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Intensivstation – kleine Verschwörungen

Veröffentlicht am

Die Hausarbeit ist geschrieben, gebunden und abgegeben, ein riesiger Stein ist mir vom Herzen gefallen. Jetzt möchte ich die Zeit nutzen, die ich während der sprachwissenschaftlichen Vorlesung habe, um euch nach langer Zeit endlich einen neuen Artikel zu schreiben. Das Projekt „Danke“ und die Schilderung der zweiten Kurseinheit wird im Laufe der Woche natürlich auch noch nachgeholt!

Euch einen erfolgreichen Wochenstart!

—-

Nur noch zwei Wochen musste ich auf den Intensivstationen des Krankenhauses durchhalten. Zwei Wochen voller Lästereien, überschrittenen Kompetenzen und unnötigem Stress. Ein Lichtblick befand sich jedoch in Zimmer Drei. Meine Lieblingspatientin Frau Krüger.

Ansprechbare Patienten, die noch bei Sinnen sind, sind auf der Intensivstation Mangelware. Besonders auf der neurochirurgischen Station waren die Patienten nach Gehirnoperationen aggressiv und unberechenbar. Manchmal glich der Alltag dort einem schlechten Horrorfilm, in dem unschuldige Menschen nach verpfuschten Schnipplereien an ihrem Gehirn den Verstand und die Impulskontrolle verloren. Besonders wenn ich zu den Patienten vor der Operation einen guten Draht gehabt hatte, fiel es mir danach schwer, mit ihren Wesensveränderungen umzugehen.

Das erste Mal traf ich auf Frau Krüger, als ich einen Schwung neue Bettwäsche in ihr Zimmer brachte. Sie war Privatpatientin und hatte ein Zimmer für sich allein, was allerdings gar nicht in ihrem Sinne war. Wie ich später von ihr erfuhr, bat sie den Chefarzt bei jeder Visite, ihr doch eine „Nachbarin zu schenken“, was bisher jedoch nicht geschehen war. Frau Krüger war sehr gesellig und trotz ihres stolzen Alters von 87 Jahren schnell und agil im Geist.

„Wer sind Sie denn?“, fragte sie und legte ihre Bettlektüre beiseite. Über die Gläser ihrer Halbmondbrille sah sie mich mit blitzenden hellblauen Augen an.

Ich stellte mich vor und reichte ihr die Hand. „Ich bin noch für zwei Wochen hier Praktikantin.“

„Praktikantin“, wiederholte sie langsam. „Bei uns gab es das noch nicht in der Form. Heute sind ja fast nur Praktikanten im Krankenhaus.“

„Haben Sie früher im Krankenhaus gearbeitet?“

Sie nickte mit einem Anflug von Stolz. „Ich war früher Dermatologin. Ich habe alles behandelt, von Ausschlag über Narbengewebe bis zu Nekrosen. Alles.“

„Dermatologie?“ Ich setzte mich auf den Stuhl neben ihrem Bett. Janine scherte sich sowieso nicht darum, was ich gerade tat. „Ich weiß nicht, ob ich mir dieses Fach ausgesucht hätte. Den ganzen Tag nur Hautkrankheiten…“

Ihre knochigen Schultern hoben sich. „Na ja, ich hätte es mir auch nicht noch einmal ausgesucht. Aber früher war das ein gutes Fach für eine Frau. Heute würde ich in die Innere gehen. Oder die Orthopädie.“

Sie musterte mich einen Moment lang prüfend, dann beugte sie sich zu mir. Mit gesenkter Stimme fragte sie: „Würden Sie mir einen Gefallen tun?“

Überrascht richtete ich mich auf. „Natürlich. Was kann ich für Sie tun?“

„Sie dürfen es aber der Pflege nicht sagen.“

Sofort bereute ich meine vorschnelle Zusage. Was, wenn sie von mir verlangte, Rauschgift zu besorgen oder ihr dabei zu helfen, aus dem Krankenhaus zu fliehen? Dann würde ich absagen und sie enttäuschen müssen.

Sie deutete auf das kleine Schränkchen neben ihrem Bett. „In der obersten Schublade.“

Langsam zog ich das Schubfach auf und sah hinein. Beinahe erwartete ich eine Heroinspritze oder eine Pistole. Doch in dem Holzfach lag lediglich eine billige weiße Plastikhaarbürste. Ich nahm sie heraus und sah Frau Krüger fragend an.

„Könnten Sie…“ Sie flüsterte nun so leise, dass ich mich weit vorbeugen musste, um sie zu verstehen. „…mir damit die Haare kämmen?“

Erleichtert stand ich auf und stellte ihr Kopfteil höher. „Natürlich. Warum soll die Pflege das denn nicht wissen?“

„Die verstehen das nicht. Bestimmt denken die dann, ich wäre verrückt.“

Wohlig seufzend sank sie tiefer in die Kissen, während ich mit der Bürste über ihr feines Haar strich. Es war so weiß wie das Laken, auf dem sie lag. Mit heiserer Stimme erzählte sie mir von ihrer Familie, von ihren zwei Kindern, drei Enkelkindern und einem Urenkel. Ihr Mann war bereits vor elf Jahren verstorben.

„Er fehlt mir jeden Tag. Alles an ihm. Sogar sein kratzender Schnurrbart.“

Gerührt kämmte ich ihr Haar und lauschte ihrer Geschichte.

„Wir haben uns kennengelernt, als der Krieg auf dem Höhepunkt war. Alles war zerbombt, kaputt. Wir sind auf Züge gestiegen, um Kartoffeln zu stehlen, damit unsere Familien nicht verhungern müssen. Da war er eines Tages, auf dem Waggon. Und steckte mir eine Kartoffel zu, in die er ein Fragezeichen geschnitzt hatte. Er reichte sie mir und fragte mich dabei, ob ich ihm eines Tages darauf eine Antwort geben würde. Die Antwort habe ich ihm ein Jahr später vor dem Altar gegeben.“ Sie atmete tief ein. „Er war ein guter und lieber Mann. Nun ist er über zehn Jahre fort und ich habe keine Falte in seinem Gesicht vergessen.“

Sie erzählte mit so weichem und liebevollem Tonfall von ihrem verstorbenen Mann, dass meine Kehle ganz eng wurde. Würde ich später ebenso von meinem Freund erzählen?

„Er war kein Freund der großen Worte. Er ließ lieber Blumen für sich sprechen, wenn er etwas angestellt hatte. Ein elender Spieler war er, der Teufel. Was er an Geld verspielt hat…da wird mir heute noch schlecht. Aber ich konnte mir sicher sein, dass am nächsten Tag ein Blumenstrauß auf dem Küchentisch wartete, um mich um Verzeihung zu bitten.“ Sie lachte. „Der Lump wusste genau, wie er mich wieder auf den Boden bekommt. Und hat für die Blumen vermutlich mehr ausgegeben als für seine Spielsucht.“

Wir lachten beide. Als Janine den Kopf durch die Tür steckte, um mich zu einer anderen Patientin zu holen, war ich ein wenig enttäuscht.

„Ich komme wieder, wenn ich ein wenig Zeit zwischendurch habe“, versprach ich Frau Krüger, bevor ich die Haarbürste zurück in ihren kleinen Nachtschrank legte. Sie lächelte ein zahnarmes Lächeln und hob ihre rechte Hand, um kraftlos zu winken. Das Gespräch hatte sie angestrengt. Als ich später am Tag noch einmal nach ihr sah, schlief sie tief und fest.

Tessi, eine angehende Krankenschwester im zweiten Lernjahr, trat an meine Seite und flüsterte: „Sie ist total verrückt, nicht wahr?“

Ich sah auf und runzelte die Stirn. „Warum?“

Ihre Mundwinkel kräuselten sich zu einem spöttischen Grinsen. „Könnten Sie mir vielleicht den Rücken eincremen? Oder mir die Haare kämmen? Das darf aber niemand wissen!“

Der Tonfall, in dem sie die alte Dame nachmachte, ließ mich frösteln. Ich spürte, wie sich meine Muskeln anspannten, als ich mich zu ihr beugte und zischte: „Das sind Kleinigkeiten, die dich nicht mehr kosten als ein bisschen Zeit. Und sie bedeuten ihr viel. Wenn du in diesem Beruf arbeiten willst, gehört so etwas eben dazu. Vielleicht hast du dir die falsche Ausbildung ausgesucht.“

Meine Stimme klang so kalt, dass ich selbst an Tessis Stelle einen Schritt zurückgewichen wäre. Beinahe schämte ich mich für meine feindselige Reaktion. Doch der Angriff auf Frau Krüger hatte mich tief getroffen. Tessi wandte sich wortlos ab und verschwand in einem Krankenzimmer. Den Rest des Tages gingen wir uns gegenseitig aus dem Weg und vermieden jede Art von Kontakt.

Nachmittags, als die nächste Schicht eintraf und ich meine Sachen zusammenräumte, überlegte ich noch einmal, auf Tessi zuzugehen, doch eigentlich hatte ich keinen Grund, mich bei ihr zu entschuldigen. Wir beendeten den Arbeitstag ohne Aussprache.

Am nächsten Tag formierten wir uns gerade zu unserer alltäglichen Besprechungsrunde in der Mittagspause, als Tessi ein wenig atemlos in den Kreis trat.

„Entschuldigt die Verspätung!“, japste sie. „Ich hab noch…“ Sie brach ab und starrte auf die weiße Plastikhaarbürste, die sie mit ihren schlanken Fingern umklammert hielt.

Ihr Blick traf auf meinen. Ich grinste.

„Ich dachte, du würdest über mich lachen“, flüsterte sie mir zu, als die Pflege die Besprechung wieder aufgenommen hatte und wir nebeneinander standen. „Deshalb hab ich…“

„Schon gut“, flüsterte ich zurück. „Du machst alles richtig.“

In den folgenden Tagen wechselten Tessi und ich uns mit den „Verwöhnkuren“ von Frau Krüger ab. Jeden Tag kam sie in den Genuss ausführlichen Haarekämmens und Rückeneincremens, bis sie auf eine andere Station verlegt wurde.

Dass Tessi ihre herzlose Fassade nur vorgespielt hatte, um sich vor dem Spott der Pflege zu schützen, in Wahrheit aber ein zugewandter und aufmerksamer Mensch war, brachte mich zum Nachdenken. Jeder ruppigen Schwester begegnete ich von dort an weniger voreingenommen. Weil sie vielleicht in aller Heimlichkeit alten Damen die Haare bürstete und dabei den Geschichten ihrer Liebe lauschte.

Frau Krüger wurde auf eigenen Wunsch einige Wochen später zu ihrer Familie nach Hause entlassen, um dort ihre letzten Tage zu verbringen.

„Familie“, hatte sie einmal zu mir gesagt, als ich ihr Haar mit den Plastikzinken ihrer billigen Bürste teilte. „Familie ist die Liebe im Leben, die einem einfach so vor die Nase gesetzt wird. Einfach so. Wie eine Kartoffel, die einem überraschend vors Gesicht gehalten wird. Einfach so.“

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

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  1. Na gut zu wissen, dass längst nicht Alle auf der Station so kaltherzig sind.
    Ich höre übrigens älteren Menschen, die noch bei Sinnen sind, immer sehr gerne zu. Es ist einfach Wahnsinn, was sie schon alles erlebt haben. Der Gedanke, dass es für ihre Geschichte bald keine Zeitzeugen mehr geben könnte, gibt mir das Gefühl, dass man sich ihre Geschichten anhören sollte.

    Antwort
  2. Ein wirklich schöner Artikel, berührt mich 🙂 Leider ist das aber Realität. Auch im Rettungsdienst begegnen mir Kollegen, die sich kein Deut für ihre Patienten interessieren. Und es kostet wirklich nicht viel Zeit, ihnen mal kurz zu zuhören.

    Antwort

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