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Intensivstation – der eitle Doppelgänger

Veröffentlicht am

Es gibt Momente im Leben, da stellt man sein komplettes Dasein in Frage. Das Selbstbild und -bewusstsein, Erinnerungen an das eigene Spiegelbild, Träume, Wünsche und Hoffnungen, alles stürzt ein wie ein schlecht gebautes Kartenhaus. Einen solchen Moment erlebte ich auf der neurochirurgischen Intensivstation, als ich Frau Schneider kennenlernte.

Der Pfleger, dem ich zugeteilt war, ließ sich kaum blicken und verbrachte seine Zeit lieber auf anderen Stationen. Wie er mir erklärt hatte, suchte er nach einer neuen beruflichen Herausforderung und versuchte aus diesem Grund, seine Vollzeitstelle auf eine andere Station umzuschreiben. Da wir nur zwei Patienten in einem Zimmer zu betreuen hatten, verbrachte ich die meiste Zeit zwischen den Betten, um  Kleinigkeiten zu sortieren, Elektroden neu zu kleben, die Pflegekurve zu schreiben und die beiden älteren Frauen zu waschen. Die erste Patientin, die ich mit den angegrauten Lappen wusch, lag im Koma und reagierte nicht auf meine leisen Erzählungen. Die zweite Patientin schlug jedoch die Augen auf, als ich ihren Arm anhob, um ihre Achsel zu säubern. Sie stieß einen spitzen Schrei aus.

Ich hob die Hände und sagte: „Verzeihen Sie. Ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich würde Sie gern waschen, wenn Sie nichts dagegen haben.“

Ihre kreisrunden, wässrigen Augen starrten zu mir hoch. „Kerstin!“

Hielt sie mich für eine Verwandte oder eine Freundin? Zögernd richtete ich mich auf. Normalerweise fügte ich mich einfach in die mir zugesprochene Rolle, wenn ich mit demenzkranken Menschen arbeitete, um sie nicht unnötig zu verunsichern. Doch auf ihrer Krankenakte war nicht vermerkt, dass sie an Demenz erkrankt war. Vielleicht waren ihre Augen einfach schlecht?

Ihre schwimmende Iris wurde dunkler, als sie die geschwollenen Augenlider zusammenkniff. „Nein…Sie sind nicht Kerstin.“

Ich war erleichtert, sie nahm mir die Entscheidung ab. „Stimmt. Ich bin Praktikantin und arbeite hier.“

„Ach“, seufzte sie. „Für einen Moment dachte ich, dass Sie meine Kerstin wären. Sie sehen ihr so ähnlich, dass es beinahe schon unheimlich ist.“

„Ach ja?“ Ich warf einen Blick in ihre Akte. Sie war stolze 87 Jahre alt. „Wer ist denn Kerstin? Ihre Enkelin?“

„Meine Tochter.“

„Aha“, machte ich. Sah ich also so viel älter aus? Wie alt mochte ihre Tochter sein?

„Sie ist 56 Jahre alt“, sagte Frau Schneider, als hätte sie meine Gedanken erraten.

Ich erstarrte in meinen Bewegungen. Sie schätzte mich auf Mitte Fünfzig? Ich war doch erst seit einem halben Jahr Zwanzig!

„Das…dann ist sie aber ein gutes Stück älter als ich.“

Ihr Blick ruhte zweifelnd auf meinen Händen. „Meinen Sie?“

Verunsichert sah ich auf meine Hände hinunter. Ich sah keine Falten und keine Altersflecken. Warum starrte sie so konzentriert auf meine Finger? Ich steckte die Hände in die Taschen meines Kasacks und lächelte Frau Schneider an. Mit Sicherheit trug sie normalerweise eine Brille oder war ein wenig verwirrt. Vielleicht trug Kerstin ihre Haare auf die gleiche Art wie ich oder hatte die gleiche Statur. Und Frau Schneider bewertete alles ein wenig überschwänglich, weil sie gern bei ihrer Familie wäre, statt im Krankenhaus zu liegen.

„Sie vermissen Ihre Kerstin, nicht?“, fragte ich freundlich.

„Ja, sehr. Wirklich sehr. Jede Minute und jeden Tag.“ Ihre Mundwinkel flackerten. „Kerstin braucht mich doch.“

„Was macht Kerstin?“ Vielleicht half es ihr, ein wenig über die Menschen zu reden, die ihr so fehlten. Ich zog die Waschschüssel heran und fuhr mit der Pflege von Frau Schneider fort.

„Sie arbeitet in einer Behindertenwerkstatt“, antwortete Frau Schneider. „Toll, dass sie sich da so einsetzt.“

„Ja, das ist wirklich toll. Dann ist sie Sonderpädagogin?“

„Nein…“ Frau Schneider sah mich von der Seite an. „Sie ist schwerbehindert. Geistig und körperlich.“

Erneut stockten meine Finger und verharrten über dem Waschlappen. Ich sah also aus wie eine schwerbehinderte 56-Jährige?

„Wie Sie sich bewegen und reden…genau wie meine Kerstin. Ich glaube wirklich, dass Sie eine Kopie meiner Tochter sind. Auch dieser Gesichtsausdruck…“

Ich wusch sie schweigend und legte den Waschlappen zurück in die Schüssel. Während ich das Wasser ausleerte und die benutzten Handtücher in die Wäschetonne warf, kreisten meine Gedanken um meine verletzte Eitelkeit und die Scham, die ich empfand, weil ich so sehr versuchte, mich gedanklich von Kerstin abzusetzen. Sie konnte ja nichts dafür, dass ihre Mutter mich mit ihr verglich und ich mich dadurch beleidigt fühlte. Warum war ich überhaupt so beleidigt? Es war unprofessionell, sich derart angegriffen zu fühlen, wenn eine so alte Patientin wie Frau Schneider in Erinnerungen schwelgte. Ich verabschiedete mich von Frau Schneider und flüchtete auf die Personaltoilette. Dort betrachtete ich mein Gesicht im Spiegel. Ein blasses Mädchen starrte mir mit hellblauen Augen entgegen. Ich sah nicht aus wie 56. Und geistig behindert wirkte mein Gesichtsausdruck auch nicht. Oder?

Ich trat auf den Flur und suchte jemanden, den ich mein Alter schätzen lassen konnte. Bernie kreuzte meinen Weg.

„Bernie, wie alt würdest du mich schätzen?“, fragte ich.

Er legte die Stirn in Falten. „Hm….also um die Zwanzig. Richtig?“

Erleichtert stieß ich die Luft aus. „Danke, Bernie!“

Schulterzuckend kehrte er auf die benachbarte Station zurück. Ich beschloss, mir Frau Schneiders Vergleiche nicht allzu sehr zu Herzen zu nehmen, um mein Selbstbewusstsein weiterhin wie einen Schild im Klinikalltag vor mir her tragen zu können. Es war schwierig genug, als unerwünschte Praktikantin durch die Krankenhausflure zu huschen, ohne gegen eigene ethische Richtlinien zu verstoßen oder jemandem im Weg zu stehen. Ein angeknackstes Selbstbild war an dieser Stelle nicht hilfreich. Im Laufe der Schicht wurde ich in andere Zimmer gerufen, um beim Umbetten der Patienten oder Beziehen der Betten zu helfen.

Als ich gerade aus Zimmer Zwölf kam, sah ich die junge Krankenschwester Isa mit hängenden Schultern vor dem Getränkeautomaten stehen.

„Alles in Ordnung bei dir?“, fragte ich.

Sie sah auf, ihre Lippen presste sie zu einem bleichen Strich zusammen. Sie deutete hinter sich auf das Zimmer von Frau Schneider.

„Ich war gerade dort, um das Essen auszuteilen. Da hat sie mir gesagt, dass…“

Sie brach ab und steckte ein paar Münzen in den Automaten. Durch unser Schweigen wirkte das Rumpeln der Getränkedose so laut, dass ich zusammenzuckte.

„…dass du wie ihre schwerbehinderte, 56-jährige Tochter aussiehst?“, vollendete ich den Satz hoffnungsvoll. Zu meiner Begeisterung nickte Isa niedergeschlagen.

„Da bin ich erleichtert!“, seufzte ich. „Mir hat sie das Gleiche gesagt. Dann kann es nicht stimmen. Sieh uns an, wir sind vollkommen unterschiedliche Typen.“

Isa war dunkelhäutig und hatte lebendige braune Augen. Sie war ein wenig rund, aber gut proportioniert. Man sah ihr die Erleichterung an. „Was für ein Glück. Ich dachte schon, ich wäre…na ja….eigentlich sollte ich das nicht so an mich heranlassen. Aber…das hat mich schon irgendwie getroffen.“

„Mich auch.“

Wir grinsten uns an und kehrten zu unseren Aufgaben zurück.

Ich dachte darüber nach, weshalb Frau Schneider jedes junge Mädchen mit ihrer behinderten Tochter verglich. Optisch hatten Isa und ich kaum Gemeinsamkeiten. Fehlte ihr ihre Tochter so sehr, dass sie sie jedem ins Gesicht las? Oder machte sie sich einen Spaß daraus, mit unserem Ego zu spielen? Ich erfuhr aus einem Gespräch zwischen zwei Krankenschwestern, die hinter mir über den Flur liefen, dass Frau Schneider keine Familie hatte. Dachte sie sich ihre Tochter nur aus, um andere Menschen zu verletzen? Oder um sich selbst besser zu fühlen, wenn sie beobachtete, welche Wirkung ihre Worte erzielten?

Kerstin braucht mich doch.

Ihr abweisender, gedankenverhangener Blick und die leisen Worte gingen mir nicht aus dem Sinn. Vielleicht war Kerstin auch bereits verstorben?

 Kerstin braucht mich doch.

Waren das die Worte einer Mutter, die allein in dieser Welt zurückgeblieben war? Ich hörte bei der Übergabe am Schichtende nur mit halbem Ohr zu. In Gedanken war ich bei Frau Schneider und ihren mir verborgenen Beweggründen. Als ich mit meiner Tasche über der Schulter in ihr Zimmer sah, schlief sie tief und fest.

Am nächsten Tag war das Zimmer leer und Frau Schneider verschwunden. Sie war in ein Altersheim umgezogen.

Isa grinste. „Zum Glück ist sie weg. Dieses Gerede war einfach nur unverschämt! Beziehst du bitte das Bett neu?“

Als ich das Laken von der Matratze zog, fiel mein Blick auf ein zerknülltes Stück Papier. Ich faltete es auseinander. Es war ein Sück der Speisekarte aus dem Krankenhaus-Café. Zwischen dem Tagesangebot und dem Obstsalat waren drei Zeilen geschrieben. Die Buchstaben glänzten, als wäre ein Bleistift über das Papier gekratzt.

Es ist wie zu deinen Lebzeiten. Niemand fragt nach dir. Niemand möchte mehr erfahren und du bleibst versteckt.

Stammte das von Frau Schneider? Und schrieb sie über ihre Tochter?  Oder klemmte das Papierstück schon länger hinter der Matratze? Wenn es Frau Schneider gewesen war, die auf dem Papierfetzen ihre Gedanken niedergeschrieben hatte, was genau wollte sie damit sagen?

Ich konnte sie nicht mehr fragen. Deshalb beschloss ich, mir selbst ein Ende dieser Geschichte auszudenken. Frau Schneiders Tochter Kerstin war ihr ganzer Stolz gewesen. Trotz ihrer schweren geistigen und körperlichen Behinderung hatte sie ein freundliches und offenes Wesen und scheute den zwischenmenschlichen Kontakt nicht. Frau Schneider freute sich daran, wie viele einfache Dinge und Gesten ausreichten, um Kerstin ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Sie lernte die Welt von einer anderen Seite kennen, wenn Kerstin über Alltäglichkeiten staunte oder in scheinbar bedeutungslosen Kleinigkeiten versank. Kerstin wurde zwar älter, doch niemals entwickelten sich ihre Fähigkeiten auf den Stand, der ihr ein selbstständiges Leben ermöglicht hätte. Frau Schneider pflegte ihre Tochter, verbrachte jeden Tag mit ihr. Die Wände des Wohnzimmers waren voll von kleinen Basteleien, die Kerstin in der Behindertenwerkstatt angefertigt hatte. Nachbarn und Freunde reagierten vorsichtig und zurückhaltend auf Kerstin. Frau Schneider war oftmals sehr verletzt, wenn sie sah, dass ihre Tochter in anderen Menschen Unbehagen hervorrief und den Wunsch weckte, den Blick abzuwenden.

Kerstin starb im Alter von 56 Jahren. Frau Schneider stürzte in ihrer nun sehr stillen Wohnung und wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Auch dort weckte die Erwähnung ihrer Tochter Unbehagen. Sie fühlte sich allein gelassen mit ihren Erinnerungen an ihre Tochter und entwickelte eine Abneigung gegen die Eitelkeit ihrer Mitmenschen.

…du bleibst versteckt.

Ich steckte den Zettel in meine Hosentasche, packte den Riemen meiner Tasche fester und verließ das Zimmer. Ob das Ende dieser Geschichte Frau Schneiders Zustimmung gefunden hätte, spielte keine Rolle. Ich hatte aus dieser Begegnung gelernt, zweimal hinzusehen.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

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  1. Tja, man wird wahrscheinlich nie erfahren, was in der Frau vorging/vorgeht. Man kann nur versuchen, eine Erklärung zu finden. Ich gehe aber davon aus, dass sie das nicht persönlich gemeint hat, sondern sich so in ihren Gedanken verrannt hat, dass sie ihre Tochter irgendwie in Jedem sah.
    Auf jeden Fall mal wieder toll gechrieben, bringt mich zum Nachdenken.

    Antwort
  2. Das berührt einen schon sehr, finde ich. Es ist rührend trotz ihres Alters, dass sie immer noch so sehr an ihre Tochter denkt. Das ist wie in einem Buch mit dem Zettel und ich muss sagen, dass ich bei dieser Erfahrung schmunzeln musste und ein wenig nachdenklich wurde. Frau Schneider. Ich werd an sie denken, auch wenn ich sie nicht kenne.

    Antwort

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