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Momentaufnahme Nr. 10 – Mann hinter Glas

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Gibt es in eurem Leben Menschen, die euch immer wieder über den Weg laufen? Über deren Gesichter ihr in der Masse stolpert, obwohl ihr nicht einmal ihre Namen wisst? Diese kleinen Inseln in der Anonymität des Alltags finde ich besonders wichtig.

Nicht weit von unserer Wohnung entfernt und in einer ruhigen Seitenstraße gelegen, befindet sich ein Pflegeheim mit großen Glasfenstern. Die spiegelnde Oberfläche zieht sich bis direkt auf den Boden, wodurch vorbeigehende Passanten hinein- und die Bewohner hinaussehen können. Das Heim liegt direkt auf dem Weg zur Universität, daher lief ich dort das erste Mal im Oktober 2010 zum Studienbeginn vorbei.

Es war kalt, nass und dunkel und ich war noch sehr unglücklich mit unserer Wohnsituation. Wir zogen von unserer schönen und gemütlichen Wohnung in Berlin in den tiefsten Westen Deutschlands, geradewegs in eine Baustelle. Gut, rückblickend muss ich sagen, dass ich unsere alte Wohnung vermutlich schöner und gemütlicher in Erinnerung habe, als sie eigentlich war. Schließlich lebten wir in einem Plattenbau und hatten eher angsteinflößende als freundliche Nachbarn, aber die erste Wohnung mit dem Freund ist dennoch etwas Besonderes und wird es in meiner Erinnerung immer bleiben. Unsere neue Wohnung im Westen war jedoch nicht renoviert und in einem schrecklichen Zustand. Dazu kamen Kartons, halb aufgebaute Regale, Haufen von abgefetzter Tapete und Bauschutt. Zu Beginn stand noch nicht einmal die Küche, weshalb wir auf dem Boden aßen und auf einem Herd kochten, der einsam und verloren mitten in dem gähnend leeren Raum stand und das einzige Mobiliar darstellte.

„Konzentriert euch erst einmal auf die Küche“, riet meine Mutter. „Wenn ihr einen Raum fertig habt, habt ihr einen kleinen Zufluchtsort. Dann sitzt du mit einem Tee gemütlich am Tisch, schaust aus dem Fenster und wunderst dich, wie wohl du dich mit einem Mal fühlst.“

Mir fehlte meine Familie und ich fühlte mich nicht gut bei dem Gedanken, sie in dieser schwierigen Situation verlassen zu haben. Meine Mutter kämpfte gegen den Krebs und ich ging ans andere Ende von Deutschland, um ein Fach zu studieren, das einen so langen Namen hatte, dass man sich unwillkürlich fragte, was man eigentlich damit anfangen sollte. War es eine dumme Idee gewesen, fort zu gehen? Hätte ich lieber bleiben und abwarten sollen?

Die Entscheidung, Berlin hinter mich zu bringen, war spontan gefallen. Mein Freund hatte nach einem Tag Bedenkzeit zugestimmt. Im Nachhinein denke ich, dass ich mich ohne ihn nicht getraut hätte, diesen Schritt zu tun und dass es gut für uns war, für ein paar Jahre in einer anderen Stadt zu leben. Doch im Oktober 2010 war ich noch voller Zweifel.

Die große Fensterfront des Pflegeheims zog meinen Blick automatisch an. Regen schlängelte sich in langen Perlenschnüren über die Scheibe und tropfte auf den Asphalt. Mein pinker Regenschirm spiegelte sich auf der glatten Oberfläche und unterbrach als Farbtupfer das trübe Grau der Stadt. Ich verlangsamte meinen Schritt, als ich eine Bewegung hinter der Scheibe wahrnahm. Eine winkende Hand. Mein Fuß verharrte auf dem nassen Stein und ich drehte mich zum Fenster. Brauchte jemand Hilfe? Oder kannte mich dieser Jemand? Ich war doch erst vor einigen Tagen hierher gezogen?

Die Hand gehörte einem älteren, beleibten Mann, der im Rollstuhl saß und direkt hinter der Scheibe saß, um die Straße beobachten zu können. Ich hob die Hand und winkte zurück. Er strahlte, seine Hand sackte kraftlos auf die Lehne des Rollstuhls. Seine Augen waren geschwollen, seine Gliedmaßen aufgedunsen. Ich lächelte zurück, winkte noch einmal und setzte meinen Weg fort. Die kleine Begegnung hatte mich erstaunt und gefreut, der Kloß in meinem Hals wurde kleiner. Als ich sechs Stunden später auf dem Rückweg war, saß er noch immer an der gleichen Stelle. Wir grüßten uns erneut, dieses Mal war sein Grinsen noch breiter und ich musste lachen. Ich fragte mich, ob er jeden Tag an der Scheibe saß und was er wohl über die Menschen dachte, die schnell, gebückt und hastig an ihm vorüber huschten. Ich hätte ihn beinahe übersehen, weil ich so in Gedanken versunken die Regentropfen angestarrt hatte. Ob ihn viele Menschen grüßten?

Zu Hause kratzte mein Freund mit einem scharfen Spatel die kaputte Tapete von den Wänden des Schlafzimmers. Sein Gesicht war angespannt und er sah müde aus. Wir waren beide unzufrieden mit der Situation. Ich schlang meine Arme um seinen Bauch und drückte mein Gesicht in sein Kreuz. Seine Finger legten sich auf meine, das Kratzen an der Wand verstummte.

„Danke, dass du mitgekommen bist“, sagte ich leise. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass es das erste Mal war, dass ich mich bei ihm dafür bedankte, dass er sein Leben in Berlin für mich aufgegeben hatte. War ich so egoistisch gewesen und war so sehr um mich selbst gekreist, dass ich ihm keinen Platz in meinem Kopf zugestanden hatte?

Der Druck seiner Finger verstärkte sich, er strich mit dem Daumen über meinen Handrücken, dann löste er meine Hände, um mich zu umarmen. Wir standen lange zwischen der zerfetzten Tapete und fanden uns wieder. Ich musste mich nicht allein fühlen, denn ich war es nicht. Das Heimweh und der Kummer hatten mich einfach blind gemacht und mir den Blick auf die schönen Dinge versperrt. Was immer diese kleine Begegnung mit dem Mann hinter Glas in mir ausgelöst hatte, mir fiel eine große Last von den Schultern. In den nächsten Tagen arbeiteten wir schneller an der Wohnung und lachten viel dabei. Weil wir nicht mehr sahen, wie trostlos sich der Schutt aufeinandertürmte, sondern wie unser Zuhause nach und nach Gestalt annahm. Wir kauften Teppiche, neue Tapeten, Bilder und Tischdecken, Laminat und einen Kalender. Wir verlegten die Böden, überstrichen die Wände und stellten Möbel in die Zimmer.

Zweimal täglich ging ich an der Fensterscheibe vorbei und grüßte den Mann hinter Glas. Mit der Zeit wurde unser Gruß herzlicher, offener. Oft stahl sich das Lächeln schon an der Straßenkreuzung in mein Gesicht, wenn die Scheibe noch ein weit entferntes Blitzen der Sonne war. Es gab Tage, da war sein Platz hinter dem Fenster leer, manchmal blieb er es wochenlang. Einige Male schlief er zusammengesunken in seinem Rollstuhl. Dann winkte ich trotzdem, einfach der Form halber. Wenn er lange nicht da war, begann ich mir Sorgen zu machen, ob sich sein Zustand so sehr verschlechtert hatte, dass er vielleicht sogar verstorben war. Umso mehr freute ich mich, wenn er eines Tages plötzlich wieder durch die Scheibe strahlte, wenn unsere Blicke sich trafen.

Bis heute grüße ich ihn beinahe jeden Tag, wenn mein Weg mich an ihm vorbeiführt. Sein Gesicht lässt mich jedes Mal in meiner Hektik innehalten, obwohl ich nicht einmal seinen Namen kenne. Aber was ist schon ein Name gegen eine bereits über mehr als zwei Jahre andauernde Tradition? Er weiß vermutlich nicht, wie sehr er mir meine Eingewöhnung in die Stadt erleichtert hat. Sein kraftloser Gruß war ein kleiner Anker und gleichzeitig ein Mahnmal für mich. Innehalten. Durchatmen. Entschleunigen. Das Schöne sehen. Weitermachen. Ich werde es ihm nicht sagen. Jeder direkte Kontakt würde unseren Begegnungen vermutlich die Ungezwungenheit und damit den Zauber nehmen.

Trotzdem, seit mir bewusst geworden ist, dass sich meine Zeit in dieser Stadt dem Ende zuneigt, denke ich darüber nach, wie ich ihm meine Dankbarkeit ausdrücken kann, ohne unser Ritual zu entzaubern. Ich möchte, dass die Scheibe uns weiterhin das Medium der Kommunikation bleibt, das sie immer war.

Vor einigen Tagen nahm ich daher einen dicken, schwarzen Stift und einen Plakatbogen, der von einer Präsentation in der Uni übrig geblieben war. Ich schrieb einige Wörter darauf und faltete ihn sorgfältig zusammen.

Als ich das nächste Mal vor der Scheibe stand, begrüßte er mich mit einem matten Lächeln. In letzter Zeit war er immer schwächer geworden, seit neuestem konnte er die Hand kaum noch heben. Ich blieb stehen und kramte den Papierbogen aus meiner Handtasche. Während ich ihn auseinander faltete, legte er fragend den Kopf schief. Ich grinste und presste das Papier gegen das Glas. Seine geröteten Augen verengten sich, als er meine Handschrift zu entziffern versuchte. Schließlich leuchtete sein Gesicht auf und er lachte. Das Glas verschluckte jedes Geräusch, doch ich sah, wie sein Brustkorb bebte.

Vielen Dank für Ihr verlässliches Lächeln.

Er formte etwas mit seinen Lippen. Ich bin mir nicht sicher, ob es danke oder bitte war, aber eigentlich spielt das auch keine Rolle. Meine Botschaft ist angekommen, das Glas war weiterhin Medium, er hat sich gefreut und weiß, dass er Spuren in meinem Leben hinterlassen hat. Wir grüßen uns weiterhin, auch wenn sein Gruß immer langsamer und sein Gesicht immer fahler wird. Seine Augen leuchten nach wie vor.

Ich bin froh, dass ich fortgegangen bin. Ich habe meinen Freund und mich selbst besser kennen gelernt, Freunde gefunden, Freunde verloren, sie wiedergefunden, Harfe spielen gelernt, mich mit Sterbenden auseinandergesetzt und ein spannendes Fach studiert.

Und in einem Punkt hatte meine Mutter Recht. Irgendwann sitzt man mit einem Tee am Küchentisch, schaut aus dem Fenster und wundert sich, wie wohl man sich fühlt. Man darf nur nicht aufhören, sich wohlfühlen zu wollen.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

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  1. Eine wundervolle Geschichte!
    Ich habe seit einem Jahr immer ein süßes Ehepaar in der Bahn getroffen (so in den 40ern).
    Die waren immer so süß miteinander und da bin ich mal zur Seite gerückt, damit sie nebeneinander sitzen konnten. Seit dem haben wir uns morgens in der Bahn gegrüßt oder zugenickt. Irgendwann hab ich mich mal überwunden und sie angesprochen, dass ich es süß finde wie die zwei miteinander umgehen.
    Seitdem, wenn wir in der Nähe sitzen oder stehen, klönen wir immer über das Leben und dies und jenes. Ich finde das total toll in der anonymen Welt heutzutage..

    Hat jetzt vielleicht nicht so viel mit deiner Geschichte zu tun, aber ich finde es toll, wenn man die Chance hat für ein bisschen Interaktion auch mit Menschen die man nicht so gut kennt, im hektischen Alltag.
    🙂

    Antwort
  2. Wunderschön geschrieben, deshalb einfach DANKE!

    Antwort

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