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Kurseinheit 7 – Spuren

Veröffentlicht am

Bereits die siebte Kurseinheit liegt nun hinter mir. Es ist wirklich verrückt, wie schnell die Zeit vergeht und wie rasch der Befähigungskurs voranschreitet. Beinahe die Hälfte des Kurses ist geschafft, in sieben Monaten werde ich das Zertifikat in den Händen halten, welches mir erlaubt, in Zukunft in nahezu jedem Hospizdienst Deutschlands als Sterbebegleiterin zu arbeiten. Und in zwei Monaten werde ich meine ersten Begleitungen übernehmen dürfen.

Wenn nichts dazwischen kommt natürlich.

Man sagt mir häufig, dass ich dazu neige, mich auf die schönen Endresultate zu konzentrieren, statt die Dinge geplant und realistisch anzugehen. Diese schlechte Angewohnheit zeigte sich schon während der Abiturvorbereitung, als ich lieber in Katalogen nach dem passenden Kleid für den Abschlussball suchte, statt für die Prüfungen zu lernen. Oder während meines Umzugs in den Westen Deutschlands, als ich es vorzog, mir mittels Wohnmagazinen die hübsche Einrichtung der neuen Wohnung auszumalen, statt mein Hab und Gut in Kartons zu verpacken. Aber das ist eine andere Geschichte.

Setzt man sich mit dem Tod und dem eigenen Sterben auseinander, kommt man nicht umhin sich zu fragen, was von seinem Leben übrig bleibt, wenn es erlischt. Was ist es, was wir unseren Familien und Freunden hinterlassen? Was bleibt, wenn wir gehen? Erinnerungen? Fotos? Hörensagen? Oder stirbt das Andenken mit uns?

Wenn ich auf meine Tante zurückblicke, die vor ungefähr acht Jahren an Krebs starb, erinnere ich mich an unsere Diskussion über nicht mehr zeitgemäßen Lipliner, ihre rauchige Stimme, ihr lautes Lachen, das Funkeln in ihren Augen. Besonders laut lachte sie, wenn meine Mutter und meine Großmutter mit Handpuppen zu Kindergeburtstagen auftraten. Manchmal denke ich, dass sie sogar mehr Spaß an der Angelegenheit hatte als die Besucherkinder, die wir zu unserem großen Tag hatten einladen dürfen. Ich weiß, dass sie kurz vor ihrem Tod begann, ein Tagebuch zu führen und Kleider zu verschenken. Dass sie auf diesem Weg kleine, persönliche Dinge verteilte, um erhalten zu bleiben. Ich erinnere mich, wie hilflos ich mit meiner Mutter vor ihrem Sterbebett stand, als sie sich die Sauerstoffbrille vom Gesicht gezogen hatte und mit einem Mal hektisch nach Luft schnappte. Dass wir die Schwester rufen mussten, weil wir nicht wussten, wie wir den Schlauch wieder unter ihrer Nase befestigen sollten.

Als ich im Krankenhaus arbeitete, habe ich oft an sie gedacht, wenn ich den Patienten Sauerstoffbrillen über ihr Gesicht zog.

„Schau, jetzt weiß ich, wie das geht“, wollte ich in einigen stillen Stunden gern zu ihr sagen. „Jetzt kann ich es.“

Auch das ist eine Spur, die sie in meinem Leben hinterlassen hat. Es sind warme und freundliche Gedanken, die ich mit ihr verbinde. Kleine Momente, kleine Rückblenden.

Wird meine Familie später auch an mich auf diese Weise zurückdenken? Werden Fotos von mir auf dem Fensterbrett und in Regalen stehen? Wird man über mich sprechen oder meine Briefe, Einträge oder sogar diesen Blog lesen? Ist dieser Blog vielleicht ein unbewusster Versuch, mich selbst zu konservieren und somit den Tod zu überdauern?

Fest steht, dass wir unseren Mitmenschen etwas hinterlassen. Egal, als wie klein wir unsere Existenz empfinden, jeder von uns hinterlässt Spuren.

Um diese Spuren drehte sich die siebte Einheit des Hospizkurses.

—-

Man sah uns wohl an, dass wir uns unwohl fühlten. Marie setzte das Gesicht auf, das sie immer aufzusetzen pflegte, wenn sie besonders behutsam mit uns umgehen musste. Ihre Aufforderung hatte uns unvorbereitet getroffen. In unserer Kursübersicht stand das Thema „Spuren und mein Weg“, deshalb hatten wir eher damit gerechnet, unsere Lebensgeschichte aufzubereiten oder von uns zu erzählen. Nicht mit der Aufgabe, einen Brief für unsere Hinterbliebenen zu verfassen.

„Wissen Sie“, setzte Marie sanft an. „…ich weiß, dass das eine schwierige Aufgabe ist. Ich kenne andere Koordinatoren und Ausbilder, die von ihren Schützlingen verlangen, die eigene Beerdigung zu planen. Das tun wir hier nicht. Ich möchte nur, dass Sie sich bewusst machen, was Sie hinterlassen möchten und das in einem Brief an Ihre Lieben ausformulieren. Dafür gebe ich Ihnen ein Stunde Zeit. Gehen Sie einfach in sich und überlegen Sie. Wenn es nur wenig gibt, was Sie sagen möchten, wird es eben ein kurzer Brief. Das ist Ihre Entscheidung.“

Neben mir spielte Ricki nervös an ihrem Ehering. Dachte sie darüber nach, was sie ihrem gerade frisch angetrauten Ehemann für den Fall ihres vorzeitigen Todes schreiben sollte? Es war so still im Raum, dass das ausgeteilte Papier unangenehm laut raschelte. Ein leises Schluchzen ließ uns alle herumfahren.

Luise bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und wurde von einem Weinkrampf geschüttelt. Immer wieder warf sie den Kopf hin und her und sog pfeifend Luft in ihre Lungen. Einige Teilnehmer wandten sich schnell wieder ab, um ihr Grinsen zu verstecken.

Benno schnaubte. „Hätte ich doch nur mit jemandem gewettet, ob sie heute heult.“

Ich zuckte mit den Schultern. Anfangs hatten Luises Gefühlsausbrüche mich noch erreicht und aufhorchen lassen, doch inzwischen gehörte dieser überschwängliche Zug zu ihr und ihr Weinen zum Kurs einfach dazu. Der Seelsorger tätschelte ihr ein wenig unbeholfen die Schulter. „Aber, aber, Luise! Wir haben doch noch gar nicht angefangen! Atmen Sie mal durch.“

Marie teilte ungerührt die Papierbögen aus, ohne auf diesen Ausbruch einzugehen. Inzwischen schien sich bei ihr eine Art Immunität gegen Luises Tränen entwickelt zu haben. Ich nahm die Blätter entgegen und legte sie auf meinem Ordner ab. Benno klickte mit seinem Kugelschreiber. Er fing meinen Blick auf und lachte. „Es ist verrückt, aber ich fühle mich total unter Druck. Als müsste ich wirklich sterben, wenn ich diesen Brief schreibe. Und ich weiß auch gar nicht, an wen ich schreiben soll.“

„Ich auch nicht“, gab ich zu. „Wollen die so etwas überhaupt lesen, wenn man tot ist?“

„Wie bin ich gestorben?“, fragte eine Kursteilnehmerin leise. „Oder sollen wir uns das ausdenken?“

Marie lächelte. „Die wenigsten Menschen wissen, wie sie sterben werden. Selbst Krebspatienten im Endstadium können überraschend einen Herzinfarkt erleiden oder von einem Auto überfahren werden. Sie schreiben diesen Brief hypothetisch. Wenn Sie morgen sterben müssten, was würden Sie Ihren Lieben gerne mitteilen und hinterlassen?“

Schweigen senkte sich über den Kursraum, nur hin und wieder unterbrach Luises Schniefen die Stille.

Mein Kugelschreiber verharrte unentschlossen auf dem Blatt. Wem sollte ich überhaupt schreiben? Meinen Geschwistern? Meinen Eltern? Meinem Freund?

Ich beschloss, einen Brief an alle Menschen zu schreiben, an denen mir etwas lag. Ich begann damit, Namen aufzulisten. Allein meine Geschwister und Eltern brachten sieben Namen auf das Papier. Wirkte ein Kollektivbrief zu lieblos? Eine Stunde reichte vermutlich nicht, um für jeden einen eigenen Brief zu schreiben. Außerdem würde ich mich bestimmt irgendwann wiederholen. Gleiche Sätze in unterschiedlichen Reihenfolgen wirkten bestimmt noch liebloser.

Was also wollte ich diesen Menschen zum Abschied sagen?

„Es tut mir Leid, dass ich euch allein lassen muss“, schrieb ich in die zweite Zeile. Und strich sie sofort wieder durch. Warum entschuldigte ich mich dafür, dass ich sterben muss? So ist der Lauf der Dinge. Außerdem klang die Formulierung beinahe so, als ginge ich davon aus, dass sie ohne mich aufgeschmissen wären.

„Ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr ich euch liebe“, kritzelte der Kugelschreiber, nur um eine Sekunde später auch diesen Satz mit einer dicken blauen Linie zu zerteilen. Das wirkte fehl am Platz. Die Menschen, für die ich diesen Brief schrieb, wussten hoffentlich, dass sie einen Platz in meinem Herzen hatten. Der Satz wirkte in einem letzten Brief an alle geliebten Menschen wie eine bedeutungslose Worthülse. Er konnte nicht annähernd ausdrücken, was ich für diese Menschen empfand.

„Jetzt ist also Schluss!“, schlug der Kugelschreiber vor. Ich grinste. Und strich auch diesen Satz durch.

Seufzend lehnte ich mich zurück und dachte nach. An sich war es ein großer Luxus, die Zeit zu haben, einen solchen Brief zu schreiben. Viele sterbende oder bereits verstorbene Menschen würden mit Sicherheit einiges dafür geben, um diese letzte Chance zur Mitteilung zu haben. Aber wollte ich das? Wollte ich diese Möglichkeit überhaupt haben? Viele Jahre war ich ein Teil dieser Familie gewesen und hatte einen großen Teil meines Lebens mit diesem Mann verbracht. Meine ungeborenen Kinder trugen bereits seinen Nachnamen und hatten seine blauen Augen. Gehörte das in den Brief? Gab es überhaupt Regeln?

Ich stützte mich mit den Unterarmen auf dem Tisch ab und starrte auf das Blatt. Ein Haufen Namen und ein paar durchgestrichene Sätze. Spiegelte das mein Leben wider? Oder ging es vielleicht gar nicht um ein Echo meines Lebens? Schließlich war ich zu dem Zeitpunkt, wenn der Brief gelesen wurde, bereits tot. Es waren meine letzten Worte. Was könnte wichtig genug sein, um in meinen letzten Worten Erwähnung zu finden?

Ich dachte über die letzten Worte von Prominenten nach, über die ich neulich einen Artikel gelesen hatte. Der amerikanische Stand-up-comedian Lenny Bruce hatte kurz vor seinem Tod nach einer Möglichkeit gefragt, an Marihuana zu kommen. In gewisser Weise entspricht dieser humoristische Abgang also seinem Lebenswerk. Bertolt Brecht hielt es mit seinem Ausspruch „Lasst mich in Ruhe!“ ein wenig pragmatischer. Aber was entsprach meinem Lebenswerk? Konnte man mit Anfang Zwanzig überhaupt von einem Lebenswerk sprechen? Ich tippte mit dem Kugelschreiber an meine Nasenspitze. Zwang man die Leser des Briefs nicht auf irgendeine Weise, ein bestimmtes Bild vom Verstorbenen zu behalten? Eigentlich wollte ich keinen Einfluss darauf nehmen, wie man sich an mich erinnerte und an mich dachte. Meine Familie sollte mich so in Erinnerung behalten, wie sie mich empfunden hatte. Und mein Freund sollte mit dem Bild im Herzen mit mir abschließen können, das sich während unserer Beziehung von allein entwickelt hatte. Ohne anleitende Worte oder Abschiedsgrüße.

Ich legte den Stift beiseite und beschloss, keinen Brief an meine Lieben zu schreiben. Es gab zu viel, was ich ihnen noch sagen wollte, als dass ich es in einem einzigen Brief komprimieren konnte. Mein Leben und meine Liebe passten nicht auf die Blätter, die Marie uns ausgeteilt hatte. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass sich die Kursleiterin neben mich gestellt und zu mir heruntergebeugt hatte.

„Du schreibst nicht?“

Ich schüttelte den Kopf. „Es passt nicht zu mir. Sie sollen sich selbst aussuchen dürfen, was sie über mich und meinen Tod denken. Und was mir auf dem Herzen liegt, möchte ich zu Lebzeiten gesagt haben.“

Die Lachfältchen um ihre Augen vertieften sich, als sich ihre Lippen zu einem breiten Grinsen verzogen. „Deine Entscheidung.“

Ihre Hand legte sich für einen Augenblick auf meine Schulter, dann wandte sie sich ab und ging zu einem anderen Kursteilnehmer.

Mehrmals wanderte mein Blick zum dem ungenutzten Stift zu meiner Rechten. Doch ich griff nicht zu. Meine Entscheidung stand fest und fühlte sich richtig an.

Als die Stunde dem Ende zuging, war ich gespannt auf die Briefe der anderen Kursteilnehmer, doch Marie bat uns lediglich, die Blätter gut aufzubewahren und sie anzusehen, wenn wir in Konflikte oder Krisen gerieten.

„Sie haben diese Briefe nicht für mich oder diesen Kurs geschrieben“, sagte sie freundlich. „Sondern für sich und ihren klaren Blick. Ich danke Ihnen für die heutige Stunde.“

Unter leisem Gemurmel räumten wir unsere Sachen zusammen und schlüpften in unsere Jacken. Die meisten Kursteilnehmer schienen erleichtert, dass wir die Briefe nicht öffentlich besprachen. Nur Luise wirkte ein wenig geknickt. Drei voll beschriebene Papierbögen faltete sie zusammen, um sie in ihrer Tasche zu verstauen. Das entsprach ihrem Lebenswerk.

Was meine letzten Worte wären? Vielleicht „Ich habe alles gesagt, was ich sagen wollte.“?

Oder auch gar nichts.

Jeder, der mich kennt, weiß, wie gerne ich rede. Mein Freund ist manchmal beinahe verzweifelt, weil ich schon früh am Morgen den Mund auf- und ihn erst spät am Abend beim Einschlafen wieder zuklappe. Aber wenn ich gehen muss, möchte ich das Gefühl haben, dass alles gesagt ist. Und ich möchte einfach nur sterben können, ohne dass sich Worte hinter meiner Stirn bilden und nach draußen drängen. Eigentlich hat Bertolt Brecht es mit seinem Ausspruch gut getroffen.

Beim Sterben möchte ich meine Ruhe.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

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  1. Irgendwie ist es sehr rührend, dass du nichts schreiben willst. Jetzt muss ich irgendwie an meinen Opa und an meinen Onkel denken. Immer sagt man, dass man so gern noch letzte Worte gelesen oder gehört hätte. Wie eine Aufnahme für den Fall, dass sie sterben oder einen Brief.
    Aber es ist alles gesagt..
    Ich hab so lang nicht mehr um die beiden geweint, aber jetzt schon, weil mich das von dir nachdenklich macht und du irgendwie total recht hast. Warum sollte man in ein einziges Dokument, was geöffnet werden und gelesen werden soll, wenn derjenige schon tot ist und alles gesagt ist?
    Dein Blog hilft mir ungemein über den Tod zu lernen und das alles zu verarbeiten 🙂
    Danke ♥
    Liebe Grüße Sarah

    Antwort
    • Ach, Sarah, du bist süß!
      Ich finde, dass dein Opa und dein Onkel großes Glück hatten, eine so feinfühlige Angehörige wie dich zu haben. Ich bin mir sicher, dass sie sehr glücklich darüber wären, wenn sie wüssten, wie viel und wie liebevoll du an sie denkst.

      Antwort
      • Naja weißt du.. ich hab für mich akzeptiert, dass Tod nicht immer das endgültige Ende sein muss und es einfach auch zum Leben dazugehört, auch wegen deinem Blog und deinen Texten 🙂 Manchmal kommt dieses Gefühl aber wieder hoch, dass ich sie vermisse und mich gerne bei ihnen bedanken würde, aber ich glaube ganz fest daran, dass sie das wissen 🙂
        Danke ♥

  2. Dieser Artikel beschäftigt mich seit gestern… nach dem Abi hatte ich irgendwann mal das Gefühl, dass ich nicht mehr lange zu leben habe (es gab aber keine medizinische Indikation dafür, ich verbuche es unter „spätpubertäres Gehabe“) und da habe ich auf meinem Computer einen kleinen Brief an meine Famiie und Freunde hinterlassen, für jeden nur ein paar Zeilen, in denen ich eine besonders schöne Situation beschrieben habe, die ich mit ihnen erlebt habe. 14 Jahre später denke ich, dass es mir sehr wichtig war, dass mich alle lachend und fröhlich in Erinnerung behalten – keine Ahnung warum. Mittlerweile ist der Computer verschrottet und der Brief somit auch und einen weiteren habe ich nicht geschrieben.

    Als ich vor zwei Jahren erfahren habe, dass mein Opa (der in den USA lebte) nicht mehr lange zu leben hat, habe ich ihm einen 5-seitigen Brief geschrieben und ihm all das gesagt, was ich ihm noch sagen wollte. Ich habe ihm erzählt, an welche Unternehmungen mit ihm ich mich noch erinnere und ihm gesagt, wie wichtig er mir ist. Er war nie ein Mann der vielen Worte, aber er hat meinem Vater (der dort war) gesagt, dass es das Schönste war, was er je bekommen hat. Und mir hat es geholfen, seinen Tod zu verarbeiten. Wir hatten alles gesagt, was gesagt werden musste/sollte/wollte. (Das heisst aber nicht, dass ich nicht nach wie vor um ihn heule…)

    Der Cousin meines Vaters ist vor vielen Jahren Anfang Februar bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Als seine Frau irgendwann im Herbst seine Truhe, in der er viele Sachen aufbewahrte und die für alle anderen Tabu war, ausgeräumt hat, fand sie dort die Weihnachtsgeschenke für sie und die Kinder für das folgende Weihnachten. Ich fand das etwas unheimlich, aber gleichzeitig sooo schön, sozusagen ein letzter Gruss vom Mann und Vater, dass ich vor meinem Austauschjahr auch Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke für meine engsten Familienmitglieder und meine zwei engsten Freundinnen gekauft habe und die sie dann von meiner Schwester am jeweiligen Geburtstag (bzw. an Weihnachten) erhielten. Auch damals war ich irgendwie überzeugt, das Austauschjahr nicht zu überleben… (ich hatte eine höllische Flugangst… )

    Mittlerweile denke ich, wenn ich heute sterben soll, dann ist es so. Meine Familie und meine Freunde werden mich so in Erinnerung behalten, wie sie mich jetzt gerade sehen und ich denke, sie werden auch noch in 20,30 Jahren an mich denken – meine Mutter hatte einen Klassenkameraden, der mit 16 starb (das ist jetzt fast 50 Jahre her…) und meine Tante und sie reden heute noch von ihm. Warum sollte das bei uns anders sein?

    Antwort
    • Hallo Ulli,

      ich finde es schön, dass du so offen schreibst.
      Dein „spätpubertäres Gehabe“ kann ich gut nachvollziehen, weil ich so eine Phase auch mal hatte. Man konnte mir erzählen, was man wollte, aber ich war fest davon überzeugt, dass es bestimmt bald zu Ende geht. 😉 Ich glaube, ich war 14 oder 15 Jahre alt.
      Ich habe auch einen Abschiedsbrief geschrieben, aber eher einen, in dem ich jedem nochmal die Meinung gesagt habe (man fühlt sich in dem Alter einfach unverschämt im Recht). Im Nachhinein bin ich froh, dass ich diesen Brief inzwischen sicher verwahrt weggeschlossen habe und ihn niemand gelesen hat. Aber zum Wegwerfen war er mir doch zu schade.

      Den Brief an deinen Opa finde ich eine wirklich schöne Sache. Wenn man kurz vor dem eigenen Tod nochmal das Gefühl hat, dass an einen gedacht wird und dass man gut in Erinnerung behalten wird, ist das mit Sicherheit eine tolle Erfahrung.
      Und das mit den Weihnachtsgeschenken ist wirklich ein bisschen unheimlich. Aber schön.
      Besonders bemerkenswert finde ich aber, dass du eine so benennbare Entwicklung bis heute durchgemacht hast. Dass du heute sagen kannst, dass sich die Erinnerung an dich halten wird, ohne dass du „nachhelfen“ musst. Ich finde, was du geschrieben hast („dass es mir sehr wichtig war, dass mich alle lachend und fröhlich in Erinnerung behalten“), ist ein sehr wichtiger Punkt. Wir wollen Einfluss darauf nehmen, wie sich die Menschen an uns erinnern, obwohl das eigentlich außerhalb unseres Einflussbereichs befindet. Dass du diesen Wunsch ablegen konntest, finde ich bewundernswert.

      Antwort
  3. Hallo Pinchen,

    Ich habe auch lange überlegt, ob ich das offen schreiben soll – von meinem spätpubertären Abschiedsbrief habe ich noch nie jemandem erzählt… 🙂 ABER: ich lese ja Deinen Blog, weil mich das Thema interessiert und weil ich Deine Denkanstösse mag, also finde ich es nur selbstverständlich, dass ich – wenn ich denn mal meine Meinung äussere – dies auch so offen wie möglich mache und nichts beschönige oder weglasse. Und ja, die letzten Jahre haben mich sehr verändert – eine Freundin meinte gestern, ich sei immer schon eine gute Zuhörerin und tiefgründig gewesen (was immer das heissen mag), aber die letzten drei Jahre hätten mich verändert und ich wäre „abgeklärter“ (Ich habe mit ihr über diesen Artikel gesprochen).

    Ja, die letzten drei Jahre haben mir ziemlich deutlich gezeigt, was wichtig ist im Leben und was nicht. Ich habe einige Leute aus meinem Freundeskreis verbannt, weil ich erkennen musste, dass es keine richtigen Freunde sind und habe dafür neue Freunde gewonnen, die kurz nach der Diagnose meiner Schwester wie aus dem Nichts plötzlich auftauchten und mir beistanden. Ich habe gelernt, dass ich Dinge durchstehen kann, die mir anfangs unmöglich erscheinen, dass Abiprüfungen und Führerscheinprüfungen NICHTS sind im Vergleich zu einer Rede am Sarg des Patenonkels, dass man den Tod von vier Familienmitgliedern in drei Monaten überleben kann, auch wenn man meint, dass es nicht geht, weil es so unsagbar weh tut, dass man an manchen Tagen kaum atmen kann (und vorher konnte ich mir nicht vorstellen, dass einem das Atmen schwer fallen könnte, ausser vielleicht beim Sport….). Ich habe auf der Beerdigung meines Patenonkels gelernt, dass Erinnerungen etwas wunderschönes sind, auch wenn sie besonders anfangs sehr weh tun und ich habe gelernt, dass nicht jeder, der in meinen Augen nicht „richtig“ reagiert auf meine Situation es böse meint. Kurzum: ich glaube, ich habe gelernt, mich auf das wirklich Wichtige im Leben zu konzentrieren (das klappt mal besser und mal schlechter… 😉 )

    In der 12. Klasse hat ein sehr guter Freund mal zu mir gesagt: „konzentrier Dich nicht auf die, die Dich nicht mögen, sondern auf die, die Dich mögen. Das sind nämlich ganz schön viele“. Ich fand den Satz damals wunderbar, und vielleicht war es mir deshalb so verdammt wichtig, dass die, die mich mögen, mich nur positiv in Erinnerung behalten (deswegen wohl auch der besagte Brief), aber die letzten drei Jahre haben mir gezeigt, dass die Menschen mich mögen mit all meinen Ecken und Kanten, und so sollen sie mich dann auch in Erinnerung behalten. Niemand ist perfekt. Lebend nicht und Tot auch nicht und das ist ok so. Man soll sich auch nach meinem Tod an meine Macken erinnern dürfen und darüber stöhnen und lachen dürfen – nur so bin ich wirklich „lebendig“, alles andere wäre eine verzerrte Realität und das möchte ich nicht (mehr).

    Antwort
  4. DamenundHerrenschneiderin

    Beim Lesen deines Blogs und besonders dieses Eintrages kam mir der Gedanke, einen solchen Brief zu schreiben- an meinen ungeborenen Sohn. All dein feinfühliges Auseinandersetzen mit dem Sterben und dem Tod haben in mir den Wunsch geweckt, auch wenn momentan alles nach gesundem Kind und problemloser Geburt aussieht, doch vorbereitet zu sein auf das andere Extrem. Ich hätte mir von meiner bereits vor Jahren verstorbenen Mutter einen solchen Brief gewünscht – leider ist hier einiges unausgesprochen geblieben.
    Danke für deine Anregungen zum Nachdenken und deine wohltuende Art zu schreiben.

    Antwort
    • Erst einmal herzlichen Glückwunsch zur Schwangerschaft!
      Die Idee, deinem ungeborenen Sohn einen Brief zu schreiben, finde ich sehr schön.
      Hoffentlich überschattet aber das andere Extrem deine Vorfreude nicht und du kannst deinem Kind weitgehend entspannt entgegenfiebern, ohne dich zu sehr damit auseinanderzusetzen, was passieren könnte. Allerdings habe ich aus deinem anderen Kommentar rausgelesen, dass du Ärztin bist, vielleicht ist man in so einer Position sowieso sensibilisierter auf die Eventualitäten, die schiefgehen können.
      Ich wünsche dir jedenfalls, dass alles klappt und dein Sohn sehr lange auf seinen Brief warten muss.
      Wenn du ihn schreibst. Ich stelle es mir nicht einfach vor, an das eigene ungeborene Kind zu schreiben für den Fall, dass man es verlassen muss. Weil man sich noch nicht einmal kennengelernt hat und nicht weiß, wie man sein Kind später trösten muss, wie es tickt und wie es fühlt.
      Aber eine Momentaufnahme seines eigenen Lebens und der Freude, die man empfindet, weil das Kind bald kommt, sind schöne Dinge, die deinen Sohn mit Sicherheit berühren werden.
      Für deine Zeilen wünsche ich dir viel Kraft und Herz.

      Antwort

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