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Momentaufnahme Nr. 7 – Loch im Schädel

Veröffentlicht am

Neulich habe ich etwas sehr Interessantes erfahren und eine ebenso interessante Entdeckung an meinem Verhalten gemacht. Einige von euch erinnern sich vielleicht an meine Begegnung mit dem groß gewachsenen Hünen, der sich mit einer Schreckschusspistole ein Loch in den Kopf riss (https://leihmirdeinohr.wordpress.com/2012/09/08/praktikum-auf-der-notaufnahme-wie-in-einem-schlechten-film/).

Erinnert ihr euch, wie aggressiv und bedrohlich die ganze Situation war? Wie er von Polizisten bewacht und von der Psychiaterin als „bescheuert“ bezeichnet wurde? Hattet ihr beim Lesen des Artikels ein bestimmtes Gefühl? Ein Vorstellung von diesem Mann und von der Atmosphäre, die er mit sich brachte?

Wenn ja, dann achtet nun genau darauf, wie sich dieses Gefühl verändert, wenn ich euch erzähle, was ich von der Freundin meines Bruders erfahren habe.

Seit einigen Monaten hat mein großer Bruder eine Freundin, mit der er inzwischen auch zusammen wohnt. Ich kannte sie schon lange, bevor sie mit ihm zusammen kam, wenn auch nur flüchtig. Sie arbeitete nämlich zur gleichen Zeit im gleichen Krankenhaus, wo wir uns einmal über den Weg liefen.

Neulich sprach sie einen Fall an, der mir bekannt vorkam.

„Auf der Intensivstation gab es einen Mann, der sich mit einer Schreckschusspistole in den Kopf geschossen hatte“, sagte sie. „Das war gruselig. Ich war ungern mit ihm allein.“

„Eine Schreckschusspistole?“ Ich stutzte. „War er groß und hatte eine Glatze?“

„Ja, er war riesig!“ Sie zeigte mit den Händen, um wie viel Zentimeter er sie mindestens überragt hatte. „Und aggressiv! Jedenfalls, als er noch bei Bewusstsein war.“

Ich runzelte die Stirn und kaute. Mein Bruder und sie hatten mich zum Essen eingeladen, um mir ihre neue Wohnung vorzuführen.

„Warum war er auf der Intensivstation? Ich habe ihn auf der Notaufnahme getroffen, da war er sehr lebendig. Die Wunde galt als nicht gefährlich, nur eben tief und ein bisschen ungewöhnlich.“

Ich dachte an seine künstlich aussehende Freundin, an die Beleidigungen, die er mir an den Kopf geworfen hatte und an den starren Blick, mit dem er seine Mitmenschen gemustert hatte.

Sie zuckte die Achseln. „Keine Ahnung. Sie haben ihn operiert und irgendwie ist er danach ins Koma gefallen und gestorben.“

Mein Kiefer verharrte, eine Pause entstand. „Er ist gestorben?“

„Ja.“

„Oh. Na sowas.“ Ich lehnte mich überrascht zurück. Die ablehenden Gedanken, die sich bei der Erinnerung an den Patienten in meinem Kopf zusammengebraut hatten, lichteten sich und machten neuen Empfindungen Platz. Mit einem Mal dachte ich an die Beziehung, die er zu seiner Freundin gehabt hatte, dachte daran, wie groß der Schock für sie gewesen sein musste, ihn zu verlieren. Dachte an die Absichten, die er beim Ansetzen der Schreckschusspistole gehabt hatte und daran, wie schlecht die ganze Sache für ihn ausgegangen war. Er hatte sich aus Wut in den Kopf geschossen. Hatte er das mit dem Ziel getan, sich ernsthaft zu verletzen? Oder wollte er seiner Freundin nur einen gehörigen Schrecken einjagen? Wollte er sterben oder wusste er überhaupt nicht, was er da tat?

Erstaunt bemerkte ich, dass sich mein Erinnerungsbild von ihm schlagartig veränderte. Der große, brutale Hüne wurde zu einem missverstandenen Mann mit traurigen Augen und sensiblem Mund.

Warum?

An sich ist mir schon öfter aufgefallen, dass der Tod die Erinnerungen an einen Menschen verändert. Es scheint nicht in Ordnung zu sein, weiterhin schlecht von einem Menschen zu denken, wenn er erst einmal gestorben ist.

Ist der Tod eines Menschen eine Art Weichzeichner, den die Hinterbliebenen an sein Andenken ansetzen? Konzentrieren wir uns bei den Gedanken an Verstorbene darauf, sie möglichst positiv wahrzunehmen und verdrehen deshalb die eigentlich vorhandenen Tatsachen?

Fakt ist, dass der Mann nicht sonderlich sensibel auf mich gewirkt hatte. Und dass ich ihn nicht mochte, weil er mir Angst einjagte und mich diese pulsierende Aggressivität abstieß. Passt das vielleicht nicht in mein Selbstkonzept und deshalb verforme ich meine Erinnerungen, um mich selbst nicht in Frage stellen zu müssen?

Ist es gesellschaftlich einfach nicht genug anerkannt, einen verstorbenen Menschen nicht zu mögen oder unsympathisch zu finden?

Bei Menschen, die einen festen Platz in unserem Herzen haben, wenn sie gehen, sieht die Sache natürlich anders aus. In diesem Fall haben wir eine große Bandbreite an Informationen, die wir abrufen können, wenn wir an sie denken. Je nach Stimmung ruft man sich schöne oder weniger schöne Erlebnisse ins Gedächtnis, auch weil man ein ganz anderes Recht dazu hat.

Mit Recht meine ich an dieser Stelle eine natürliche Berechtigung, zum Beispiel Kritik zu üben oder allgemeingültige Aussagen über den Menschen zu treffen. Diese manchmal abfällig-liebevollen Sätze wie „Na ja, er war eben immer etwas merkwürdig.“ oder „So war sie eben…total geizig, aber ehrlich.“ werden von Familienangehörigen oder Freunden ausgesprochen. Durch ihre Nähe zum Verstorbenen steigt die Akzeptanz der Gesellschaft, wenn sie kritische oder negative Dinge sagen. Auch weil sie diese Sätze aus ihrem umfassenden Wissen über den Verstorbenen bilden.

Was passierte also in meinem Kopf, als ich hörte, dass dieser eigentlich sehr unsympathische Patient verstorben war?

Erst einmal ist da mein Selbstkonzept. Der Teil von mir, der sich als angehende Sterbebegleiterin bezeichnet, möchte offen mit der Thematik umgehen, aber auch möglichst nicht negativ auffallen. Schließlich bin ich noch relativ jung, um in diesem Bereich zu arbeiten und werde aus diesem Grund oft in Frage gestellt. Zum einen war es also die Sorge, unprofessionell zu wirken und dadurch meine Glaubwürdigkeit als Sterbebegleiterin einzuschränken.

Zum anderen möchte ich mich vermutlich nicht als negativ eingestellten Menschen sehen, der über andere Menschen richtet. Im Alltag ist es einfach, Dinge zu sagen wie „Da steht mir kein Urteil zu.“ oder „Dazu habe ich keine direkte Meinung, ich kenne x/y nicht gut genug.“. Es geht also um Bescheidenheit bzw. darum, dass ich gern bescheiden wäre.

Kurz gesagt: Es geht um Selbstdarstellung.

Das klingt sehr egoistisch. Und das ist es auch. Jeder von uns lernt sich selbst über die Gedanken und Handlungen kennen, die den Tag und die Nacht über unser Leben bestimmen. Wir können nicht sagen, wer oder was wir sind, wenn wir nicht entsprechend denken und handeln. Wir geben der Selbstdarstellung wegen oft unsere Berechtigung ab, ehrliche Gedanken zu formulieren oder zu Handlungen zu greifen, die unserer wirklichen Einstellung Ausdruck verleihen. Weil es sich nicht gehört.

Natürlich gibt es auch in dieser Hinsicht Querdenker, die absichtlich ihren wahren Gefühlen nachgeben, um zu zeigen, wie es um ihr Innenleben steht. Auch das ist eine Frage der Selbstdarstellung. Habe ich von mir selbst das Bild einer unnachgiebigen und zielstrebigen Person, die keinen Wert auf die Meinung Anderer legt, entspricht es nicht meinem Selbstkonzept, aus Rücksicht auf Konventionen meine Meinung zu verschweigen oder zu ändern.

Läuft es am Ende also immer auf Selbstdarstellung und Selbstkonzept hinaus?

Ja. Denn das ist unser innerer Kompass, der uns aufzeigt, welche Wege für uns unbedenklich oder mit Kritik, Denkaufwand und Infragestellen verbunden sind.

Was flüsterte mir mein innerer Kompass also ins Ohr, als ich vom Tod des Patienten erfuhr?

„Ok, du mochtest ihn nicht. Er war aggressiv, gemein und furchteinflößend. Seine Freundin wirkte ein bisschen einfach gestrickt und sah aus wie eine Barbie. Das Ganze war absurd und auf eine skurrile Weise sogar lustig. Jetzt ist er tot. Du kannst keine schlechten Gedanken über einen Toten haben. Was wärst du denn für eine Sterbebegleiterin, wenn du Menschen für ihr Leid verurteilst? Du weißt ja nicht, warum er sich die Waffe an die Schläfe gesetzt hat. Du kommst gerade öffentlich in Kontakt mit der Thematik Tod. Und du bist mit einer Begegnung konfrontiert, zu deren Zeitpunkt du noch nicht wusstest, was du heute weißt. Du bist jetzt angehende Sterbebegleiterin, wie gehst du mit dem Tod um? Genau, offen und ehrlich. Zeig, dass du tolerant auf diesem Gebiet geworden bist und dass du nicht das Wissen hast, ihn verurteilen zu können. Irgendwie tat er dir ja auch Leid. Erinnere dich einfach nur daran, dass er dir Leid tat, das lässt dich besser dastehen.“

Ich kaute zu Ende und schluckte. „Ich mochte ihn nicht. Er hat mir Angst gemacht. Und seine Freundin wirkte ein bisschen doof.“

Die Freundin meines Bruders nickte. „Ja, find ich auch.“

Wir schwiegen eine Weile und wechselten dann das Thema.

Was für eine Art Sterbebegleiterin möchte ich sein?

Ich möchte eine menschliche Sterbebegleiterin mit Fehlern sein. Ich kann nicht ethisch und moralisch perfekt handeln. Niemand kann das.

Es ist wichtig, auf den inneren Kompass zu hören, aber es ist ebenso wichtig, eigene Entscheidungen zu treffen.

Dass der Mann gestorben ist, tut mir tatsächlich irgendwie Leid. Aber ich finde ihn trotzdem unsympathisch und gemein.

Alles andere wäre gelogen.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

»

  1. Ich finde es auch irgendwie falsch, sich über verstorbene lustig zu machen oder sie in irgendwelche Schubladen zu packen, weil es von außen so auf einen wirkte. Es ist ein bisschen wie lästern, es ist in meinen Augen eine feige Art, andere schlecht zu machen. Wenn sich der Andere nicht mehr dazu äußern kann, ist es nicht okay. Natürlich macht das auch einen schlechten Eindruck (wer mag schon Leute, die ständig über andere Lästern), was dann wieder Selbstdarstellung ist. Aber ich gebe mir immer Mühe, nicht über Menschen zu urteilen, die ich nicht wirklich kannte/kenne.
    Allerdings hatte der Mann kein Recht, mit derartigen Wörtern um sich zu werfen und das macht ihn definitiv nicht zu einem netten Menschen, egal was er für Probleme er hatte. Deswegen darf man m.E. Dann auch äußern, wie er auf einen wirkte. Nur darüber, was für ein Mensch er war, würde ich nichts sagen. Auch wenn ich es mir (unfreiwillig) denke.

    Antwort
    • Das klingt, als wäre das für dich eine Art „Prinzipiending“. Wenn ich dich richtig verstanden habe, ist es in Ordnung, seinen Eindruck zu äußern, wenn ein Grund dazu besteht und wenn man sich darüber im Klaren ist, dass es eben nur ein Eindruck ist.
      Dass man sich nicht anmaßen soll, wissen zu wollen, wie ein Mensch wirklich ist.
      Ich finde die Grenze zwischen Lästern und über Menschen reden sowieso recht fließend, seit ich in einem puren Mädchenstudiengang bin, sogar noch mehr. 😉
      Ich fand es nur interessant, wie der Tod des Patienten mich dazu veranlasst hat, meine Erinnerung zu verdrehen, weil ich sie als nicht mehr angemessen empfunden habe.
      Dass man über Verstorbene generell eher nicht lästern sollte, sehe ich genauso. Aus dem Grund, den du auch genannt hast: Sie können sich nicht mehr wehren.
      Ich hatte im Nachhinein ein schlechtes Gewissen, weil ich seine Freundin als „etwas doof“ eingeschätzt habe. Schließlich ist sie vom Tod ihres Freundes bestimmt hart getroffen und es ist eine sehr oberflächliche Art, einen Menschen zu beurteilen.
      Andererseits denke ich, dass man oftmals neben dem Ton oder der Norm liegt, wenn man emotional in eine Sache verstrickt ist.
      Trotzdem sollte man schon darauf achten, welches Recht man in einer Situation hat, einen Menschen einzuschätzen, da stimme ich dir zu.

      Antwort
  2. Vieleicht ist Angst hier das Schlüsselwort.
    Angst ist ein sehr starkes Gefühle und unterdrückt einen objektiven Blick.
    Das ist nicht negaiv sondern hält den Menschen in Gefahrensituationen handlungsfähig.
    Erst wenn so jemand tot ist verliert man endgültig die Angst vor Ihm.
    Damit wird der Weg frei für einen objektive Betrachtungsweise.
    Ein Mensch wird dadurch nicht zwangsweise gut, aber es wird möglich auch
    einen anderen Blickwinkel einzunehmen.

    Antwort
    • Ich denke, ich verstehe, was du damit meinst.
      Dass Angst mit in die Bewertung eines Menschen hineinspielt, ist sicher richtig.
      Ein objektiver Blickwinkel ist meist ein weniger emotionsbehafteter Blickwinkel, insofern stimmt es, dass die Bewertung ohne Angst neutraler ausfällt.
      Im Fall des Patienten stimme ich dir voll und ganz zu.
      Bei Familienangehörigen denke ich, dass der Tod allerdings noch mehr Emotionen und Angst aufwerfen kann.
      Allerdings kann man das vermutlich kaum verallgemeinern, weil die Beziehungen der Menschen untereinander nicht vergleichbar sind.
      Aber die Angst als Erklärungsbasis zu nehmen, ist ein sehr interessanter Ansatz.

      Antwort
  3. Ein sehr guter Artikel! Die Perspektivenverschiebung durch den Tod des Patienten kann ich gut nachvollziehen. Vielleicht wird es sogar im Laufe des Berufslebens so sein, dass man diese – ich nenne es ‚mal – Nachsicht mit dem Patienten schon während der bedrohlich wirkenden Situation vor seinem möglichen Tod einnehmen kann… Aber ich denke, es wird immer von Fall zu Fall ganz unterschiedlich sein. Und muss das auch.

    Schöne Artikel hier!

    Antwort

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