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Kurseinheit 4 – Glaubensfrage

Veröffentlicht am

Es gibt einige Dinge, die man kategorisch einfach nicht mag, ohne sich die Einzelfälle anzusehen. Wenn ich das Wort „Fischgericht“ höre, lehne ich prinzipiell erst einmal ab. Ich mag nur Lachs mit Zitrone, am besten gegrillt und auf keinen Fall geräuchert. Alle anderen Fische, Garnelen, Muscheln und diverse Meerestiere riechen so streng, dass ich nicht mal einen kleinen Bissen probieren möchte. Es wäre vielleicht vernünftig, ab und an seinen Geschmack zu überprüfen und etwas Neues auszuprobieren, aber Fisch lehne ich ab.

Clowns finde ich niemals lustig, sondern immer gruselig, es sei denn, sie haben kein Make-up im Gesicht und eine normale, schmale, menschliche Nase. Also lehne ich auch Clowns ab.

Viele Dinge stehen nicht auf meiner Ablehnliste. Fisch, Clowns und vielleicht noch Ballsportarten. Aber momentan bin ich dabei, einen neuen Begriff auf die Liste zu setzen. Eine Gruppe, die ich fortan unfairerweise im Kollektiv mehr oder weniger unbewusst und instinktiv ablehnen werde.

Seelsorger.

Als ich den Kursraum zur vierten Einheit betrat, waren die meisten Stühle bereits besetzt. Ich war etwas später vom Institut losgekommen und nicht so früh dran wie bisher. Ricki deutete lächelnd auf den Platz neben sich, ich setzte mich und begrüßte sie.

„Hallo, wie gehts?“ Ich kämpfte mich aus meiner Winterjacke und hängte sie über meine Stuhllehne.

„Gut. Ist dir aufgefallen, dass wir ein neues Gesicht in unseren Reihen haben?“ Ihre beringten Finger deuteten nach links.

Neben Benno saß ein älterer, etwas beleibter Mann mit dicker Brille und glänzender Glatze. Auf seinen Knien lag eine schwarze Bibel, deren Seiten bereits ganz abgegriffen zwischen den Buchdeckeln hervorlugten. Als er meinen Blick bemerkte, neigte er leicht den Kopf zum Gruß. Ich erwiderte sein Nicken mit einem Winken.

„Wer ist das?“, fragte ich Ricki im Flüsterton. „Ich dachte, dass niemand mehr in den Kurs einsteigen kann.“

Sie zuckte ratlos die Achseln. „Keine Ahnung. Aber er stellt sich bestimmt gleich vor, wenn es losgeht.“

Der fremde Mann sah auf, als Marie mit einem dicken Bündel Unterlagen den Raum betrat und sich einen Weg durch die Stühle und Beine der Teilnehmer bahnte, um sich auf ihrem Stammplatz niederzulassen. Die leisen Gespräche verebbten und die Aufmerksamkeit richtete sich auf die Koordinatorin.

Ihre Lippen teilten sich zu einem herzlichen Lächeln, das ihre Augen erreichte und ihr Gesicht weich machte. „Guten Abend. Wie schön, dass sie alle gekommen sind. Wie Sie sicherlich bereits gemerkt haben, sitzt heute jemand bei uns, dessen Bekanntschaft sie bisher nicht machen konnten. Unser Seelsorger ist verhindert, deshalb hat er uns einen Kollegen geschickt, der freundlicherweise bereit war, den Weg auf sich zu nehmen und mich bei der Kurseinheit zu unterstützen. Herzlich Willkommen, Gerd.“

Gerd neigte erneut seinen Kopf. „Guten Abend. Ich finde es sehr schön, dass sie sich der Aufgabe als Sterbebegleiter stellen wollen. Ich selbst begleite bereits seit fünfzehn Jahren sterbende und todkranke Menschen als Seelsorger. Und wissen Sie, was ich immer bei mir habe?“ Die zerfledderten Seiten der Bibel hingen anklagend herunter, als er das Buch anhob, um es uns zu zeigen. „Dieses Buch. Wissen Sie, welches Buch das ist?“

„Eine Bibel?“, fragte Luise beflissen. „Wir hatten auch eine Bibel. Sie stand immer in unserem Schrank im Wohnzimmer, gleich neben dem Hochzeitsfoto meiner Eltern, Gott habe sie selig, denn sie sind nun schon seit…“

„Luise, lass Gerd bitte ausreden“, unterbrach Marie ihren Redefluss. „Er war noch nicht fertig.“

Luise presste die beerenfarbenen Lippen aufeinander und heftete ihren Blick an die hängenden Mundwinkel des Seelsorgers. Gutmütig lächelnd legte er die Bibel zurück auf seine Knie und strich mit den Händen darüber. „Sehr richtig, das ist die Bibel. Sie gibt Menschen in schweren Situationen Kraft und hat auf alle Prüfungen dieser Welt eine Antwort. Wenn du erlaubst, Marie, würde ich das Thema der heutigen Sitzung gern erläutern. Heute sprechen wir über Ihren Glauben. Über das, was Sie meinen, von der Ewigkeit zu wissen und über den Wunsch des Menschen, verstorbene Angehörige im Himmel wiederzusehen.“

Benno verdrehte kaum merklich die Augen und zog sein Handy aus der Lederhandtasche. Während der Seelsorger durch die Bibel blätterte, tippten Bennos lackierte Fingernägel über die glänzenden Tasten seines Telefons. Plötzlich vibrierte meine Jacke. Mit zwei Fingern fischte ich das Handy aus der Jackentasche und entsperrte die Tastatur. Eine Sms.

Wenn ich mir so etwas anhören will, gehe ich in die Kirche.

Verwirrt sah ich auf und begegnete Bennos blitzenden Augen. Er musste sich meine Nummer von der Adressenliste der Teilnehmer abgeschrieben haben. Ich musste grinsen, er grinste zurück.

An sich ist nichts dagegen einzuwenden, spirituelle und religiöse Fragen in einem Befähigungskurs für Sterbebegleiter zu behandeln. Es ist in meinen Augen sogar notwendig, weil mit Sicherheit viele Menschen in schweren Lebenskrisen Zuflucht in der Religion suchen. Oder nach einer Erklärung für ihr Leid und ihre Qualen. Daher schadet es nicht, sich damit auseinanderzusetzen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Wie wollen wir mit Sterbenden in Kontakt treten, ohne uns über solche Dinge Gedanken gemacht zu haben?

Die Hilfsorganisation, in der ich meine Ausbildung absolviere, ist eine katholische Einrichtung. Dennoch ist es keine Voraussetzung für den Kurs, eine bestimmte Konfession oder Lebenseinstellung zu haben, mit Ausnahme der Ablehnung von aktiver Sterbehilfe. Für jeden Sterbenden gibt es den passenden Sterbebegleiter. Nicht alle todkranken Menschen sind automatisch religiös oder wollen mit ihrem Begleiter beten. Viele wünschen sich einen alltäglichen Abtausch von Nichtigkeiten, eine Partie Schach, einen friedlichen Nachmittag, eine kleine Aufmerksamkeit oder einfach nur das Gefühl, wahrgenommen zu werden. Deshalb habe ich es bisher nicht als Nachteil betrachtet, dass ich keine große Anhängerin des Christentums bin.

Gerd war da offenbar anderer Meinung. „Ich bitte um Handzeichen. Wer von Ihnen geht regelmäßig in die Kirche?“

Einige Hände streckten sich in Richtung Decke. Luises Hand schnellte in die Luft, als wollte sie ihrem Gegenüber einen Aufwärtshaken verpassen.

Die glänzende Glatze wippte auf und ab, als der Seelsorger nickte. „Wer von Ihnen betet?“

Zwei Hände gesellten sich zu den in die Höhe gestreckten Armen.

„Wer von Ihnen glaubt an ein Leben nach dem Tod?“

Eine Hand sackte herab, drei andere schoben sich nach oben.

Ich sah mich um. Benno und ich waren die einzigen Kursteilnehmer, die ihre Hände bei sich behalten hatten. Der trübe Blick des Seelsorgers wanderte zu uns. „Was ist mit Ihnen? Keine Kirche, kein Beten und kein Leben nach dem Tod?“

„Hm. Ist wohl so.“ Bennos Tonfall war schroff. „Ich komme auch so ganz gut zurecht.“

Ein wenig konsterniert hob Gerd die buschigen Augenbrauen. Sie waren wirklich buschig. Als versuchte sein Körper den mangelnden Haarwuchs rund um seinen blanken Scheitel irgendwie auszugleichen. „Und das Fräulein?“

Ich überlegte. Gefiel es mir, als „das Fräulein“ tituliert zu werden? Und gefielen mir seine stechenden Augen, die sich in die meinen bohrten? „Tja. Ich bin nicht sonderlich gläubig. Aber ich denke nicht, dass das ein Nachteil ist.“

„Und was antworten Sie, wenn Sie von einem Sterbenden nach Ihrem Glauben gefragt werden?“

„Ich sage die Wahrheit. Dass ich zwar sicher bin, dass man nicht alles auf der Welt wissenschaftlich erklären und rational erfassen kann, dass ich mir aber nicht anmaßen möchte, all das in Worte fassen zu können.“

Einen Moment lang war es still. Dann fragte Gerd: „Haben Sie gerade die Bibel kritisiert und die Schreiber als anmaßend bezeichnet?“

Hatte ich das? Ich runzelte die Stirn. „Wenn Sie es so auffassen möchten. Ich habe lediglich gesagt, dass ich nicht beurteilen kann, was die Welt zusammenhält und wo wir nach unserem Tod landen. Die Sterbenden nehmen das Wissen darüber ja mit.“

„Ach“, machte Gerd. „Und wenn Sie einem Sterbenden gegenübersitzen? Können Sie Ihre Meinung dann auch für sich behalten, wenn er gläubig ist?“

„Was ist mit Ihnen?“, gab ich zurück. „Können Sie sich mit einem sterbenden Atheisten unterhalten, ohne über die Bibel zu diskutieren?“

Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, Marie schaltete sich ein. „Das ist heute nicht unser Thema. Wir wollen darüber sprechen, was Sie für Vorstellungen mit dem Leben nach dem Tod verbinden. Wer möchte etwas dazu sagen?“

Während Luise das Wort ergriff und lang und breit erklärte, wen sie im Himmel wiedersehen wollte und was sie für Träume von den tränenreichen Familientreffen zwischen den Wolken gehabt hatte, dachte ich darüber nach, wie viel Religion in die Sterbebegleitung gehörte.

Warum konnte man nicht von der Situation abhängig machen, wie viel Glaube und wie viel Rationalität gefragt war? Sterbende Menschen ohne einen besonderen Zug zur Religion hatten vielleicht kein Interesse daran, über die Bibel oder die Taten von Jesus zu reden. Marie hatte mir vor Beginn des Kurses erklärt, dass vor einer Begleitung abgeklärt wurde, wie umfassend der spirituelle Anteil war, um den richtigen Begleiter auszuwählen. Manchmal verlangen sterbende Menschen nach einem von der Religion losgelösten Begleiter, ebenso wie in einigen Fällen explizit nach einem spirituell bewanderten Begleiter gefragt wird. Es gibt Begleitungen, in denen Kirchenlieder gesungen werden, doch ich habe auch schon von Sterbenden gehört, die mit ihren Begleitern lieber „Highway to Hell“ in einem Sportwagen singen, wenn es ihr Gesundheitszustand noch erlaubt.

Wenn ich von vornherein ehrlich bin, was meine religiöse Orientierung angeht, kann man mich doch viel besser einem passenden Gegenstück zuordnen.

Die aufdringliche Präsenz, die mich bei unserem Seelsorger von Beginn an abgestoßen hatte, fiel mir auch bei Gerd negativ auf. Vermutlich ist es Pech, dass beide Seelsorger, die unseren Kurs unterstützen, in dieselbe Sparte zählen. Doch ich kam nicht umhin, eine ausgeprägte Aversion gegenüber dieser Berufsgruppe zu entwickeln und alle Seelsorger dieser Welt auf meine Ablehnliste zu setzen.

Falls ein Seelsorger oder eine Seelsorgerin diesen Artikel liest, würde ich mich natürlich freuen, wenn ihr euch dazu äußert. Ich lasse mich gern eines Besseren belehren.

Während der Kurseinheit meldete sich Marie immer wieder zu Wort, wenn Gerd zu sehr in sein Predigtverhalten fiel. Er neigte dazu, einen Monolog über religiöse Fragen zu entspinnen, wenn ein Schlagwort fiel, das ihn dazu verleitete. Insgesamt empfand ich die Kursstunde als sehr anstrengend und langatmig. Gerds Augenbrauen und seine Bibel ließen kaum Raum für andere Meinungen oder persönliche Vorstellungen. Ich hätte gern mehr über die Wünsche der anderen Teilnehmer erfahren, doch der Kurs war zu Ende, bevor wir wirklich zu Wort gekommen waren.

Die Stimmung beim Abschied war nicht so gelöst wie sonst. Unbefriedigte Gesichter schoben sich durch die  Tür in die Kälte.

Ich hoffe inständig, dass der alte Seelsorger zur nächsten Kurseinheit wieder zur Stelle ist. Auch wenn er mir noch so unsympathisch war, wenigstens hatte er noch genug Raum für die Erzählungen der Kursteilnehmer gelassen.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

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  1. Gott im Himmel. Ich könnte da nicht zuhören. Wenn mir jemand anfängt was von der Bibel zu erzählen, versteh ich doch eh nur Bahnhof. Klar, ich glaube, dass ich einfach zu jung und zu unchristlich bin. Ich bin Halbevangelin und bin irgendwie stolz drauf, keine Ahnung wieso (auch wenns das nicht gibt, glaube ich).
    Ein alter Mensch will wohl sicher in der heutigen Zeit, falls er mir dem Gehirn und so weitergelaufen ist, nichts von Jesus und was weiß ich hören. Das interessiert den doch n Scheiß, außer er ist total christlich und hat danach gelebt, was weiß ich. Dennoch bin ich mir dann auch nicht sicher, ob derjenige weiterhin solches Gedöns hören will.
    Wenn es die Bibel in der heutigen Sprache gäbe, d.h. ordentlich verständliches Deutsch und kein was weiß ich Sprache, dann würde ich da eventuell auch mal reinschauen.
    Ich glaube ich habe gerade viele negative Dinge geschrieben.. egal!

    Antwort
    • probier mal die volxbibel 😉

      grade in so einer stunde ist es aber doch eigentlich wichtig, wenn jeder ausreichend zu wort kommt und der pfarrer keine predigt haelt.. ich versteh sowas nicht.. also auch, dass da nicht von der kursleitung eingegriffen wurde..

      Antwort
  2. achtung, grenzwertiger (?) galgenhumor: das war ja wohl todlangweilig. 🙂

    Antwort
  3. Ich würde es beim nächsten mal ansprechen, dass die anderen Teilnehmer zu wenig zu Wort gekommen sind. Wenn eine Kirchenzugehörigkeit oder Gläubigkeit für die Sterbebegleitung nicht nötig ist, sollte ihr in einem Laienprojekt auch nicht so viel Raum zugestanden werden. Ich bin mir sicher, dass die einzelnen Glaubensrichtungen ihre eigenen Sterbebegleiter haben und auch ausbilden.
    Ich persönlich hätte wahrscheinlich schon während des Kurses gemosert.

    Thema war “ Wir wollen darüber sprechen, was Sie für Vorstellungen mit dem Leben nach dem Tod verbinden.“
    Ich bin nicht gläubig. Was das „Leben nach dem Tod“ betrifft, meine ich, dass meine Toten sozusagen „in mir“ weiterleben, in Gedanken und übernommenen Verhaltensweisen.
    Wenn ich z.B. einen bestimmten Kuchen backe, den mir meine Oma beigebracht hat, denke ich an sie, höre ihre Stimme und erinnere mich grinsend an ihre Kommentare zu der Schmiererei, die dabei veranstaltet habe.
    Genau so geht es mir beim Öffnen von Farbdosen (mein Opa), marinieren von Fleisch (Vater eines Freundes), Erwähnung von Haartönung (Jugendfreundin), Zusammenfegen von Schrauben, Abstecken von Säumen, Anspitzen von Bleistiften usw.
    Das sind jedes mal winzige Erinnerungsblitze, ich denke dann nicht über die Toten nach oder trauere oder so. Es ist nur so, dass sie nicht „weg“ bzw. tot im Sinne von „vergessen“ sind.
    Und es betrifft alle meine Toten, egal,ob ich ihnen positive oder negative Gefühle entgegen gebracht habe, als sie noch gelebt haben.

    Nach meinem Tod möchte ich nicht in irgendeiner Weise weiterleben. Ich lebe hier und jetzt und bin für meine Familie, Freunde, Bekannten, Feinde (?) ansprechbar. Nach meinem Tod hätte ich gerne meine Ruhe!

    Antwort
    • Liebe Frau M.,
      über deinen Kommentar musste ich schmunzeln. Du wirkst sehr bodenständig und herzlich.
      Diese kleinen Erinnerungsblitze als das „Leben nach dem Tod“ zu beschreiben, ist ein sehr schöner Ansatz.
      Es ist nun mal eben so, dass die Toten allein wissen (oder eben nicht wissen, weil es keine denkende Existenz mehr gibt), was nach dem Tod geschieht.
      Deine Aussage („Nach meinem Tod hätte ich gerne meine Ruhe!“) ist sehr abgeklärt und irgendwie mit sich im Reinen. Als hättest du deine Mitte bereits gefunden und würdest dich damit zufrieden geben, dass du später einmal in kleinen Erinnerungsblitzen in anderen Menschen weiterlebst.
      Dein Kommentar hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich merke, dass ich viel bewusster darauf achte, welche meiner Erlebnisse und Handlungen ich mit welchem verstorbenen Menschen assoziiere.
      Vielen Dank dafür!

      Antwort
  4. Schwieriges Thema. Das, was du beschreibst, klingt nach Anmaßung für mich: jemand, der mit einer missionarischen Grundhaltung die Wahrheit über die Dinge zwischen Himmel und Erde gepachtet zu haben glaubt und sich für den Richtigen hält, das zu transportieren und anderen „beizubiegen“. Solche gibt es.
    Was diesen, deinen, Zusammenhang betrifft ist es komplexer, finde ich: Sterbende beschäftigen sich anders mit diesen Fragen, als Menschen, die gesund sind und mitten im Leben stehen. Für die sind diese Fragen in der Regel blanke Theorie und bleiben so lange abstrakt, bis die Umstände des Lebens sie vielleicht zwingen, sich damit zu befassen. Ich denke, die Haltung eines Sterbebegleiters sollte zunächst eine neutrale sein. Aber ich stelle es mir schon schwierig vor, als Sterbebegleiter den möglicherweise religiösen Bedürfnissen eines Sterbenden gerecht zu werden, wenn er selbst nicht gläubig ist. Insofern könnte die Betrachtungsweise eines „Seelsorgers“, um mal dein neues „Un-Wort“ zu verwenden, hilfreich sein.
    Nicht, dass ich denke, ein Sterbebegleiter solle seine eigenen Anschauungen verbergen. Die Frage ist aber doch, ob es nicht gut sein könnte, zu WISSEN, worum es einem gläubigen Menschen geht, der sich mit den Fragen von Leben und Tod beschäftigt – im Angesicht seines eigenen Todes.
    Auf der Palliativstation, auf der meine Mutter 2011 starb, gab es eine großartige Mischung von Menschen, die dort gearbeitet, gepflegt, gewirkt haben. Es gab Ordensschwestern, es gab klassische Krankenschwestern, es gab einen freakigen Pfleger, es gab sehr differenzierte Ärztinnen, einen evangelischen Seelsorger, eine – und es gab für jeden den Raum, so zu sein, wie er ist. Das hat sich auf PatientInnen und Angehörige übertragen und eine wunderbare Atmosphäre geschaffen, in der nicht mit Wahrheiten um sich geworfen wurde, wohl aber über persönliche Erfahrungen und Glauben gesprochen werden konnte.
    Ich habe das als etwas ganz Besonderes empfunden und zehre heute noch von dieser, sagen wir, spirituellen Vielfalt.
    In meinen Augen sollte es so sein: die Menschen so begleiten, wie sie sind und selbst bleiben, wer man ist. Im Idealfall lernt man voneinander, auch das etwas, das ich dort gesehen habe und miterleben durfte. Das eine darf das andere berühren, aber nicht bestimmen.
    Irgendwie so?

    Liebe Grüße!

    Antwort
    • Liebe berlinmittemom,
      danke für deinen aufgeschlossenen und ehrlichen Kommentar. Deine Sichtweise finde ich sehr angenehm und unaufdringlich.
      Dass Sterbende mit spirituellen Themen anders umgehen und ein anderes Gewicht darin sehen als gesunde Menschen, ist sicherlich richtig. Deshalb ist es auch völlig in Ordnung, religiöse Themen in Vorbereitungskursen abzuhandeln. Aber der „missionarische“ Charakter, wie du es auch bezeichnet hast, hat mich doch sehr gestört.
      Ich hatte das Gefühl, dass ich ein bestimmtes Bild von der Welt und dem Sinn des Lebens haben muss, um in den Augen des Seelsorgers zu einer guten Sterbebegleiterin werden zu können. Ich möchte aber meine eigene Meinung, mein eigenes Sein einbringen, um für den Sterbenden da zu sein.
      Im besten Fall läuft es doch so, dass vor dem Beginn einer Begleitung eine Konstellation herausgearbeitet wird, die sich gut verträgt. Gerne kann man sich gegenseitig in der Sichtweise ergänzen und voneinander lernen, wenn die Umstände und der Gesundheitszustand des Sterbenden dies noch erlauben.
      Meine Aufgabe ist es aber nicht, den Sterbenden von der „Richtigkeit“ meiner Ansichten zu überzeugen und in dieser Hinsicht auf ihn einzuwirken. Meinem Gefühl nach steht eher der Sterbende im Mittelpunkt, nicht die Weisheiten, die ich glaube, mir angeeignet zu haben.
      Die „spirituelle Vielfalt“, die du ansprichst, gefällt mir sehr gut. Das ist die Umsetzung des Palliativgedankens, die ich mir für meine Angehörigen und mich selbst auch wünschen würde. So ein Umfeld unterstützt beim Abschied nehmen, bei der Vorbereitung, bei der Trauer.
      Schön, dass deine Mutter dort gut aufgehoben war und ihr euch auf das konzentrieren konntet, was euch an Zeit geblieben ist.
      Deine Schlusssätze kann ich nur unterschreiben, du hast eine sehr gesunde Einstellung, wie ich finde.

      Liebe Grüße zurück!

      Antwort
  5. Bei solchen Leuten würde ich gleich zum Gegenangriff übergehen: Du bist halt tibetische Buddhistin, Voodoo-Anhängerin oder glaubst an die heilige Kristallaurahokuspokustherapie…

    Antwort
  6. Clowns finde ich auch gruslig. Eigentlich die meisten Leute, habe ich den Eindruck.
    Zum eigentlichen Thema: Seelsorger habe ich auch schon nette, unaufdringliche kennengelernt, als ich noch sehr viel häufiger kirchlich unterwegs war als jetzt. Meistens waren das Leute in meinem Alter oder kurz drüber, die ein paar Seminare/Fortbildungen o.ä. gemacht haben. „In Anspruch genommen“ habe ich allerdings keinen, weil ich gewisse Vorurteile hinsichtlich deren Kompetenz hatte – nett ja, psychotherapeutisch ausgebildet nein – und sie eben auf einen bestimmten Zugang zu den Problemen anderer festgelegt waren. Wenn auch bei weitem nicht so schlimm wie euer Gerd^^.

    Antwort
    • Hallo Joan,
      ah, eine Antwort von der „andere Seite“, auf der Seelsorger keine bösartigen Rechthaber sind! Da freu ich mich. 😉
      Schön, dass du auch gute Erfahrungen mit Seelsorgern gemacht hast. Echt, in deinem Alter? Ich kenne nur alte Seelsorger. Es wäre aber nett, auch Jüngere in unserem Hospizdienst zu haben. Ich glaube, das würde die ganze Sache noch einmal etwas auflockern und Spannung nehmen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Seelsorger in unserem Kurs meine Antworten und Fragen als Auftakt einer Diskussion über Generationskonflikte und jugendliche Naivität sehen.
      Ich bin beruhigt, dass so gut wie jeder in deinem Bekanntenkreis Clowns gruselig findet. Das ist bei mir aber erst seit Stephen Kings „ES“ so. 🙂

      Antwort
      • Hallo Pinchen,
        zu dem Thema Alter hole ich noch mal kurz aus – durch eine Freundin war ich einige Zeit in einer freikirchlichen Gemeinde unterwegs, und dort wurde Engagement noch größer geschrieben, als ohnehin in kirchlichen Kontexten. Wer sich also seelsorgerlich berufen fühlte, konnte das mit ein wenig „Starthilfe“ auch machen. Bei größeren Veranstaltungen gab es immer Leute, die ein T-Shirt mit einem Ohr drauf anhatten, an die konnte man sich jederzeit wenden. Prinzipiell wirklich keine schlechte Sache, vor allem, wenn man eher „Teenager-Probleme“ hatte. Und alte Leute, die schon so festgefahren in ihrem Weltbild sind, dass sie junger Leuts Beiträge auf die „Die Jugend von heute“-Schiene ziehen wollen, finde ich reichlich unreif. Ein offenes Gespräch ist doch auch viel interessanter als sich mit Dogmen zu bewerfen (wobei ich jetzt mal spekuliere, dass ich dann irgendwann auch eine Bibel werfen würde, oder werfen lassen).
        „ES“ hat meine Vorurteile übrigens bloß bestätigt. (Das zum Thema Offenheit und so^^.)

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