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Erzähl mir deine Geschichte – Robert

Veröffentlicht am

Ich traf Robert an seinem Arbeitsplatz, einem kleinen und alteingesessenen Bestattungsinstitut im Westen Deutschlands. Er übernahm den Betrieb seines Vaters, nachdem er seine Lehre als Tischler abgeschlossen hatte. Inzwischen ist Robert Ende Vierzig, hat zwei Kinder und führt eine glückliche Ehe. Er blickt auf über zwei Jahrzehnte Bestattererfahrung zurück.

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Ich bin ein wenig unsicher, was ich sagen soll. Bisher hat mich noch nie jemand um ein Interview gebeten. Also ich heiße Robert, bin 48 Jahre alt und habe mit meiner Frau zwei Kinder. Wir leben hier gut, es ist eine schöne Gegend, um Kinder aufzuziehen. Wir sind unglaublich schnell  im Grünen und haben trotzdem eine gute Anbindung an das Stadtzentrum. Meine Kunden schätzen die Ruhe, die von diesem Viertel ausgeht. Das ist auch sehr wichtig für die Gespräche, die ich mit ihnen führe, da wäre eine Lärmfassade wie in der Großstadt oder an der Hauptverkehrsstraße eher hinderlich.

Nun ja, ich wurde Bestatter, weil mein Vater vor mir bereits Bestatter war. In meinem Kollegenkreis ist es oftmals so, dass man in den Beruf sozusagen hineingeboren wird. Es ist ja kaum so, dass man eine konkrete Ausbildung in dieser Richtung absolvieren kann. Zu meiner Zeit gab es das jedenfalls noch nicht. Deswegen bin ich Tischler geworden, da ich alle unsere Särge selbst herstelle, sofern es keine extremen Sonderwünsche sind, die mich überfordern. Ja, so etwas gibt es. Manche Menschen wünschen sich einen Sarg, der ihre Leidenschaften oder Hobbies widerspiegelt, mit entsprechender Bemalung, Lackierung, Form und Farbe. Das muss ich manchmal an externe Dienstleister abgeben, weil mein handwerkliches Geschick oder die Materialien, die mir zur Verfügung stehen, nicht ausreichen. Das ist aber sehr selten. Meistens kann ich mit den Kunden gemeinsam eine Lösung finden, die alle zufriedenstellt.

Meistens sind es die Angehörigen, die zu mir kommen. Sterbende kommen sehr selten hierher, weil sie meist nicht mehr in der Verfassung sind, sich um solche Angelegenheiten zu kümmern. Das ist aber nicht weiter schlimm, weil ich immer den Eindruck hatte, dass es für die Angehörigen sehr wichtig ist, dem Verstorbenen mit ihren Entscheidungen das letzte Geleit zu geben. Oft höre ich viel über den verstorbenen Menschen, weil sich rege ausgetauscht wird. Erst neulich hat mir ein Witwer eine rührende Geschichte rund um die Lieblingsblumen seiner verschiedenen Frau erzählt, die die Mutter der Verstorbenen zum Weinen und Lachen gebracht hat. Solche Momente finde ich sehr schön.

Natürlich gibt es auch weniger schöne Momente. Am schlimmsten finde ich es, wenn ich während des Gesprächs das Gefühl habe, dass zwischen den Verwandten überhaupt keine Verbindung mehr besteht, sondern irgendwelche Streitereien um Erbanteile oder Kleinigkeiten die Beziehung überschatten. Oder wenn ich feststelle, dass die Ehefrau überhaupt nicht weiß, was ihr Mann gewollt hätte, weil sie mehr um sich kreist als um seinen Tod. Da ist es immer schwer, den Mund zu halten und sich selbst zurückzunehmen. Aber das habe ich in den letzten Jahrzehnten ganz gut gelernt. Ach, was mir noch einfällt, zum Schlagwort Sozialbestattung: Es macht mich manchmal sehr betroffen, wenn ich sehe, wie sehr bei der Beerdigung eines Menschen gespart wird. Es ist schließlich der letzte Dienst, den wir einem Verwandten erweisen können. Oje, das klingt jetzt ein wenig so, als würde ich die Menschen ermutigen, viel Geld auszugeben, um mehr daran zu verdienen. So meine ich das aber nicht. Ich habe schon Feiern gesehen, die sehr klein und trotzdem sehr persönlich und rührend waren. Um das Geld geht es an sich nicht. Es geht nur um das schale Gefühl, das einen beschleicht, wenn die Menschen nur das Nötigste und auch nur das Billigste nehmen, weil ihnen der Abschied nichts wert ist. Obwohl es auch schwierig ist, sich darüber ein Urteil zu erlauben. Wechseln wir lieber das Thema.

Ob ich mir über meine eigene Beerdigung Gedanken gemacht habe? Na ja, da komme ich ja schlecht drum herum. (lacht)

Ich habe mit meiner Frau jedenfalls die wichtigsten Punkte besprochen, lasse ihr aber auch viele Freiräume, weil ich immer wieder sehe, wie wichtig es für die Angehörigen ist, eine eigene Note mit in die Sache zu bringen. Das ist wie ein letzter Brief oder die letzten Worte, die man einem geliebten Menschen mit auf den Weg geben kann. Die will man sich ja auch nicht komplett vorschreiben oder diktieren lassen. Groß wird meine Feier nicht. Ich möchte, dass nur Menschen bei meinem Abschied dabei sind, die sich mir aufrichtig verbunden fühlen.

Wie mein Umfeld auf meinen Beruf reagiert…ja, das ist so eine Sache. Sagen wir mal so: Ich bin froh, dass ich schon verheiratet bin. Frauen schlägt man mit dieser Beschäftigung vermutlich schnell in die Flucht. (lacht)

Nein, im Ernst. Ich bin ja kein typischer Friedhofsgräber und trete auch nicht schwermütig auf. Insofern spielt mein Beruf bei Gesprächen in meiner Freizeit keine so tragende Rolle. Aber es gibt natürlich Menschen, die damit gar nicht zurecht kommen. Ich nehme mal an, dass sie sich einfach vor dem Thema Tod fürchten und deshalb den Kontakt zu allem, was damit in Verbindung steht, eher meiden. Inzwischen weiß ich, dass ich das nicht persönlich nehmen muss, aber früher war es schwer für mich, das Ganze nicht persönlich zu nehmen. Ich freue mich auch sehr darüber, dass mal ein junger Mensch kommt und von sich aus darüber spricht. Also stell ruhig deine Fragen.

Ob mein Beruf meine Art zu leben verändert hat, hm. Das ist eine schwierige Frage, weil ich ja nicht weiß, wie ich heute leben würde, wenn ich einen anderen Beruf gewählt hätte. Schwierig, schwierig. Ich würde aber nicht sagen, dass ich grundsätzlich anders lebe als Andere. Nein, das würde ich wirklich nicht sagen. Ich bin vielleicht etwas abgeklärter und auf mich trifft das moderne Phänomen der Unsterblichkeit nicht zu. Ich meine damit, dass viele Menschen heutzutage irgendwie davon ausgehen, dass der Tod etwas ist, das anderen Menschen passiert. So nach dem Motto: Jeder stirbt irgendwann, nur ich nicht, also mache ich mir darüber keine Gedanken. Die Werbung suggeriert uns doch auch, dass wir alle ewig jung, schön und gesund bleiben können. Ich finde, dass es eine sehr oberflächliche Welt ist, die uns da verkauft wird. Es ist wichtig, dass wir uns darüber im Klaren sind, dass wir eben nicht bis in alle Ewigkeit jung und schön und vor allem gesund bleiben. Jeder von uns wird mal sterben, aber das wird viel verdrängt. Ja, ich denke, das ist der entscheidende Unterschied in meinem Leben. Ich verdränge den Tod nicht und bin mir jeden Tag bewusst, dass ich meine Zeit nicht verschwenden mag. Meine kleine Tochter fährt total auf diesen Vampirfilm ab, der mit mehreren Teilen im Kino war. Genau, Twilight! Das drückt doch eigentlich schon die Sehnsucht der Menschen nach Ewigkeit und Unsterblichkeit aus. Ich denke nicht, dass Vampire so viel Faszination ausüben würden, wenn sich jeder mit seinem Tod ehrlich auseinandersetzen würde. Dann wären solche Fantasiewesen, die genau das verkörpern, was wir uns insgeheim wünschen, weniger erfolgreich.

Oh, nein! Auf so etwas würde ich meine Tochter niemals ansprechen. Ich gönne ihr diese Unbeschwertheit von Herzen und würde ihr meine Sicht der Dinge niemals aufzwingen. Obwohl ich zugeben muss, dass ich sie an unsere Sterblichkeit erinnert habe, als sie uns beim Abendbrot von diesem Vampirfilm vorgeschwärmt hat. Sie hat nur die Augen verdreht. Vielleicht bin ich ja auch ein bisschen spießig. (lacht)

Trends, klar, die gibt es auch bei uns in der Branche. Abgesehen von den Sozialbestattungen, die immer weiter zunehmen, nutzen viele Menschen ihre neu entdeckten Freiheiten, was die Gestaltung von Beerdigungen angeht. Es gibt mehr extravagante Beerdigungen, aber eben auch mehr spärliche und kostengünstige Feiern. Die Schere klafft weiter auseinander. Wenn man das einen Trend nennen kann, ist das auf jeden Fall einer.

Natürlich ist es erlaubt, dass man seinen Angehörigen etwas mit in den Sarg legt. Das kann alles mögliche sein, ich habe so gut wie alles schon einmal in einem Sarg liegen sehen. Bücher, CDs, selbst gestrickte Schals, Fotos, Briefe, Blumen, Zigaretten, Alkohol… Offiziell muss es vergänglich sein, muss sich unter der Erde also irgendwann zersetzen. Aber eigentlich nehmen wir das nicht so genau. Ganz offiziell hab ich das aber gar nicht gesagt. (lacht)

Ja, stimmt, ich sage oft „mit auf den Weg geben“. Ich weiß gar nicht so genau, ob das wirklich damit zusammenhängt, dass ich an ein Leben nach dem Tod glaube. Also als Bestatter sehe ich mir oft die Gesichter von den Verstorbenen an und denke darüber nach, was mit diesen Menschen wohl auf einer anderen Ebene passiert. Durch die Muskelbewegungen, also dadurch, dass sich der Muskel einige Stunden nach dem Tod noch einmal entspannt, verändern sich die Gesichtsausdrücke manchmal. Je nach Laune und Tagesform interpretiere ich unterschiedlich viel in diese Mimik hinein. Aber mir gefällt der Gedanke, dass es danach irgendwie weiter geht, eigentlich ganz gut. Besonders gern würde ich meine Familie nach meinem Tod wiedersehen können. Das ist auch das, was die meisten meiner Kunden sich wünschen. Ein Wiedersehen. Und das finde ich schön.

Religiös bin ich nicht. Zwar hat mein Vater mich christlich erzogen und ich bin regelmäßig mit in die Kirche gegangen, um mein Taschengeld zu bekommen, (lacht) aber wirklich religiös sind meine Überzeugungen nicht. Nein, dafür bin ich doch zu unromantisch. Meine Frau glaubt an Gott, aber das ist zum Glück kein Streitthema zwischen uns. Wir lassen uns beide das glauben und tun, was wir möchten. Das ist auch mit das Wichtigste in einer funktionierenden Beziehung. Meine Frau ist ebenfalls in meinem Betrieb tätig. Sie kümmert sich um die Buchführung und um den Papierkram, dafür habe ich kein Händchen. Ich bin wirklich froh, dass sie mich so unterstützt.

Was ich den Menschen gern sagen würde? Lass mich kurz überlegen.

Genau, dass sie sich mehr mit ihrem Tod auseinandersetzen sollten. Denkt nicht, dass der an euch vorübergeht und dass ihr ihn mit Anti-Aging-Produkten austricksen könnt. Lasst euch von ihm nicht überraschen, sondern gewöhnt euch an ihn, Schritt für Schritt. Man lebt sein Leben wirklich friedlicher und bewusster, wenn man nicht auf der Flucht vor der Endlichkeit ist. Alles ist erst dann kostbar, wenn es begrenzt ist. Macht euch klar, dass euer Leben begrenzt ist und ihr werdet merken, wie kostbar es ist. Und wie verschwindend klein die Sorgen sind, die euer Herz belasten. Ja, das möchte ich den Menschen sagen. Seid nicht blind, sondern macht die Augen auf. Dazu gehört Mut, dazu gehört Trauer, ja. Denn es ist traurig, dass wir gehen müssen. Aber es ist wichtig, dass wir die Jahre, die uns gegeben wurden, nutzen und etwas Schönes daraus machen. Wenn ich einmal sterbe, möchte ich auf mein Leben zurückblicken und sagen können: „Das habe ich gut gemacht. Ich war gut zu mir und meinen Mitmenschen. Ich habe meine Schwächen genauso ausgelebt wie meine Stärken und war einfach ich selbst und habe genossen.“

Das möchte ich sagen können. Und ich arbeite jeden Tag daran, dass ich später auch allen Grund dazu habe.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

Eine Antwort »

  1. Ein schönes Interview, der Mann kommt so bescheiden und unspektakulär daher, sehr sympathisch.

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