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Intensivstation – Magie im Spiel

Veröffentlicht am

Dieser Artikel enthält Schilderungen über selbstverletztendes Verhalten und könnte eine triggernde Wirkung haben. Personen, die in diese Richtung anfällig sind, sollten ihn daher nicht lesen!

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Ich habe schon häufiger versucht, kleine Zaubertricks oder interessante Kunststücke zu lernen. Zuletzt habe ich mich in der Kunst der Kontaktjonglage geübt. Dafür habe ich mir einen entsprechend großen und schweren Kunststoffball gekauft, der extra für angehende Kontaktjongleure hergestellt wurde und ein dazugehöriges Anleitungsbuch. Meine Finger haben aber nie das gemacht, was auf den Buchseiten abgedruckt war. Vielmehr haben sie den Ball absichtlich zu Boden fallen und vom Handteller gleiten lassen. Jedenfalls kam es mir so vor, als würden sie gegen mich und meine artistischen Pläne intrigieren.
Mir hat das nötige Feingefühl und die Geduld gefehlt, es zu entwickeln.

Deshalb bewundere ich Menschen umso mehr, die mit ihren Fingern Karten verschwinden und woanders wieder auftauchen lassen, die mit vier oder mehr Bällen jonglieren oder die Illusionen erschaffen, die so greifbar und echt wirken, dass man sofort bereit ist, sein Wissen über Physik, Schwerkraft und Logik über den Haufen zu werfen.

Auf der Intensivstation machte ich die Bekanntschaft einer jungen Frau, die ihre Fähigkeiten auf traurige Art und Weise perfektioniert hatte.

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Janine war nicht auffindbar, als unserem Zimmer eine neue Patientin zugeschrieben wurde. Also half ich den Pflegern von der Notaufnahme, das Bett auf den freien Platz zu manövrieren. Leider kannte ich die Pfleger nicht, doch ich bat sie trotzdem, Grüße an die Schwestern auszurichten. Ich nahm die Akte entgegen und begrüßte die Patientin. Sie war jung und hatte ein hübsches Gesicht. Ihre dunkelbraunen Locken fielen bis auf ihre Schultern. Eine Strähne hatte sich quer über ihre Nase gelegt, doch sie konnte sie nicht aus ihrem Gesicht streichen. Ihre Arme waren am Krankenbett fixiert. Sogar den rechten Arm, der in einem Gips steckte, hatte man an die Streben des Bettes gebunden.

Ich deutete auf ihre Nase. „Kitzelt dich die Strähne nicht? Soll ich sie wegmachen?“

Sie starrte mich verständnislos an. „Was?“

Dieses Mal zeigte ich auf meine eigene Nase. „Dir hängt da eine Haarsträhne. Soll ich sie wegmachen, bevor sie dich zu sehr nervt?“

Die Fixierung erlaubte es ihr, leicht mit den Schultern zu zucken. „Meinetwegen.“

Vorsichtig nahm ich ihr das widerspenstige Haar aus dem Gesicht und strich es zur Seite. Dann sah ich in die Akte.

Gefahr der Selbstverletzung. Suizidgefährdet, strenge Überwachung. Fixierung nicht lösen.

Die Hinweise waren an den Rand gekritzelt, vermutlich vom Personal der Notaufnahme. Ein Assistenzarzt betrat das Zimmer, um nach dem Rechten zu sehen. Ich reichte ihm die Akte und wartete ab.

„Hm“, machte er. „Was machen wir da…bist du Schwesternschülerin?“

„Nein, Praktikantin vom Rettungsdienst.“ Nach inzwischen vier Wochen Praktikum auf der Intensivstation wurde ich noch immer mindestens alle zwei Tage gefragt, wer ich denn eigentlich war. Besonders die Assistenzärzte waren so abgehetzt und gestresst, dass ihnen die Zeit fehlte, sich ein Gesicht länger als zwei Sekunden anzusehen. Ich denke, dass für dauerhaft rennende Assistenzärzte alle Gesichter auf der Station, Patienten, Angehörige, Kollegen, andere Dienstleister, zu einem fleischfarbenen Strudel verschwimmen, der nur ab und an die Gestalt von einprägsamer Mimik annimmt.

„Ach.“ Er warf einen Blick auf den Gang und klappte die Akte wieder zu. „Ich muss weiter. Hab ein Auge auf sie, ja? Bis die Psychiaterin da ist und dich ablöst.“

Daraufhin rauschte er aus dem Zimmer und sprintete davon. Ich blieb mit der Patientin zurück. Immerhin hatte ich nun eine ansprechbare junge Frau zur Gesellschaft. Ihre Bettnachbarin lag seit Wochen im Koma. Um ihre Privatsphäre zu schützen, zog ich den Raumteiler zwischen die Betten und stellte einen Stuhl neben das Bett der neuen Patientin.

„Sollst du mich im Auge behalten, ja?“ Ihre Stimme war dünn und feindselig. „Ihr habt mich doch schon ans Bett gefesselt.“

Ich hob entschuldigend die Schultern. „Das tut mir Leid. Sag mir Bescheid, wenn du etwas trinken oder essen möchtest. Wie heißt du?“

„Sandra.“

Ich nannte ihr meinen Namen. Darauf schwiegen wir eine Weile. Sie schien zeitweise zu sehr in eigene Gedanken versunken, um ihre Umwelt wahrzunehmen. In ihren Augen tanzte zwischendurch etwas, was die vertraute Angst in mir auslöste. Immer wieder wanderte mein Blick zu ihrer Akte. Die Versuchung war groß, noch einmal hineinzusehen und mir ihre Diagnose durchzulesen. Bevor ich dazu gekommen war, hatte der Assistenzarzt die Akte beansprucht. Andererseits hatte ich Sorge, dass etwas auf dem Papier stehen könnte, was mir einen unbelasteten Umgang mit ihr erschwerte. Was war, wenn sie schizophren war und ihre Suizidalität von Wahnvorstellungen herrührte? Konnte ich dann noch angstfrei an sie herantreten, ohne ihr das Gefühl zu geben, dass ich mich von ihr distanzierte?

Ich schrak auf, als sie mich ansprach. „Ich habe Durst.“

„Ich hole dir etwas zu trinken.“ Erleichtert stand ich auf und umrundete das Bett, um an das Waschbecken zu treten. Dort standen einige Flaschen Wasser und saubere Gläser.

„Mit Sprudel oder ohne?“, fragte ich über meine Schulter. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sich ihre Finger bewegten. Sie atmete schwer und antwortete nicht. Was tat sie da?

Ich drehte mich um und sah genauer hin. Dann drückte ich die Klingel. Zwischen Zeige- und Mittelfinger hielt Sandra eine glänzende Rasierklinge. Wo hatte sie die plötzlich hergezaubert? Ich war mir sicher, dass sie sie zum Zeitpunkt ihrer Ankunft noch nicht in der Hand gehalten hatte. Und was sollte ich tun? Ihr die Klinge wegnehmen? Das kam mir zu riskant vor. Ich wusste schließlich nicht, wie verkeimt die Klinge war und ob sie versuchen würde, mich damit zu schneiden.

„Lass die Klinge bitte aufs Bett fallen, Sandra“, sagte ich. In der Hand hielt ich noch immer das Wasserglas.

Ihre Mundwinkel bogen sich zu einem feinen Lächeln nach oben. In ihren Augen wütete der Triumph. „Die hatte ich in meinem Gips versteckt.“ Ihre gezischten Worte gingen in einen langen, hohen Schrei über, als zwei Schwestern das Zimmer betraten, um dem Klingeln nachzugehen.

Ihre Augen weiteten sich. „Was ist hier los?“

„Sie hatte eine Rasierklinge im Gips versteckt“, sagte ich. „Ich hab sie gebeten, sie fallen zu lassen.“

„Lass die Klinge fallen!“, rief die dickere der beiden Schwestern. „Na los!“

„Ja, Klinge fallen lassen!“, bekräftigte die zweite Schwester und rief nach den Pflegern auf dem Gang.

Ich fühlte mich wie in einem alten Westernfilm, in dem sich die verfeindeten Parteien gegenseitig auffordern, die Waffen fallen zu lassen, bis schließlich irgendjemand ein chaotisches Kreuzfeuer eröffnet, um die Gegner auszuschalten.

Sandra rammte sich die Zähne in die Unterlippe. Mein Magen zog sich zusammen, als sie die Finger zur Faust ballte und die Rasierklinge unter ihrem Fleisch begrub. Tränen schossen ihr in die Augen, ihr Brustkorb hob und senkte sich hektisch. Warum tat sie sich das an, wenn es ihr offensichtlich so viel Schmerzen bereitete? Was sah sie, was wir nicht sahen?

„Raus mit dir, wir brauchen Platz!“, rief eine männliche Stimme, jemand packte mich an der Schulter und schob mich auf die Tür zu. Ich stolperte auf den Gang und lief zur Personaltoilette. Sandras Schrei brach, aggressive Rufe und gebellte Anweisungen quollen aus dem Zimmer. Ich zog die Toilettentür hinter mir ins Schloss und setzte mich auf den heruntergeklappten Klodeckel. Sandras Blick hatte sich in meine Netzhaut gebrannt. Das wahnsinnige Funkeln in ihren Augen spukte durch meinen Hinterkopf. Ich bemerkte, dass ich noch immer das Wasserglas umklammert hielt. Vor meinem inneren Auge sah ich, wie es in Scherben zersprang und sich in die Haut meiner Hände bohrte. Wie die Rasierklinge in Sandras Handfläche und Finger. Ihr ersticktes Keuchen hallte in meinen Ohren nach.

Ich schüttelte den Kopf und stellte das Wasserglas auf den Boden. Ich musste wirklich lernen, Distanz zu bewahren.

Wenn ich im medizinischen Bereich arbeiten wollte, konnte ich mich nicht vom psychischen Leid Anderer mitreißen lassen. Inzwischen war ich mir sicher, dass Sandra schizophren war. Ich brauchte mehr Distanz. Ich musste die Dinge mit professionellem Abstand betrachten.

Ich erinnerte mich an ihre Daten, die ich in der Akte hatte lesen können, bevor der Assistenzarzt mich unterbrochen hatte.

Sie war so alt wie ich. Anfang Zwanzig. Und doch standen wir auf verschiedenen Seiten. Ich atmete tief durch, hob das Wasserglas auf und verließ die Toilette. Ich würde üben, die Angst auszuhalten. Vorsichtig spähte ich ins Zimmer. Zwei Pfleger zogen die Fixierung wieder fest, Sandras Blick ging ins Leere. Willenlos schlackerte ihr Kopf hin und her, als man das Bett an seinen alten Platz rückte. Einer der Pfleger fing meinen Blick auf. „Die Hand ist soweit versorgt und wir haben in den Gips geleuchtet. Sie dürfte nichts mehr da drin versteckt haben. Hast du ein Auge auf sie, bis die Psychiaterin kommt?“

Ich nickte. „Klar. Danke für eure Hilfe.“

Sie verließen das Zimmer und ließen mich mit Sandra und ihrer stillen Bettnachbarin allein. Schritt für Schritt bewegte ich mich wieder auf den Stuhl zu und ließ mich darauf nieder. Jemand hatte eine Flasche Wasser auf den Nachttisch gestellt. Ich schraubte den Verschluss ab und goss etwas in das Wasserglas.

„Hast du noch Durst, Sandra?“, fragte ich leise.

Sie nickte, ohne mich anzusehen. Ihr Blick flackerte und zuckte unkoordiniert durch den Raum. Als ich ihr das Glas an die Lippen setzte, trank sie mit großen Schlucken und sank danach in sich zusammen.

„Sag Bescheid, wenn etwas ist. Ich bin hier neben dir.“

Sie murmelte etwas Unverständliches. Ihre Unterlippe war rot und geschwollen.

Die Akte klemmte am Fußende ihre Bettes. Zögernd streckte ich die Hand nach ihr aus und zog sie aus der Halterung.

Schizophrenie.

Ich hatte es gewusst.

Sandra atmete mit einem gequälten Seufzen aus. Mir wurde bewusst, dass sie sehr unter ihrer Krankheit litt. Ich lauschte in mich hinein. War mir das Mitleid lieber als die Angst? Oder war die Angst bereits die Distanz, die ich zu den Kranken aufbaute? Während mich das Mitleid dazu brachte, genauer hinzusehen, half mir die Angst dabei, den Blick abzuwenden.

Aber was war in dieser Situation richtig?

Ich beschloss, die Antwort auf diese Frage ein anderes Mal zu suchen.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

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  1. Das zu lesen macht mich sehr traurig. Grausam, dass ein Mensch psychisch so leidet, dass er zu so etwas imstande ist

    Antwort
  2. Auf sich selbst zu achten ist auch in so einer Situation auf jeden Fall wichtig. Helfen kannst du nicht, wenn es dich zu sehr mitnimmt, man muss in gewissen Situationen einfach Distanz bewahren.

    Antwort
  3. Psychische Gesundheit ist keine Selbstverständlichkeit in unserer Welt. Aus meiner Arbeit weiß ich, wie tief Selbsthass und der Wunsch nach Selbstzerstörung gehen kann. Für uns halbwegs Gesunde oft nicht nachvollziehbar und erschreckend zu erleben. Einfach nur da sein, den Menschen in seinem Leiden zu akzeptieren und ihn zu respektieren ist alles, was wir Laien tun können und wird dem Kranken auf irgendeiner Ebene sicherlich helfen. Toll, wie Du das machst!

    Antwort
  4. Hier ist mal ein Blick auf die andere Seite
    http://www.identitaetskritik.de/self-harm-works-eine-blutige-sprache-und-ihr-emanzipatorischer-gehalt/
    nur falls es Dich interessierte wie jemand SVV erlebt und warum

    Antwort

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