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Gedankenspiel – Ein Familienmärchen

Veröffentlicht am

Guten Morgen, ihr Lieben.

Ich habe mich in den letzten Tagen immer wieder mit den Themen Krebs und aktive Sterbehilfe auseinander gesetzt, da ich mich für meine Abschlussarbeit in die Materie einlesen muss. Dabei bin ich über eine Kurzgeschichte gestolpert, die ich vor einiger Zeit zu diesem Thema verfasst habe. Ich finde, dass sie sehr gut in diesen Blog passt und möchte sie deshalb mit euch teilen.

Diese Geschichte ist kein Abbild meiner Familie, sie ist fiktiv und frei erfunden. Die einzige Überschneidung ist, dass ich meiner Mutter tatsächlich die Haare schnitt, als sie an Krebs erkrankte.

Ich schreibe in meiner Freizeit gerne die eine oder andere Kurzgeschichte, traue mich aber selten, sie jemandem zu lesen zu geben. Heute bin ich mal überdurchschnittlich wagemutig und zeige euch eine.

Habt einen schönen Freitag, bald ist Wochenende!

—-

Meine Mutter ist ganz aufgeregt. Heute werde ich ihr dabei helfen, ihre Haare zu schneiden. Sie trägt ihr dichtes Haar bis zur Taille, seit ich denken kann, mal geflochten, mal offen. Als Kind habe ich ihr kleine Zöpfchen ins Haar gedreht, die sie auch den ganzen Tag über tragen musste, denn sonst war das Geschrei groß. Auch ich bin ein wenig nervös. Die Schere in meiner Hand zittert ein wenig, als ich sie ansetze. Federnd gleitet sie durch das Haar meiner Mutter.

Sie lächelt. „Ich wollte schon länger mal die Haare kurz tragen.“

Ich nicke. „Ja, das steht dir sicher gut.“

Es ist mal etwas Anderes.“

Ich nicke wieder. „Es lässt dich vielleicht jünger aussehen.“

Wir kichern beide wie junge Mädchen. Die abgeschnittenen Locken fächern sich auf den hellen Bodenfliesen auf und zittern im leichten Luftzug, als mein Vater seinen Kopf durch die Tür steckt. Liebevoll schaut er meine Mutter an.

Du bist und bleibst die Schönste“, sagt er leise.

Meine Mutter errötet ein wenig und grinst verlegen. „Ich liebe dich.“

In meinem Inneren schwillt ein großer Luftballon an, ich fühle mich ganz leicht vor lauter Glück.

Ich trete zurück, damit mein Vater meiner Mutter einen Kuss auf die Stirn geben kann. Er tätschelt mir die Wange und verlässt das Badezimmer.

Er ist immer für mich da“, seufzt meine Mutter zufrieden. Zärtlich greift sie nach meiner Hand und drückt sie. „So wie ich auch immer für dich da sein werde, meine Süße.“

Ich bin froh darüber. Allein wäre ich verloren“, sage ich.

Du bist niemals allein. Ich werde immer bei dir sein und auf dich aufpassen.“ Ihre Stimme ist fest und warm.

Nachdem die letzten Strähnen wie dunkelblonder Schnee zu Boden gerieselt sind, nehmen wir uns in die Arme. Ich fühle mich geborgen und sicher, meine Mutter duftet nach Alpenveilchen.

Tage später steht sie noch vor dem Spiegel und dreht sich vergnügt hin und her. Ihr neuer Haarschnitt wird von einem modischen Schal umschlungen, der ihre blaugrauen Augen zur Geltung bringt. Insgesamt sieht sie viel jünger und frischer aus.

Jedenfalls erzähle ich das meiner kleinen Schwester. Mit ihren fünf Jahren ist sie noch zu klein, um das alles wirklich zu begreifen. Ich lächle und erzähle ihr schöne Märchen von einer Familie, die es niemals gegeben hat. Nacht für Nacht schneide ich meiner Mutter in meinen Träumen die Haare, immer wieder aufs Neue. Jedes Mal durchlebe ich diese zähen Minuten, als wäre es erst gestern gewesen. Dabei ist es schon so lange her. Anna erinnert sich kaum an ihre Mutter. Wenn ich sie abends ins Bett bringe, halten wir uns an die Rituale, die besonders mir in den letzten Jahren ein stabiler Anker waren. Das Märchen ist das grundlegendste Ritual.

Wie war Mama so?“, fragt Anna und zieht ihre Bettdecke an ihr Kinn. Neben ihr liegen der Stoffhase und der selbstgenähte Bär unserer Tante. Alle drei sehen mich mit großen Augen an.

Sie war sehr glücklich“, sage ich mit meiner Märchenstimme. „Sie lebte mit uns allen in dem schönen großen Haus am Stadtrand. Es war ganz grün gestrichen, wie ein großer Holz-Grashüpfer.“

Das zeigst du mir manchmal, wenn du mich von Ole abholst“, ruft Anna aufgeregt und freut sich, dass sie meine Geschichte ergänzen kann.

Genau. Dort lebte sie mit uns allen. Wir führten ein lustiges Leben voller Zoo- und Kinobesuche, voller Süßigkeiten und Gekicher. Eines Tages kam sie zu mir und sagte, dass sie für eine Weile in den Himmel verreisen will. Sie hatte gehört, dass es dort einen Jahrmarkt gibt, der niemals geschlossen hat und mit Zuckerwatte, so viel man nur essen kann.“

Die Worte verhallen in meinem schweren Kopf. Ziehen sich wie Sirup auseinander und verkleben meine Augenwinkel. Es ist nicht alles gelogen. Eines Tages beschloss meine Mutter tatsächlich, uns zu verlassen. Klein und verloren stand sie vor mir. Ihr Flüstern waberte mir auf dem Flur entgegen.

Ich habe Krebs. Und ich werde bald sterben.

Die Augen meiner Mutter sind starr auf unser Spiegelbild gerichtet, niemand von uns spricht. Ich stehe hinter ihr, eine Hand an ihrem Nacken, die andere am kalten Metall. Die Stille hängt über uns wie eine Saugglocke. Der Nagellack an meinen Fingerspitzen ist längst brüchig und abgeplatzt. Ein schillerndes Stück Pink verfängt sich in ihren dichten Haaren. Sie schließt die Augen. Ich löse meinen Blick vom Spiegel und konzentriere mich auf die Schere. Langsam umgreifen die Schneiden der Schere die erste Locke und ersticken sie in Stahl und Schärfe. Sie sinkt zu Boden. Die Augen meiner Mutter sind jetzt fest zusammengepresst, wie zwei faltige Schlitze zerfurchen sie ihr Gesicht. Ich betrachte die abgetrennte Strähne, die sich auf den hellen Fliesen unseres Badezimmers windet.

Ich wollte schon länger mal die Haare kurz tragen“, sagt meine Mutter. Ich weiß, dass sie lügt.

Ja, das steht dir sicher gut.“ Ich nicke. Sie weiß, dass ich lüge.

Es ist mal etwas Anderes.“ Sie zuckt die Achseln. Es ist ein halbes Achselzucken. Ihre Schultern ziehen sich nach oben, finden den Weg nach unten jedoch nicht zurück.

Ich nicke wieder. „Es lässt dich vielleicht jünger aussehen.“

Mein Kichern klingt hässlich. Die Wände werfen es zurück, als wollten sie mich ohrfeigen. Ihr Glucksen krabbelt in meine Ohren. Es erstirbt, als ich die nächste Strähne abschneide. Ich erzähle von meinem Tag in der Schule. Ich stehe kurz vor dem Abitur und habe eine schlechte Mathearbeit geschrieben. Wie immer. Es ist alles wie immer. Fast. Das Fast nagt an meinen Haarwurzeln, lässt das Mittagessen wie einen kantigen Stein in meine Magenwand drücken. Mir ist schwindelig und heiß. Das gleichmäßige Ratschen der Schere wird durch das hohe Quietschen der Badezimmertür unterbrochen. Mein Vater schaut herein. Hinter seinen Augen ist nichts.

Ich trete zurück, damit er meiner Mutter einen Kuss auf die Stirn geben kann. Nichts dergleichen geschieht. Mein Vater zieht seinen Kopf zurück und die Tür zu. Der Luftzug bringt die Haare auf dem Boden zum Schwanken.

In meinem Inneren schwillt ein großer Luftballon an. Ich fühle mich entrückt und leicht, als hätte ich keinen Boden unter den Füßen. Und ich habe Angst, vor lauter ohnmächtiger Wut zu platzen. Mein Vater hat sich bereits ein anderes Zuhause ausgesucht. Ein jüngeres, gesundes und unkompliziertes Zuhause.

Meine Mutter greift zärtlich nach meiner Hand und drückt sie. „Es ist auch für ihn schwer, meine Süße.“

Dass sie Entschuldigungen für ihn findet und das Unverzeihliche verzeiht, ist zu viel für mich. „Er lässt dich sterben.“

Ein Schlag ins Gesicht hätte für sie vermutlich nicht schmerzhafter sein können. Sie lässt meine Hand los, um sich eine Träne von der bleichen Wange zu wischen. Wortlos nehme ich erneut die Schere zur Hand und schneide weiter. Bis die wunderschönen Haare meiner Mutter wie anklagende Knäuel zu meinen Füßen liegen. Die Worte kommen tief aus meinem Bauch. Ich zische: „Ich kann nicht ohne dich bleiben. Ich brauche dich.“

Nachdem die letzten Strähnen wie dunkelblonder Schnee zu Boden gerieselt sind, nehmen wir uns in die Arme. Ich fühle mich geborgen und sicher, meine Mutter duftet nach Alpenveilchen. „Ich werde immer bei dir sein.“

Ich sinke zusammen, meine Schultern beben unter den verbotenen Schluchzern, die an meinen Rippen rütteln. Anna liegt nebenan und schläft, ich darf sie nicht aufwecken. Es gibt so viele Dinge, die ich meiner Mutter noch anvertrauen möchte, so viele Fragen, die ich in weiter Zukunft an sie haben werde. So viele unausgesprochene Forderungen, so viele Träume, Wünsche und Schimpftiraden.

Meine Kleine“, flüstert meine Mutter, ihre Augen sind groß und weit. „Du weißt, was du für mich tun musst, wenn ich nicht mehr aufwache?“

Tiefes Grauen füllt meine Brust aus, wirbelt unter meinen Schlüsselbeinen hindurch. Ich kann nichts sagen, ich kann nur nicken. Meine Bewegungen sind mechanisch und abgehackt, als ich über ihre misshandelten Haare streiche. Auch, als ich sechs Monate später ein Kissen auf ihr eingefallenes Gesicht presse. Sie hatte mit ihrer Befürchtung richtig gelegen, nach der Operation nicht mehr aufzuwachen.

Mein Vater verschwand, sobald die Ärzte ihm mitteilten, dass seine Frau die Augen nicht mehr aufschlagen würde. Dass man sie mit der modernen Medizin jedoch am Leben erhalten könne, bis sich die Situation änderte. Ich rang lange mit mir, bis ich mein Versprechen einlösen konnte. Bis ich meiner Mutter die Freiheit schenkte, die sie sich von mir einforderte. Mit Anna auf dem Arm besuchte ich sie ein letztes Mal, ließ Anna ihren Kopf streicheln und über die pieksenden Stoppeln kichern. Ließ Anna für eine Weile in ihrer Armbeuge liegen und prägte mir den Anblick ein. Brannte die feinen Linien ihres gütigen Gesichts in meine Netzhaut, bis sie mich jede Nacht wie ein stummes Mantra vor den Augen in den Schlaf wiegten. Fuhr mit der Fingerkuppe über die steile Falte zwischen ihren nackten Augenbrauen und versuchte sie zu glätten. Weinte auf ihren Handrücken, der sich anfühlte wie kaltes Papier. Verabschiedete mich. Entschuldigte mich. Hasste mich. Quälte mich. Griff nach dem Kopfkissen.

Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende, oder?“, kräht Anna.

Ich schrecke auf und kämpfe den Schrei nieder, der in meiner Kehle sitzt. Ist es ein Schrei oder ist es ein Lachen? Das Lachen ist eine merkwürdige Geschichte. Manchmal steckt es so fest in der Kehle, dass man kaum noch Luft bekommt und die Augen zu glasigen Murmeln werden. Anna sieht mich an, ihre Augen sind groß und weit. Schon jetzt sieht sie ihrer Mutter ähnlich. Unserer Mutter. Meiner Mutter. Vielleicht riecht sie eines Tages nach Alpenveilchen.

Mit zitternden Fingern streiche ich durch ihr langes blondes Haar. Es fühlt sich seidig und pudrig an, wie der Flügel eines Schmetterlings.

Genau“, sage ich. Meine Stimme ist fest und warm. „Sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende. Und nun isst Mama Zuckerwatte und fährt Riesenrad und geht jeden Tag ins Kino.“

Schön“, sagt Anna. Sie verschwindet beinahe zwischen den aufgebauschten Kissen. Das Eine schiebt sich kaum merklich über ihr Gesicht. Sie zuckt zusammen, als ich es mit einer hektischen Bewegung von ihrer Nase schiebe.

Entschuldigend kraule ich ihren Kopf und drücke ihr einen Kuss auf die Stirn. Meine Lippen sind trocken und spröde.

Schlaf jetzt“, flüstere ich. „Und träume was Schönes.“
„Du auch!“ Anna rollt sich zu einer Kugel zusammen und zieht die Bettdecke über sich. Ich lächle und stehe auf. Meine Arbeit ist für heute getan. Auf leisen Sohlen schleiche ich aus Annas Zimmer und krieche in mein eigenes Bett zu meinem Freund. Er legt beide Arme fest um meine Taille, ich fühle mich geborgen und sicher.

Die Züge meiner Mutter malen sich auf meine schwarzen Augenlider. Ich weiß, was ich heute Nacht träumen werde.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

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  1. Schön geschrieben, Tolle Bilder.

    Antwort
  2. Du kannst so gut schreiben 🙂 Ich würde soooo unendlich gern viel mehr von deinen Kurzgeschichten lesen, da ich selbst auch schreibe und naja, da interessiere ich mich schon für die Geschichten anderer. Ich hoffe, dass du ein wunderschönes Wochenende hast 😀

    Liebe Grüße,
    Sarah

    Antwort
    • Hallöchen Sarah!
      Vielen Dank, ich würd auch gern mal was von dir lesen. 😉
      Worüber schreibst du so?

      Antwort
      • Über das Leben; über Dinge, die mich beschäftigen und mit denen ich mich in solchen Texten austoben kann. Bei mir ist das ja alles eher ein innerer Monolog, deswegen denke ich auch immer, dass meine Texte nicht so gut sind.

        Liebe Grüße,
        Sarah

  3. Hallo Pinchen! Ich finde es gut, dass Du das Thema Krebs aufgreifst. Vor über einer Dekade war ich selbst betroffen – noch ziemlich jung und… ich lebe noch. Dennoch war es freilich eine harte Zeit und gerade Haare waren einst ein großes Thema – eben alles andere als nebensächlich, erkennt man sich doch selbst im Spiegel kaum wieder. Die eigene Identität steht plötzlich in Frage – in jeder Hinsicht. Doch ich muss zugeben, ich konnte Deinen Beitrag nicht weiterlesen, so wie ich trotz all der vergangenen Zeit nichts darüber lesen konnte, geschweige denn selbst zu schreiben. Manche Kapitel des Lebens bleiben eben ungeschrieben… Liebe Grüße

    Antwort
    • Toll, dass du mir so ehrlich geschrieben hast.
      Ich kann es gut verstehen, wenn du den Artikel nicht komplett liest. Manche Sachen sind nach über einem Jahrzehnt immer noch sehr frisch und präsent.
      Meine Mutter konnte sich die Geschichte auch nicht durchlesen.
      Und man glaubt nicht, zu welch einem Symbol Haare mit einem Mal werden, wenn man sie nicht freiwillig hergibt.
      Ich wünsche dir einen schönen Start in die Woche!

      Antwort

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