisher von keiner bedrohlichen Krankheit betroffen, sondern meine Mutter. Vielleicht würde es mir eher nahe gehen, wenn eine fünfzigjährige Frau vor mir liegt, die an Brustkrebs verstirbt. Jüngeren Menschen würde ich mich auch gern widmen, allerdings weiß ich nicht, wo für mich die Altersgrenze liegt. Bei Kindern sieht die Sache schon anders aus als bei Menschen in meinem Alter. Aber an sich wäre das auf jeden Fall eine Idee!

      Antwort
  2. Daran, dass es vielleicht für jüngere Menschen auch gerade schön sein könnte, von jemandem begleitet zu werden, der nicht die eigene Mutter sein könnte, kam mir auch. Aber ich habe so oder so das Gefühl, dass du deinen Platz in der Gruppe und in der Tätigkeit finden wirst. Deine Berichte vom Praktikum strahlen so viel Wärme und Freundlichkeit aus, mit der du bestimmt vielen Menschen in der Sterbebegleitung helfen kannst.

    Und nein, hier kannst du wirklich absolut nicht zu viel drüber schreiben 😉

    Antwort
    • Liebe Amy!
      Ich danke dir für deine lieben Worte. Ich hab sie gestern noch gelesen, bevor ich abgehetzt in den Bus gesprungen bin. Sie haben mir ein bisschen die Aufregung genommen. Ich frag dich in ein paar Monaten nochmal, ob ich nicht doch zu viel darüber geschrieben habe. 😉

      Antwort
  3. Ich bin zufällig auf Deinen Blog gestossen und finde es ganz toll, dass Du diese Ausbildung machst – ich überlege es mir auch schon eine ganze Weile, ehrenamtlich im Hospiz zu helfen, aber 2011 hatte ich vier Todesfälle in der Familie und bin einfach noch nicht fertig mit meiner Trauerarbeit (es wird besser, aber manche Tage sind trotzdem noch furchtbar), sodass ich mich erstmal weiter auf meine Lieben und mich konzentrieren muss bevor es weitergehen kann. Ich wünsche Dir liebe Mit“schüler“ und werde Deinen Blog sicher weiter lesen!

    Antwort
    • Hallo Ulli!
      Vielen Dank, dass du dich zu Wort meldest.
      Ich finde es sehr vernünftig und nachvollziehbar, dass du die Hospizarbeit erst einmal hinten anstellst, um dich um dich selbst und deine Lieben zu kümmern. Dafür wünsche ich dir viel Kraft. Vier Todesfälle sind heftig, besonders alle im gleichen Jahr. Toll, dass du weitermachst und auch noch für Andere da bist!
      Hast du denn auch jemanden, auf den du dich ein bisschen stützen kannst?
      Ich wünsche dir, dass die furchtbaren Tage in naher Zukunft weniger werden und du immer wieder Energie sammeln kannst.
      Alles Liebe!
      Pinchen

      Antwort
      • Hallo Pinchen,

        Danke für Deine lieben Worte! Ja, ich habe sehr gute Freunde, die von Anfang an für mich da waren und die auch dieses Jahr immer für mich da waren, wenn ich sie gebraucht habe und dafür bin ich sehr sehr sehr dankbar. Ich weiss, dass das nicht selbstverständlich ist….

        Dir auch alles Liebe und Danke, dass Du uns an Deiner Erfahrung teilhaben lässt!

        Ulli

  4. ich bin schon sehr gespannt!!!!

    Antwort

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