RSS-Feed

Momentaufnahme Nr. 4 – Stolz und Tomaten

Veröffentlicht am

Vorgestern Nacht kam ich nach der Zeit bei meiner Familie wieder zu Hause an. Schlagartig ist diesen Morgen der Uni-Sumpf über meinem Scheitel zusammengeschlagen, ab jetzt heißt es lernen, lernen, lernen. Obwohl ich als Geisteswissenschaftlerin an einer Technischen Universität relativ verwöhnt bin, was meinen Arbeitsaufwand angeht, muss ich mich nun ranhalten und mich mit dem Vorlesungsstoff vertraut machen, bevor die Klausurenphase beginnt.

Ich bin morgens nicht allzu produktiv. Wenn ich aus dem Bett falle, bin ich oftmals so müde, dass ich es nicht schaffe, anständig zu frühstücken. Deshalb kratze ich auf dem Weg zur Uni meist mein Kleingeld zusammen und kaufe mir ein belegtes Brötchen beim Bäcker. Dieses Brötchen wurde heute Morgen zum Dreh- und Angelpunkt einer interessanten Begegnung.

Müde stand ich an der großen Kreuzung vor den erziehungswissenschaftlichen Gebäuden meiner Universität, in der einen Hand die Tüte mit dem belegten Brötchen, in der Anderen mein Handy. Auf der anderen Straßenseite fiel mir ein obdachloser Mann auf, der sich in einen Schlafsack schmiegte und den Kopf an eine Hauswand gelehnt hatte. Er blickte mir unter geröteten Augenlidern entgegen, die Mütze tief in die Stirn gezogen.

Als die Ampel auf Grün sprang, überquerte ich die Straße und überlegte, ob ich noch etwas Geld hatte, das ich dem Mann zustecken könnte. Die mahnende Stimme meiner Mutter durchspukte meinen Hinterkopf. Gib ihnen bloß kein Geld. Die kaufen sich davon nur Alkohol und Drogen. Gib ihnen lieber etwas Essbares, damit sie satt sind und nicht krank werden.

Mein Blick wanderte zu der Brötchentüte in meiner Hand. Wenn ich ihm das Brötchen gab, hatte ich zwar kein Frühstück mehr, aber ich war für heute sowieso mit Sissi für die Mensa verabredet. Das Essen dort konnte ich mit meinem Studentenausweis bezahlen, ich würde also nicht verhungern.

Ich blieb vor dem Obdachlosen stehen und hielt ihm meine Tüte hin. „Möchten Sie vielleicht mein Brötchen haben? Ich habe es noch nicht angerührt.“

Er runzelte die Stirn und streckte die Hand nach der Tüte aus. Raschelnd kramte er das Brötchen aus den Papierschichten hervor und klappte es auf. Seine Fingernagel waren zersplittert und dunkel. „Nein. Da sind Tomaten drauf. Die mag ich nicht.“

„Wie bitte?“ Ich musste mich verhört haben. Er konnte doch nicht mit seinen schmutzigen Fingern in meinem Brötchen herumrühren und es dann ablehnen? Da hätte ich das Geld auch sofort in den Gulli werfen können.

„Tomaten“, sagte er langsam und betonte jede Silbe, als hätte er es mit einem besonders dummen Menschen zu tun. „Ich mag keine Tomaten.“

„Das habe ich schon verstanden“, gab ich zurück. „Ich dachte nur, dass ich mich verhört haben muss. Nehmen Sie die Tomaten doch einfach runter und essen Sie den Rest.“

„Nein.“ Er verzog das Gesicht. „Das schmeckt doch auch nach Tomate. Das suppt alles durch.“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie so wählerisch sind.“

„Wieso?“ Sein Tonfall klang herausfordernd und irgendwie lauernd.

Ich beschloss, ehrlich mit ihm zu reden. „Weil Sie hier im Schlafsack herumsitzen und hungrig aussehen.“

Seine Mundwinkel schoben sich nach oben, um eine angegraute Zahnreihe zu entblößen. Es war schwer, sein Alter zu schätzen. Vermutlich war er zwischen Zwanzig und Fünfzig. Aber darin, das Alter anderer Leute zu schätzen, war ich auch nie besonders gut gewesen.

„Ach“, machte er schnippisch. „Und deshalb soll ich jetzt Tomate essen müssen? Das hat etwas mit Menschenwürde zu tun, Mädchen.“

„Warum mit Menschenwürde? Finden Sie Hungern denn würdevoller?“

Er zischte und stopfte das Brötchen zurück in die Tüte. Wir schwiegen einen Moment. Hatte ich ihn so sehr verärgert? Sollte ich weitergehen? Ich hatte das Gefühl, dass mich sein verletzter Gesichtsausdruck den ganzen Tag begleiten würde, wenn ich ihn so zurückließ.

Ich räusperte mich. „Sie sind wütend, weil Sie überhaupt auf Hilfe angewiesen sind. Und weil Sie so viele Abstriche machen müssen. Das kann ich nicht ganz verstehen, weil ich niemals in Ihrer Situation war. Und – verzeihen Sie – hoffentlich auch niemals sein werde. Ich wollte Ihnen nur eine Freude machen und Sie nicht persönlich angreifen.“

Er blieb stur. „Aber nicht mit Tomate.“

Ich musste lachen, weil er ein so todernstes Gesicht aufgesetzt hatte, als säßen wir uns in einer Gerichtsverhandlung gegenüber, um über die Schuldfrage in einem Mordfall zu diskutieren. „Wie wäre es, wenn Sie die Tomate und das Salatblatt runternehmen? Der Salat hat bestimmt den meisten Saft der Tomate aufgefangen.“

Einige Augenblicke musterte er mich zweifelnd, dann zerrte er das Brötchen wieder aus dem Papier und zupfte das Gemüse herunter, bis er nur noch den gebutterten Teig in den Händen hielt. „Ja, das müsste gehen. Danke.“

„Gern geschehen. Auf Wiedersehen.“ Ich wandte mich zum Gehen und zog den Reißverschluss meiner Jacke etwas höher. Es war in den letzten Tagen sehr kalt geworden. Immer wieder musste ich im Laufe des Tages bei dem Gedanken an den stolzen Obdachlosen grinsen. Ob ich mich in seiner Situation ähnlich verhalten würde? Wenn man mir alles nahm, worüber ich mich definierte, würde ich mich an derartigen Kleinigkeiten festbeißen?

Ich hatte im Krankenhaus oft erlebt, dass es vielen Menschen schwer fiel, sich von ihren Mitmenschen helfen zu lassen, ohne eine Gegenleistung erbringen zu können. Ging es Obdachlosen ähnlich? War die Ablehnung der Tomate ein Versuch gewesen, seinen Stolz zurückzugewinnen und sein Selbstbild aufrecht zu halten und zur Abwechslung die Oberhand in einem Gespräch zu haben? Oder war er schlicht und einfach grantig?

Sissi stieß die Luft aus, als ich meine Überlegungen mit ihr teilte. „Du machst dir zu viele Gedanken. Das war einfach nur ein Penner. Der arbeitet nicht und bettelt den ganzen Tag. Krass, dass er dabei so wählerisch ist. Eigentlich unverschämt.“

Ich nickte und klappte meine Unterlagen zu. Der Dozent beendete das Seminar und wünschte uns einen schönen Nachmittag.

Als wir das Gebäude verließen und den Weg in die Mensa antraten, saß der Obdachlose noch immer an der gleichen Stelle. Er hob seine Hand zum Gruß und lächelte. Ich lächelte zurück.

Es fühlte sich nicht an wie eine Unverschämtheit.

Advertisements

Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

»

  1. Oha! Also das hab ich auch noch nie in meinem Leben erlebt. Ich mein, ich hätts ja verstanden, wenn er gesagt hätte: Ich bin allergisch dagegen und das hochgradig. Aber.. oh Mann. Hoffentlich hat er aus der Begegnung mit dir gelernt. Man kann aus allem, was einem nicht schmeckt ein leckeres Dinner machen, wenn was dabei ist, was man mag.

    Liebe Grüße,
    Sarah

    Antwort
  2. Das ist ja ein Knaller!!
    Da wäre ich aber auch überrascht von den Socken gefallen! Ich bewundere immer wieder deine Hingabe und guten Taten. Ich grübel auch jedes Mal wenn ich an einem Obdachlosen vorbei komme, ob ich ihm etwas Geld geben soll oder was zu essen. Aber irgendwie spukt auch mir immer dieses „er kauft sich Alkohol oder Drogen“ im Kopf herum, so dass ich es sein lasse..
    Und bei Essen habe ich genau diese Angst – dass es abgelehnt wird!
    Eigentlich total dämlich davor Angst zu haben, aber irgendwie habe ich Schiss mit solch einer Situation wie du konfrontiert zu werden..

    Antwort
    • Hallöchen, ich freu mich, von dir zu lesen! Herzlichen Glückwunsch nachträglich zu deiner Hochzeit und alles Gute weiterhin!
      Ach, das wirkt nur so, weil ich nur von meinen guten Taten berichte und den Rest unter den Tisch fallen lasse. 😉
      Ich finde deine Angst nicht dämlich, ist doch nachvollziehbar. Ich hab auch gestaunt, dass er so reagiert, weil ich dachte, dass Essen immer gern angenommen wird, wenn man obdachlos ist und die Mahlzeiten nicht immer gesichert sind.

      Antwort
  3. Hmm… Sehr schwierig. Meine erste Reaktion war auch: wie unverschämt und undankbar. Aber dann musste ich an den Blog einer an ALS erkrankten Frau denken, die mal geschrieben hat (und ich zitiere hier aus dem Gedächtnis, nicht von ihrer Seite), dass sie es leid ist, darüber diskutieren zu müssen, was sie möchte – überspitzt gesagt, wenn sie die Pflegekräfte bittet, die Pflanze von links nach rechts zu stellen, dann möchte sie das so und da müssen die Pflegekräfte nicht anfangen, zu diskutieren, dass es doch egal ist, wo die Pflanze steht, nur weil die Frau die Pflanze nicht mehr selber umstellen kann. Der Vergleich hinkt, das weiss ich selber, aber ich glaube, in beiden Fällen ist es so, dass sie auf Hilfe von aussen angewiesen sind (wenn auch aus unterschiedlichen Gründen und in unterschiedlichen Gebieten) und dass sie trotzdem ihren eigenen Willen (und Geschmack) haben und die Mitmenschen das ab und an vergessen. Aus Dankbarkeit alles hinzunehmen bzw. zu schlucken, was die Mitmenschen für einen selber entscheiden/machen/sagen/usw. kann da einfach nicht die Lösung sein, insofern kann ich den Obdachlosen verstehen – auch wenn ich ihn anfangs undankbar fand. 🙂

    Tolles Posting, DANKE!

    Antwort
    • Ich find deinen Vergleich sehr interessant. Ich frage mich manchmal schon, wie viel Hilfe Obdachlose brauchen und durch welche Umstände sie in ihre Lage geraten sind. Vielleicht ist es wirklich manchmal eine Verkettung von unglücklichen Umständen, die einen Menschen in eine solche Sackgasse manövrieren, dass an einen Ausbruch aus dem Trott gar nicht mehr zu denken ist.
      Den Blog über ALS würde ich gerne mal lesen, hast du da einen Link? Du hast aber in der Vergangenheit geschrieben, ist sie inzwischen verstorben?

      Antwort
      • Nein, sie lebt und hat vor zwei Jahren sogar ein Buch veröffentlicht. Die Seite heisst http://www.sandraschadek.de und das Buch heisst „Ich bin eine Insel“. Ich lese seit ca. 4 Jahren mit, auch wenn wir im Freundes- und Bekanntenkreis niemanden haben (Gottseidank) der an ALS erkrankt ist, ich bin damals zufällig auf die Seite gestossen und einfach „klebengeblieben“.

  4. Ich mag auch keine Tomaten auf Brötchen und lass sie mir bei belegten immer herunter nehmen, oder puhle sie selbst runter. Deswegen würde ich aber nie ein Brötchen verweigern und ich hasse feste Tomaten wirklich.

    Antwort
  5. So ein Erlebnis hatte ich auch mal… ich hab dem netten Bettler meine Brötchentüte in die Hand drücken wollen (mangels Kleingeld, das war ins Brötchen investiert worden) und er fing an zu lachen und fragte mich, was er denn damit solle. An der Erklärung mit der Restautonomie ist was dran, denke ich, und ich bewundere deine Reaktion – ich war damals einfach nur eingeschnappt^^.

    Antwort
    • Hallo Joan, ich lese gerade deinen Artikel über Herrn Grimm. 😉
      Fies, wenn du so eine Erfahrung gemacht hast. Man traut sich zukünftig ja gar nicht mehr unbelastet an die Sache ran. Der nächste Obdachlose nimmt deine Brötchentüte bestimmt!

      Antwort
  6. Restautonomie gut und schön, aber ich denke, korrekt und höflich wäre es in dem Moment, zu fragen ob Tomate drauf ist und ggf höflich abzulehnen, statt fremdes Essen erst einmal zu berühren und dann abzulehnen… oder? Ich glaube, dann würde ich auch eher an Autonomie denken, aber so, also erst mal nehmen und dann nein sagen, finde ich das Verhalten auch einfach nur frech.

    Antwort
    • Hallo, liebe Amy! 🙂
      Ja, da hast du schon Recht. Das Herumrühren im Brötchen hat mich auch irritiert. Aber ich fand die Autonomie-Erklärung so schön, dass ich mir das damit auch schön geredet hab. Im Nachhinein denke ich, dass ich ihm das auch direkter hätte sagen können, gerade auch, weil es unklug ist. Ich kann mir vorstellen, dass er sich damit potenzielle „Lebensmittel-Spender“ vergrault.

      Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Experiment 3088 ..... oder 'Eine Frage der Endlichkeit'

Du kannst dein Leben nicht verlängern, noch verbreitern... nur vertiefen (Gorch Fock)

Quasseltasche

Wie bringst Du Gott zum Lachen? Erzähle ihm von Deinen Plänen.

Leanders feine Linie

Mein Gehirn auf Abwegen

kinderdoc.wordpress.com/

Geschichten aus der Kinder- und Jugendarztpraxis und darüber hinaus

Anna im Backwahn

"Kuchen macht glücklich"

druckstelle

Blog für kleine und große Texte

125tel | Fotogalerie

Street Photography | Landschaftsbilder | Momentaufnahmen

Was uns bewegt

Everything you always wanted to know about motivation -- and did not dare to ask.

berlinmittemom

mothers are all slightly insane.

Schnipselfriedhof

Weblog von Andreas Krenzke und Volker Strübing

Altenheimblogger

Verrückt unter Verwirrten

Der steinige Weg

...auf dem Weg zur Lehrerin

Josephine Im Chaos

(M)ein Leben zwischen Chaos und Kinderkriegen

Perspektivenwechsel - vom anders normal sein

Herzchaosmama (Asperger-Autistin und alleinerziehend) erzählt aus dem Leben einer besonderen Kleinfamilie

Anne Harenberg - Die Wüste & Ich

Romane und der ganz normale Wahnsinn

Alltagimrettungsdienst Blog

Der Alltag im Rettungsdienst aus meiner Sicht

Trinas Welt

Mitten im Leben