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Erzähl mir deine Geschichte – Sophie

Veröffentlicht am

Sophie ist bei einem Krisennotdienst angestellt, der telefonische Betreuung und eine erste Anlaufstelle für Menschen bietet, die mit ihrer Situation überfordert sind und Hilfe brauchen. Ich traf sie an ihrem Arbeitsplatz: ihrem Wohnzimmertisch, der mit einer Taschentuchpackung unter einem Bein stabilisiert wird, weil er ansonsten so sehr schwankt, dass der Kaffee überschwappt. Dort sitzt sie meistens auch, wenn sie ihre Anrufe entgegennimmt.

„Schön, dass du da bist, setz dich doch bitte. Haha, nein, die Stühle sind bisher stabil, da musst du keine Sorge haben. Möchtest du ein Glas Wasser? Es ist doch sehr warm draußen. Bitte sehr.

So. Du möchtest wissen, wie mein Alltag so abläuft und was der Krisennotdienst so macht, nicht wahr? Gut, lass mich einen Moment überlegen.

Also angefangen habe ich vor zwölf Jahren, als ich mein zweites Kind bekam. Da wurde es schwierig, meinen alten Job zu halten und allen Aufgaben gerecht zu werden, deshalb habe ich mehr oder weniger freiwillig gekündigt und mich auf die beiden Kinder und den Haushalt konzentriert. Mein Kleiner war ein richtiges Schreikind, er war kaum still zu bekommen. Das hat sehr an meinen Nerven gezehrt. Manchmal hat er mich in einer Nacht siebenmal aus dem Bett geholt, an Schlaf war kaum zu denken. Ich habe auch den Fehler gemacht, dass ich alles alleine schaffen wollte, habe mir von meinem Mann nichts abnehmen lassen und von seiner Mutter sowieso nicht. Irgendwann bin ich an meine Grenze gestoßen und habe mich in meinem Schlafzimmer eingesperrt, mein Kind lag in seinem Bett und schrie, der Ältere schrie gleich mit, weil niemand etwas unternahm, mein Mann war arbeiten. Ich hab mich wahnsinnig einsam und hilflos gefühlt.

Irgendwann hatte ich plötzlich den Telefonhörer in der Hand und klickte mich durch das Internet, wen ich anrufen konnte. Ich wollte einfach nur mit jemandem reden, den ich nicht kannte, mit jemandem, der mich nicht dafür verurteilen konnte, weil er mich ebenfalls nicht kannte. Ich habe die evangelische Telefonseelsorge angerufen.

Klar, die Nummer kann ich dir sagen, falls das jemand mal braucht. Die gilt für alle Bundesländer. 0800 – 111 0 111. Mit den Endziffern 222 statt 111, falls man lieber mit Katholiken sprechen möchte.

Wo war ich? Genau. Ich habe mit dieser Frau gesprochen, deren Namen ich nicht kannte und hab ihr ins Ohr geschluchzt, all meinen Kummer, meine Verzweiflung und meine Wut, weil das Elterndasein so unerwartet hart und schwer war. Sie hat mir ruhig zugehört und mich reden lassen, danach hat sie mir Beratungsstellen genannt, die sich speziell um Eltern mit Schreikindern kümmern.

Ich denke, dass ich mir allein niemals Hilfe gesucht hätte, wenn man mir nicht gesagt hätte, dass ich für das Schreien meines Sohnes nichts kann. Und das war für mich der Punkt und das Erfolgserlebnis, bei dem ich gesagt habe: „Genau das will ich auch für andere Menschen tun. Einfach nur da sein und zuhören, damit mein fremder Gesprächspartner am Telefon vielleicht auch den Mut hat, die Hilfe in Anspruch zu nehmen, die er oder sie braucht.“

Also habe ich mich ein paar Monate später um ein Ehrenamt beworben und die Ausbildung gemacht. Inzwischen bin ich sogar hauptamtlich in diesem Bereich tätig.

Ja, das läuft so ab, dass man sich in der Lerngruppe selbst reflektiert und darüber aufgeklärt wird, wie man sich abgrenzen und mit Anfeindungen durch die Anrufer umgehen sollte. Es sind natürlich nicht nur freundliche Menschen, die an sich arbeiten wollen und deshalb zum Hörer greifen. Wichtig ist vor allem, dass man seine Belastungsgrenzen kennt und sich im Klaren ist, dass keine therapeutische Arbeit am Telefon geleistet werden kann. Dafür sind wir nicht ausgebildet.

Klar hatte ich auch schon Anrufer, die nur auf Ärger aus waren. Das ärgert mich vor allem deshalb, weil diese Scherzbolde den Menschen die Plätze in den Leitungen wegnehmen, die vielleicht wirklich ein Problem besprechen und einen Rat hören möchten. Das habe ich noch nie verstanden.

Einmal rief mich ein Mann an, der im Laufe des Gesprächs immer anzüglicher wurde. Ich habe den Anruf schnell beendet und mich sehr geekelt. Wie kann man einen Krisendienst anrufen, um die weiblichen Mitarbeiter sexuell am Telefon zu belästigen? Das ergibt für mich keinen Sinn.

Oh ja, schöne Erlebnisse gibt es natürlich auch. Erst neulich rief mich eine sehr junge Mutter an, die von ihrem vierjährigen Sohn geschlagen wird. Zuerst habe ich sie verurteilt, das muss ich zugeben. Ihr Sohn hieß nämlich…wie hat sie das ausgesprochen? Dscheremäia, oder so in der Art. Und sie selbst war erst achtzehn Jahre alt. Da kann man sich ja ausrechnen, wie früh sie Mutter geworden ist und wie niedrig vermutlich ihr Bildungsstand ist. Nach und nach hörte ich jedoch raus, wie unglücklich sie mit der gesamten Situation war und wie alleine sie ihren Problemen gegenüberstand. Ihre Eltern scherten sich nicht um ihr Kind, ihr Freund hatte schon längst ein anderes Mädchen und ihre Geschwister zeigten kaum Interesse. Da fühlte ich mich ein wenig schuldig, weil ich sie so vorschnell verurteilt hatte. Es entwickelte sich ein sehr vertrautes und warmherziges Gespräch, in dem ich sie darin bestärken konnte, sich an eine Erziehungsberatungsstelle zu wenden. Die bieten oftmals kostenlose Beratung an, wenn konkrete Probleme im Alltag auftreten, die alleine nicht mehr bewältigt werden können. Wir verabschiedeten uns wie alte Freundinnen und sie weinte vor Erleichterung, weil ihr endlich jemand zugehört hatte. Das ging mir lange nach. Seitdem versuche ich, die jungen Mädchen mit den Kinderwagen nicht zu einseitig zu sehen.

Für mich selbst hat sich Einiges verändert. Manchmal, wenn mir eine Stimme auf der Straße bekannt vorkommt, versuche ich, sie einem Gespräch zuzuordnen. Ich gehe bewusster durch den Tag und bin dankbarer für das, was ich habe. Weil ich einen Einblick in viele Lebensgeschichten gewinne, die nicht so glücklich verlaufen wie die meine, genieße ich die kleinen Dinge viel mehr als früher. Und ich habe das Vertrauen, dass mir geholfen werden kann, wenn es mal nicht so gut laufen sollte. Dass ich nur den Mut haben muss, die Hilfe auch anzunehmen.

Suizid? Ja, das ist ein großes Thema bei uns. Oft rufen mich Menschen an, die nicht mehr leben möchten. Das ist aber schon ein Grenzgebiet und eigentlich nicht mehr unsere Kompetenz. Wenn ich den Aufenthaltsort der Personen ermitteln kann, schicke ich auch direkt Polizei und Feuerwehr dorthin. Aber im Normalfall ist das nicht unsere Aufgabe, wobei man natürlich auch nicht einfach auflegen kann, wenn es einmal doch passiert.

Denkst du wirklich? Ha! Natürlich kann ich einfach auflegen! Das klingt jetzt vielleicht herzlos, aber das ist das Wichtigste, was ich bei meinen Diensten gelernt habe: Wenn ich mich nicht schütze, kann ich es von keinem anderen erwarten. Also lege ich auf, wenn ich merke, dass mir das Gespräch zusetzt. Das ist aber eigentlich nur bei den Anrufern der Fall, die beleidigend und ausfallend werden.

Sicher, ich würde gerne wissen, was aus den Anrufern wird und ob sie ihre Probleme in den Griff bekommen. Ich wüsste gern, ob die junge Mutter noch immer von ihrem kleinen Sohn geschlagen wird und ob die alte Dame ihren Krebs überlebt hat. Ob der Mann wieder Arbeit gefunden hat und die Frau zu ihm zurückgekehrt ist. Aber ich werde es nie erfahren. Und das ist auch ganz gut so, es geht mich ja nichts an.

Hm. Nein, eigentlich gibt es keinen bestimmten Typ Anrufer, den ich häufig in der Leitung habe. Das sind ganz unterschiedliche Menschen mit ebenso unterschiedlichen Probleme. Aber es ist auffällig, wie viele Frauen im Vergleich zu Männern zum Hörer greifen. Meintest du so etwas? Ja, dann kann man sagen, dass mich auf jeden Fall mehr Frauen anrufen. Meistens um die Dreißig bis Vierzig. Aber frag mich nicht, warum genau in diesem Alter, keine Ahnung. Die meisten haben Probleme in der Ehe oder beim Wiedereinstieg in den Beruf. Oder sie pflegen einen Angehörigen. Oder, oder, oder…es gibt ja vieles, das einen belasten kann. Schönerweise gibt es noch mehr Wege, sich bei diesen Belastungen helfen zu lassen und Schönes zu tun.

Ja, ich hab mal in deinen Blog geguckt, nachdem du bei mir angefragt hast. Es ist auf jeden Fall wichtig, über den Tod zu sprechen. Das mache ich daher auch häufig am Telefon mit meinen Anrufern. Manchmal haben sie das Bedürfnis, über den Sinn des Lebens zu philosphieren oder wollen von mir wissen, warum gerade sie von einer schweren Krankheit betroffen sind. Ich frage dann immer zurück: „Warum nicht?“

Wir kreisen zu sehr um uns und gehen wie selbstverständlich davon aus, dass es ein Morgen gibt. Aber was wäre, wenn es keins gibt? Was wäre, wenn man dir die Lichter ausknipst und dich vorher fragt, ob du erreicht hast, was du willst? Was sagst du dann?

Ich würde sagen: „Mist, ich wollte doch noch dieses und jenes machen und das und dort erledigen…“

Aber weißt du was? Das ist falsch. Am besten macht man gar keine Pläne, das ist nämlich vermessen. Wer Pläne macht, geht davon aus, dass er sie umsetzen kann. Aber das ist ein Luxus, den man nicht für sich beanspruchen kann. Wenn man lange lebt, ist das im besten Fall schön, aber man kann sich einfach nicht beschweren, wenn man nicht so lange leben darf wie der Nachbar. Denn das hat einem ja niemand garantiert. Das geht nicht. Verstehst du, was ich meine?

Eine Anruferin war einmal regelrecht entrüstet, weil sie eine Krebsdiagnose gestellt bekommen hat. Da war sie richtig sauer. Weil sie doch jeden Morgen Yoga macht und nur fettarm isst und auf Biosiegel achtet. Da hab ich mir auch gedacht, deshalb kann sie doch nicht davon ausgehen, dass sie immer gesund bleibt. Das ist in meinen Augen die falsche Herangehensweise. Man sollte gut zu sich sein, ohne Frage, aber wenn man gerne fettes Schokoladeneis isst, soll man das einfach machen. Sterben tun wir alle. Aber ob wir Schokoladeneis oder Dinkelkekse vor dem Fernseher oder im Yogastudio essen, suchen wir uns selber aus. Ohne Garantie auf ewiges Leben.

Wenn ich den Menschen demnach einen Rat geben dürfte, würde ich sagen: Macht doch einfach. Dann müsst ihr euch später nicht so ärgern. Und wenn ihr ein Problem habt, mit dem ihr nicht zurechtkommt, dann holt euch Hilfe, die gibt es in Deutschland immer. Ich weiß, dass das schwer ist. Aber ihr werdet es euch später selber danken. Meine Leitung steht euch jederzeit offen. „

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

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  1. Finde ich klasse den Rat!
    Einfach machen und sein Leben geniessen! Denn so siehts doch aus – und deshalb kündige ich auch meinen Job nächsten Monat. Weil ich einfach mal Zeit für mich brauche und mein Leben fühlen möchte!!

    Antwort
  2. Sehr interessant, ich habe bis zum Schluss gut zugehört. Und ganz ehrlich, ich würde mir das nicht zutrauen – entweder wäre ich zu hart oder zu sensibel, gerade den Zwischenton zu treffen, scheint mir die Schwierigkeit zu sein. Hut ab, wer sowas leisten kann!
    Liebe Grüße
    Franziska

    Antwort

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