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Momentaufnahme Nr. 6 – Lauschangriff im Bus

Veröffentlicht am

Endlich habe ich die Klausuren hinter mich gebracht, die mich in den finalen Zügen sogar bis in meine Träume begleitet haben. Von einer Klausur hing so viel ab, dass mir bei dem Gedanken, was bei Versagen für Konsequenzen auf den Plan treten, schlecht wurde. Aber leider nicht so schlecht, dass ich nichts mehr hätte essen können.

Tatsächlich esse ich in Klausurenphasen durchaus gesund – ungefähr bis 11 Uhr vormittags. Danach geht es mit meiner Disziplin (lern- und ernährungstechnisch) rapide bergab und ich esse wie eine Drittklässlerin, die man in der Küche unbeaufsichtigt lässt.

Aber nun ist ja alles ausgestanden und ich kann mich wieder wichtigeren Dingen zuwenden: meinen Büchern, meiner Häkelnadel, meiner Harfe und meinem Freund. Falls er das hier liest, kann er sich ja mal Gedanken darüber machen, warum ich ihn an letzter Stelle nenne. Hihi. Nein, Spaß beiseite. Ohne ihn wäre die Klausurzeit sehr viel anstrengender und kräftezehrender gewesen. An dieser Stelle ein großes Danke hierfür.

Ich würde euch gern einen kleinen Gesprächsverlauf aufschreiben, den ich gestern belauscht habe.

Ich saß zu diesem Zeitpunkt im Bus und fuhr zu meiner ersten Klausur, als ein Wort fiel, das mich sofort aufhorchen ließ.

Sterben.

Inzwischen bin ich so sehr auf diese Thematik getrimmt und eingestimmt, dass ich mich bei Schlagworten dieser Art direkt angesprochen fühle. Zwei Reihen vor mir saßen zwei Jugendliche, die auf ihren Smartphones tippten und sich dabei unterhielten. Da der Bus sehr leer war, konnte ich ihrem Gespräch gut folgen.

Sie wirkten relativ jung, vielleicht Fünfzehn, trugen Baseballmützen und ausgelatschte Turnschuhe.

„…find ich voll deprimierend“, sagte der eine.

„Was meinst du?“

„Na, sterben. Darüber zu reden. Das machen wir gerade in Ethik.“

„Ethik ist scheiße!“

„Ja, stimmt. Wer sich das ausgedacht hat…da war ja Religionsunterricht besser.“

„Na, den mochte ich auch nicht.“

„Ja, ich meine ja nicht, dass ich den gut fand oder so. Nur halt, dass der besser war als Ethik.“

„Hmhm.“

„Ja.“

Eine Weile tippten sie wieder synchron auf ihren Bildschirmen. Der Junge mit der blauen Mütze schien allerdings noch nicht ganz fertig mit dem Thema zu sein.

Blau: „Also, jedenfalls ist das deprimierend. Oder?“

Grün: „Ja.“

Blau: „Denkst du da drüber nach?“

Grün: „Nee. Du?“

Blau: „Nee.“

Erneut ein kurzes Schweigen.

Blau: „Na ja, aber eigentlich sterben wir ja alle mal.“

Grün: „Schon.“

Blau: „Kann man ja mal drüber nachdenken.“

Grün: „Ist aber deprimierend, hast du doch selbst gesagt.“

Blau: „Hm. Ja. Stimmt.“

Dieses Mal folgte eine längere Pause. Immer wieder sieht Blau hinüber zu Grün. Seine Daumen ruhen auf dem Display, er fühlt sich offensichtlich unwohl.

Blau: „Du denkst da nie drüber nach?“

Grün: „Lass doch mal das Thema jetzt. Ethik ist scheiße.“

Blau: „Nie?“

Grün: „Nie.“

Blau: „Warum nicht?“

Grün: „Na, kann ich ja noch machen, wenn ich alt bin. Später.“

Blau: „Und wenn du nicht alt wirst?“

Grün: „Was ist denn mit dir los? Klar werd ich alt.“

Blau: „Weißt du ja nicht.“

Grün: „Du auch nicht.“

Blau: „Kann man ja mal drüber nachdenken.“

Grün: „Kann man auch lassen. Ist voll deprimierend mit dir gerade.“

Blau: „Ich will es ja nur verstehen.“

Grün: „Was verstehen? Was gibt’s da zu verstehen?“

Blau: „Warum wir sterben.“

Grün: „Schon mal drüber nachgedacht, warum wir überhaupt leben?“

Blau: „Nee.“

Grün: „Siehste.“

Blau: „Ja.“

Grün: „Gut.“

Blau: „Ja.“

Blau schwieg einen Moment, schluckte und starrte aus dem Fenster.

Grün: „Ok, wenn ich ehrlich bin…hab ich mal darüber nachgedacht.“

Blau: „Echt?“

Grün: „Aber ich hab damit wieder aufgehört. Da seh ich keinen Grund zu. Und es macht nur schlechte Laune.“

Blau: „Ja.“

Grün: „Und du kommst ja zu keinem Schluss.“

Blau: „Stimmt.“

Grün: „Da sollte man nicht zu viel drüber nachdenken.“

Blau: „Seh ich auch so. Was glaubst du, kommt danach?“

Grün: „Wonach? Nach dem Tod?“

Blau: „Ja.“

Grün: „Nichts.“

Blau: „Einfach…nichts?“

Grün: „Einfach nichts.“

Blau: „Richtig langweilig.“

Grün: „Ja. Zu langweilig, um drüber nachzudenken.“

Sie lachten und vertieften sich in ihre Bildschirme. Grün tauchte als erstes wieder auf.

Grün: „Und du?“

Blau: „Was ich denke, was danach kommt?“

Grün: „Ja.“

Blau: „…vielleicht irgendwas Ähnliches wie das hier. Wie in Matrix.“

Grün: „Das wäre cool.“

Blau: „Schon.“

Grün: „Das gefällt mir besser als nichts.“

Blau: „Mir auch. Obwohl man das Nichts ja auch nicht mehr mitbekommt.“

Grün: „Stimmt schon.“

Blau: „Aber wir werden bestimmt alt.“

Beide sahen aus dem Fenster.

Grün: „Vielleicht will ich gar nicht alt werden.“

Blau: „Wieso?“

Grün: „Wenn du so mitkriegst, wie alle um dich rum abtreten und dann tut dir noch was weh oder so…nee.“

Blau: „Ja, da hast du Recht. Wenn du richtig krank bist, ist alt sein bestimmt scheiße.“

Grün: „Wie Ethik.“

Sie prusteten los vor Lachen und pufften sich gegenseitig in die Schulter. Das Gespräch war beendet und die restliche Busfahrt verlief schweigend.

Ich musste grinsen und ließ mich tiefer in meinen Sitz sinken. Auch wenn der Ethik-Unterricht den Jugendlichen auf die Nerven ging, er hatte doch erreicht, dass sie sich über das Thema Altern und Sterben austauschten. Und das auf eine sehr erfrischende Art und Weise.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

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  1. Danke für’s mitschreiben 😉 Wenn Du Dich auf meiner Seite umgeschaut hast, weißt Du ja vielleicht, was ich den beiden am liebsten sagen würde.

    Antwort
    • Hallo, hungmin.
      Ein paar deiner Artikel habe ich schon gelesen, aber ich bin mir nicht sicher, was du ihnen sagen würdest.
      Dem Artikel nach, der mir am meisten in Erinnerung geblieben ist, vielleicht: „Eine Frau, die beim Nachhausekommen den Staub auf der Leiste mit dem Finger kontrolliert, hätte ich zum Teufel gejagt.“ 😉 Aber das passt wohl nicht zum Thema.

      Antwort
      • Hallo Pinchen,
        also erst einmal auch: Respekt! Ich bin echt beeindruckt von Deinem Blog. Du wirkst soviel aufgeräumter und fast reifer als ich. Ich hadere noch so viel mit dem Leben, obwohl ich viel älter bin als Du.
        Ja, also, ich hatte gehofft, dass man auf meinem Blog früher oder später auch auf das Thema Glauben stößt und dann natürlich auch deutlich wird, wie ich dazu stehe. Und sich somit denken kann, was ich den beiden geantwortet hätte 😉
        Es tut mir leid, dass ich so kryptisch schreibe, aber außer auf meinem Blog, will ich mit dem Thema Glauben zur Zeit niemandem behelligen, der sich nicht wirklich dafür interessiert. Aber tatsächlich schreit mich natürlich jede Deiner Seiten förmlich damit an. Wobei ich noch nicht so viel gelesen habe. Es ist halt das Thema, mit dem Du Dich beschäftigst. Und da komme ich nicht am Evangelium vorbei.
        lg
        Hung-min

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