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Momentaufnahme Nr. 9 – Reden und reden lassen

Veröffentlicht am

Hallo, ihr Lieben!

Das nächste Interview habe ich noch nicht transkribiert, das bekommt ihr aber demnächst zu lesen. Ich habe mit einem Bestatter gesprochen, der meiner Meinung nach eine sehr abgeklärte und trotzdem romantische Einstellung zum Tod hat. Das Gespräch hat mir unheimlich viel Inspiration eingebracht und neue Gedankengänge angestoßen.

Ansonsten ist das letzte Bachelor-Semester angebrochen und ich habe begonnen, an meiner Abschlussarbeit zu schreiben. Deshalb habe ich meine Nase ständig in staubigen Büchern. In wenigen Monaten ist das Semester schon wieder vorbei, dann ziehe ich zurück nach Berlin, um dort mein Masterstudium aufzunehmen. Sofern ich einen Platz bekomme, versteht sich. Hoffentlich geht das alles gut!

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Heute möchte ich mich mit einer Frage beschäftigen, die durch eine Unterhaltung mit einer sehr erfahrenen Sterbebegleiterin aufgeworfen wurde: Darf man mit Sterbenden über den Tod sprechen?

Oftmals werden Sterbebegleiter eingesetzt, um die Menschen vor dem sozialen Tod zu bewahren, den ich schon einmal angesprochen habe. Liegen die Menschen im Sterben, bleiben häufig die Besuche aus. Dies kann mehrere, sehr individuelle Gründe haben. Manchmal ist es rein praktisch nicht möglich, einen sterbenden Angehörigen regelmäßig zu besuchen. Vielleicht wohnt man ein gutes Stück entfernt, arbeitet Vollzeit, ist im Uni- oder Schulstress. Der eigene kleine Kosmos dreht sich weiter und zieht unseren Blick vom Sterbenden und seinen Bedürfnissen ab. Das ist auch wichtig.

Die Sterbebegleiterin erzählte mir von einer Frau, die ein sehr enges Verhältnis zu ihrer Tante gepflegt hatte. Als diese nach einem langen Krebsleiden schließlich im Sterben lag, reichte sie einen Urlaubsantrag bei ihrem Arbeitsgeber ein und zog zu ihrer Verwandten, um sich um sie zu kümmern. Sie verbrachte jeden Tag und jede Nacht an der Seite der Sterbenden, weinte heimlich, wenn ihre Tante schlief und beklagte sich viel bei ihrem Mann über die anstrengende Situation, der in der gemeinsamen Wohnung auf sie wartete. Durch die Distanz und ihren Gemütszustand litt ihre Ehe, die Beziehung wurde zunehmend angespannt. Der Mann forderte von seiner Frau, dass sie zu ihm zurückkehren und einen Palliativpflegedienst einschalten solle, doch die Frau konnte ihre empfundene Pflicht nicht loslassen. Schließlich willigte sie ein, sich an einen ambulanten Hospizdienst zu wenden, worauf die Sterbebegleiterin nach einem Gespräch mit der Sozialarbeiterin in die kleine Wohnung geschickt wurde. Die Frau nutzte die Gelegenheit, um Einkäufe zu erledigen, wodurch die Sterbebegleiterin und die Tante sich in Ruhe kennenlernen konnten.

„Denken Sie nicht schlecht von mir“, sagte die Tante leise. „Aber diese Nähe ist mir zu viel. Ich möchte eigentlich meine Ruhe haben, aber ich denke nicht, dass meine Nichte mich schon gehen lassen kann.“

Die Sterbebegleiterin versprach, mit der Nichte zu sprechen und ihr mehr Distanz vorzuschlagen. Als sich die Gelegenheit bot, setzte sich die Begleiterin mit der Nichte an den Küchentisch und fragte sie, ob es nicht sehr anstrengend sei, die eigene Tante in diesem Rahmen zu pflegen.

„Ja“, gab die Nichte zu. Ihre Augen schwammen in Tränen. „Aber ich kann nicht zurück, ich war jetzt so lange für sie da. Ich muss.“

„Haben Sie mit ihr schon einmal offen darüber gesprochen, wie es Ihnen geht?“, fragte die Begleiterin nach. Als die Nichte verneinte, bot sie an, sich mit ihr an das Bett ihrer Tante zu setzen und ihr bei einem Gespräch zur Seite zu stehen. Nach kurzem Zögern willigte die Nichte schließlich ein.

„Du bist unglücklich hier“, flüsterte ihre Tante, noch bevor sie den Mund geöffnet hatte. „Ich spüre das. Und das macht mich traurig. Ich will dich in Sicherheit wissen, wenn ich gehe.“

Ein unkontrolliertes Schluchzen brach aus der Nichte heraus. Sie beteuerte, wie sehr sie ihre Tante liebte, doch dass die Pflege sie bis an ihre Grenzen brachte. Dass sie zu viel aufgegeben und das Gefühl hatte, nicht mehr in ihr altes Leben zurückkehren zu können. Lächelnd nahm die Tante ihre Nichte an der Hand.

„Dass du so viel für mich aufgegeben hast, berührt mich. Und ich freue mich darüber. Aber ich will, dass du glücklich weiterlebst. Geh zu deinem Mann zurück, er braucht dich mehr als ich. Ich werde bald sterben, aber du musst mit dem weiterleben, was hiernach von deinem Leben noch übrig ist.“

Bereits am nächsten Tag zog die Nichte wieder in ihre eigene Wohnung, wo sie von ihrem Mann bereits erwartet wurde. Die Begleiterin besuchte die Tante an jedem der darauffolgenden Tage, weil sich ihr Zustand drastisch verschlechterte. Drei Tage nach dem Auszug ihrer Nichte schlief sie endgültig ein.

Als die Begleiterin auf der Beerdigung erneut auf die Nichte traf, wirkte diese viel gelöster.

„Wissen Sie, ich habe mir gestern Gedanken darüber gemacht, ob ich die paar Tage nicht auch noch geschafft hätte. Aber ich hätte ihren Tod dann ganz anders empfunden, mehr wie eine Erlösung und das Ende einer Pflicht. Das hätte sie bestimmt gespürt. Es war besser so.“

Dies ist ein Beispiel für zu viel Nähe, die auf einem Pflichtgefühl basiert. Pflicht erdrückt jedoch den eigenen Freiraum, sodass die Nichte am Schluss das Gefühl hatte, für ihre Bedürfnisse wäre kein Platz im Sterbeprozess ihrer Tante. Erst das offene Gespräch über die Wünsche und den Tod der Tante machten es ihr möglich, ihrem Pflichtgefühl zu trotzen und rechtzeitig in ihr Leben zurückzukehren.

Aber ein solches Gespräch scheuen viele Menschen. Mit einem Sterbenden über seinen Tod sprechen? Oder sogar über die eigenen Wünsche und Vorstellungen? Das birgt doch viel zu viel Konfliktpotenzial?

Es scheint, als gäbe es zu diesem Punkt zwei extreme Meinungen. Entweder man spricht ausschließlich und wirklich nur über den nahenden Tod oder man vermeidet ihn krampfhaft. Beide Positionen kann ich zum Teil nachvollziehen. In meinem Hospizkurz ist ein Mann, der immer noch damit zu kämpfen hat, dass seine Mutter das Leben bis zu ihrem Tod nicht loslassen konnte. Er macht sich manchmal Vorwürfe, weil er glaubt, dass er ihr in ihrer Situation hätte helfen können, wenn sie nur offen über das Sterben gesprochen hätten. Wenn er ihr hätte versichern können, dass alles seinen Weg gehen muss und er trotzdem bis an sein eigenes Lebensende an sie denken wird. Dass sie nicht vergessen wird und alles gut ist.

Stattdessen starb seine Mutter mit den Worten: „Ich will nicht, ich kann nicht. Lass mich bitte nicht gehen.“

Ich kann mir nicht vorstellen, wie schrecklich es sein muss, einem nahen Angehörigen beim Sterben zuzusehen, wenn so viel Widerwille und Verzweiflung im Spiel sind. Allein der Verlust des Angehörigen trifft einen bereits tief, doch wie grausam muss es erst sein, Zeuge eines Kampfs gegen den Tod zu werden?

Mir stellt sich allerdings die Frage, ob es der Sterbenden wirklich geholfen hätte, über ihren Tod zu sprechen. Ein offenes Gespräch stellt meiner Meinung nach nämlich kein Allheilmittel für jede Situation dar. Jeder Mensch stirbt anders. Und deshalb hat jeder Mensch unterschiedliche Bedürfnisse im Sterbeprozess. Hat man sein ganzes Leben über tiefergehende Unterhaltungen gescheut, wird sich das nicht zwangsläufig ändern, nur weil man mit einem Mal in der Rolle des Sterbenden steckt. Wir bleiben, wer wir waren, nur dass es mit uns zu Ende geht. Unsere Interessen müssen nicht zwangsläufig an Bedeutung verlieren, nur weil wir sterben. Und wir werfen deshalb nicht unseren gesamten Erfahrungsschatz der Kommunikation über Bord.

Wie ist das eigentlich bei zwischenmenschlicher Kommunikation generell? Wozu treffen wir uns mit Freunden, gehen aus, besuchen Verwandte? Um schöne Erinnerungen zu sammeln, Erfahrungen zu machen, die uns positiv im Gedächtnis bleiben, um uns Bestätigung und Zuneigung zu holen und uns rückzuversichern, dass wir guten Anschluss haben? Egal, welches Motiv letztendlich darüber entscheidet, ob wir einen Telefonhörer in die Hand nehmen und uns verabreden oder durch die Sprechmuschel mit jemandem plaudern – in erster Linie wollen wir uns wahr- und angenommen fühlen. Themen, die den Verlauf eines Gesprächs und damit auch den Kommunikationserfolg gefährden können, werden lieber gemieden. Dazu gehört ganz klar das Reden über den nahenden Tod mit Sterbenden. Wer kann mit Sicherheit von sich sagen, dass er kurz vor seinem eigenen Tod über das Sterben sprechen möchte?

Und selbst wenn man den Wunsch verspürt, sich über seinen eigenen Tod auszutauschen, vielleicht verkraften das die Angehörigen nicht? Wie bei jedem sensiblen Thema kommt es auf eine Menge Einzelfaktoren an, die in ihrer Gesamtmenge eine individuelle Beziehungsstruktur entstehen lassen, die bei jeder Familie, bei jedem Freundeskreis anders aussieht. Familien, die normalerweise sehr offen über Probleme und Ängste sprechen, verstummen manchmal, wenn der Tod sich bemerkbar macht, während Familien, die einen eher oberflächlichen Kommunikationsstil pflegen, im Sterbeprozess plötzlich aufeinander eingehen können.

Der Sterbende führt nicht nur uns unsere eigene Endlichkeit vor Augen, wir führen ihm ebenfalls die Zeit vor Augen, die wir noch in dieser Welt verbringen können. Wir fühlen uns also unwohl, weil wir uns an unseren eigenen Tod erinnert sehen und haben gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, weil unsere Zeit noch nicht gekommen ist. Das Gespräch mit todkranken und sterbenden Menschen weist somit eine besondere Rollenverteilung auf.

Wir, die Gesunden, möchten den Kranken nicht verletzen, nicht aufregen, vor unnötigem Stress beschützen. Wir wollen nichts Falsches sagen, denn jeder Satz könnte der letzte sein, den der Sterbende mit ins Grab nimmt. Diese Sorge mündet in großer Verantwortung, die uns bei Begegnungen mit kranken Angehörigen auf die Schultern drückt und uns unflexibel macht. Oft hängen diese Ängste so dicht vor unserem Gesicht, dass wir ganz vergessen, uns mit unserem Gegenüber zu beschäftigen und darauf zu achten, welche Signale es uns sendet. Worüber auch immer man mit Sterbenden reden mag – sie wollen sich ebenso wahr- und angenommen fühlen wie wir selbst.

Wir sollten eines nicht vergessen: Nicht nur wir entscheiden über den Gesprächsverlauf, der Sterbende hat ebenso ein Interesse daran, in welche Richtung die Unterhaltung läuft. Wir müssen keinen schonenden Monolog einüben, weil wir mit dem Sterbenden in einen Dialog treten. Er wird uns signalisieren, ob er über den Tod sprechen möchte oder nicht. Es gibt viele Menschen, die kurz vor ihrem Tod nicht ein einziges Mal über das Sterben sprechen und sich damit wohlfühlen. Ebenso gibt es Menschen, die über kaum etwas Anderes sprechen können, bevor sie gehen.

Wir können als gesunde Menschen nicht nachvollziehen, was in einem sterbenden Menschen vorgeht. Weil wir selbst noch nicht sterben müssen und dadurch in einer ganz anderen Rolle leben. Deshalb müssen wir diesen Anspruch an uns selbst nicht haben. Wir können die Sterbenden bis zu ihrem Tod begleiten – bis an die Grenze des Lebens – aber nicht darüber hinaus.

Was ist es also, was uns zögern lässt, das Gespräch mit Sterbenden zu suchen? Die Angst vor dem eigenen Ende? Das schlechte Gewissen wegen der eigenen Lebenszeit? Der hohe Anspruch, unbedingt etwas Kluges sagen zu müssen? Die Sorge, nicht über den Tod sprechen zu können, sprachlos zu sein, zu verletzen?

Der pragmatische Ratschlag von der erfahrenen Sterbebegleiterin lautet folgendermaßen:

„Erzählen Sie doch einfach, wie Ihr Tag bisher war. Wenn Sie den ganzen Tag Krankenhauswände, das gleiche hässliche Bild oder dumme Fernsehsendungen anschauen müssten, würden Sie sich über Berichte aus der Welt der Gesunden und Sorgenfreien freuen. Und wenn der Sterbende von sich aus anfängt, über den Tod zu sprechen…hören Sie einfach zu. Sie können doch sowieso nicht wissen, worauf es beim Sterben ankommt. Das wissen nur die, die es schon mal gemacht haben. Und die verraten uns das nicht mehr.“

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

Eine Antwort »

  1. Wie du schon gesagt hast, ist die Frage nicht pauschal für jeden Menschen zu beantworten. Manche wollen eben über den Tod reden, und manche nicht. Wenn man dann merkt, dass jemand vom Thema ablenkt, kann man ja über etwas anderes weiterreden. Wichtig finde ich nur, dass man darauf achtet, ob der Gesprächspartner darüber reden möchte.
    Dabei muss ich an meine Oma denken, die nur noch vom Tod (und in ihrer aussichtslosen Situation auch vom Selbstmord) sprach. Mit meinen damals 13 Jahren drohte ich daran kaputt zu gehen, sie sterben zu sehen- und es machte mich fertig mit welcher Selbstverständlichkeit sie davon sprach, bald nicht mehr da zu sein. Dass sie bis heute lebt, grenzt in meinen Augen an ein Wunder. Wahrscheinlich war sie unter dem Medikamenteneinfluss auch gar nicht in der Lage, mitzubekommen, wie ich ihr Verhalten fand. Aber es hat mich wirklich verletzt. Ich denke auch, dass sterbende das Thema genau so schlimm finden könnten, wenn sie selbst noch nicht sterben wollen. Wenn alle sich schon quasi verabschieden (oder davon reden, was nach ihrem Tod ist), dann bekommt man doch irgendwie das Gefühl, keinen Platz mehr in der Welt zu haben. Auch wenn die Angehörigen das nicht wollen.

    Antwort

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