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Kurseinheit 10 – Kleine Teile von dir…

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Stell dir vor, du stehst einem Menschen gegenüber, der dich auf eigentümliche Weise tief berührt. Seine strengen Gesichtszüge, der konzentrierte Zug um den Mund. Das Leben, das durch seine Augen dringt und dich daran hindert, den Blick abzuwenden. Die unter dem forschenden Blick in Furchen gelegte Stirn, an deren Seite eine kleine Ader pocht. All das nimmst du gleichzeitig auf, während dein Gegenüber dich prüfend mustert.

Irgendwo hast du ihn schon einmal gesehen, diesen Menschen. Da ist etwas in deiner Brust, ein dumpfes Erkennen, ein schnellerer Herzschlag. Das Gesicht ist dir so vertraut. Hinter deiner Stirn arbeitet es. Bilder blitzen auf und verschwinden, bevor du nach ihnen greifen kannst. Es ist so unruhig in deinem Kopf, dass du für einen Moment die Augen schließt. Als du sie wieder öffnest, ist der Mensch immer noch da und sieht dich an. Was liest du in seinem Blick? Sorge? Oder ist es Mitleid? Plötzlich wandeln sich seine Züge und verzerren sich zu einer wütenden Maske. Dieselbe Wut schießt nun durch deine Adern. Es jagt dir Angst ein. Als du diesen Menschen von dir stoßen willst, rutschen deine Hände über eine glatte Fläche, die zwischen euch steht.

Es ist der große Spiegel in deinem Schlafzimmer. Die Augen deines Spiegelbilds werden müde, die Mundwinkel erschlaffen. Du hast dich schon wieder selbst vergessen. Und es beginnt bereits von vorn.

—-

Demenz ist ein großes und wichtiges Thema in der Sterbebegleitung. Einen dementen Menschen in den Tod zu begleiten, birgt viele Besonderheiten, auf die Rücksicht genommen werden muss. Daher besuchte uns für die zehnte Kurseinheit ein Vertreter des gerontopsychiatrischen Dienstes, welcher demenzerkrankten Menschen und ihren Angehörigen eine Anlaufstelle bietet.

„Herzlich Willkommen.“ Marie lächelte uns Kursteilnehmern zu und legte die Hand auf die Schulter des kleinen Mannes, der neben ihr stand. „Wir haben heute einen besonderen Gast, der uns ein wenig von seiner Arbeit erzählen möchte. Erzähl doch selbst etwas über dich, Frank.“

Frank schluckte und räusperte sich. Auf seiner Stirn glänzte ein wenig Nervosität, seine Finger flatterten haltsuchend im Raum umher. „Ja, guten Abend. Mein Name ist Frank, ich bin Pfleger auf der Station des gerontopsychiatrischen Dienstes hier in der Stadt und bin hier, um ihnen ein wenig aus der Praxis zu erzählen. Also was Demenz eigentlich ist, wie sie sich äußert und so etwas in der Art. Ja. Guten Abend!“

„Guten Abend, Frank“, antwortete unsere Gruppe im Chor. Mit einem Mal fühlte ich mich in eine Selbsthilfegruppe versetzt.

Frank nahm umständlich Platz und zog ein Papierpaket aus seiner Tasche. Während er darin blätterte, warf er immer wieder verstohlene Blicke in die Runde.

„Der ist irgendwie süß“, flüsterte Ricki. Ihre Augen blitzten verschmitzt. „Wenn er ein bisschen jünger wäre, würde ich mich beinahe für ihn interessieren.“

„Hast du nicht gerade erst geheiratet?“, fragte Benno tadelnd und mit einem vielsagenden Blick auf Rickis Ehering.

„Pah!“

„Ja, gut. Also, dann können wir anfangen, denke ich. Wer von Ihnen hat denn bereits Erfahrungen mit Demenzkranken?“ Frank beugte sich vor und stützte die Ellenbogen auf seinem Knie ab. Durch den dicken Papierstapel auf seinen Oberschenkeln sah die Haltung wirklich unbequem aus, was vermutlich auch der Grund war, weshalb er sich rasch umsortierte.

Es hoben sich insgesamt sechs Arme, woraufhin Frank überrascht die Augenbrauen hob. „So viele? Familienangehörige?“

„Mein Vater“, sagte Irene. „Er ist vor drei Jahren gestorben, aber bis dahin war er sehr stark dement. Wir mussten ihn zuletzt in einem Heim pflegen lassen, weil wir nicht rund um die Uhr auf ihn aufpassen konnten.“

„Ein Onkel, den ich kaum kannte. Uns wurde auch gesagt, dass er schon immer ein wenig eigen war“, erzählte Christin.

Die übrigen Vier senkten ihre Arme und verneinten die Frage. Lediglich Nachbarn oder Arbeitskollegen. Frank nickte langsam und legte den Zeigefinger in nachdenklicher Pose an seinen rechten Mundwinkel. Aus Rickis Richtung hörte ich ein leises Kichern. Offenbar war ihr ebenfalls aufgefallen, in welche unnatürlich wirkenden Positionen sich der arme Frank begab, um seine Aufregung zu überspielen. Als er jedoch aus seinem Alltag erzählte, war seine Stimme erstaunlich fest.

„Ich weiß nicht, welches Bild Sie vielleicht schon im Kopf haben, wenn Sie an demente Menschen denken. Demenz bedeutet, plötzlich nackt in einem Wald zu stehen und nicht mehr zu wissen, wer man selbst ist, in welchem Land man ist, welches Jahr wir haben und wo nach Hilfe gesucht werden sollte. Stellen Sie sich vor, wie furchteinflößend die Situation ist, wie allein sie sich damit fühlen. Natürlich ist das schon ein sehr fortgeschrittenes Stadium der Krankheit, wenn schon längst das Langzeitgedächtnis befallen und teilweise ausgeschaltet ist. Sie bekommen nicht mehr mit, wie sie die Erinnerungen an ihre Familie und auch an sich selbst verlieren. Einige Informationen bleiben bis zuletzt erhalten.

Wir hatten zum Beispiel einen Patienten, der sich weigerte, ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Ich wusste, dass er aus einer russischen Familie stammt und zu gesunden Zeiten gern in Gesellschaft getrunken hatte. Also nahm ich zwei kleine Gläser, füllte Wasser hinein und prostete ihm zu. Gemeinsam tranken wir rund einen Liter auf diese Art, ich musste alle Trinksprüche bemühen, die ich je in meinem Leben gehört hatte. Nach dem siebten Mal brachte allerdings er die Sprüche an, da konnte ich mich ein wenig entspannen.“

Frank wartete, bis das Gekicher verstummte und lächelte. Die Spannung in seinen Schultern ließ nach, er sank in eine bequemere Sitzposition.

„Sie sehen, dass es wichtig ist, den Demenzkranken dennoch als Menschen mit Geschichte zu akzeptieren. Auch wenn er sie selbst vielleicht vergessen hat. Aber versuchen sie nicht, ihm in seine Erinnerungen hineinzureden oder sie aufzufrischen. Selbst wenn er total verwirrt ist und gar nicht mehr weiß, wo er ist, geben Sie ihm einfach nur das Gefühl, dass alles in Ordnung ist. Mehr braucht der Mensch in diesen Momenten nicht.“

„Aber es gibt doch auch sehr aggressive Demenzkranke?“, warf Irene ein. „Wie sollen wir auf so eine Situation reagieren? Ich meine, wenn uns der Sterbende wirklich bedroht?“

„Dann gehen Sie“, antwortete Marie. „Sie müssen sich niemals von einem Sterbenden bedrohen lassen. Wenn er Ihnen aggressiv vorkommt, sprechen Sie ihren Eindruck an und fragen Sie nach dem Grund. Und wenn der Sterbende dann noch immer wütend ist oder ihn das sogar provoziert, gehen Sie einfach aus dem Zimmer. Normalerweise sind die Menschen, die Sie begleiten, nicht mehr in der Lage, Ihnen körperlich etwas zu tun. Aber man muss es ja nicht darauf ankommen lassen.“

„Ja, apropos aggressiv…“, nahm Frank den Faden wieder auf und trommelte auf seinem Knie herum. Offensichtlich hatte der Einwurf ihn wieder verunsichert. Ich fragte mich, wie er demenzkranken Menschen gegenüber sicher auftreten konnte, um sie in ihrer Aufregung zu besänftigen. Es war schwierig, die nötige Stabilität in seine hektischen Augen hineinzulesen und sie sich als Ruhepol vorzustellen. „Nicht alle demenzkranken sind natürlich aggressiv. Aber in einem frühen Stadium, wenn die Krankheit erst noch diagnostiziert werden muss, fällt den Angehörigen oftmals eine Wesensveränderung auf. Damit kommen wir auch zu der Frage, wie man Demenz erkennt. Man sollte zu einer weiterführenden Untersuchung raten, wenn ein Angehöriger sehr vergesslich wird und teilweise wütende Stimmungsausbrüche hat. Ich meine, jeder ist natürlich mal vergesslich und verlegt seine Autoschlüssel und wundert sich am Ende, wie sie in die Sporttasche gekommen sind. Aber wenn oft ganz banale Wörter fehlen, viel vergessen wird und das Wesen sich verändert, sollte man sich Gedanken machen. Das alles sollte länger als sechs Monate anhalten, bevor man allerdings von einigermaßen verlässlichen Symptomen sprechen kann.“

„Tun Sie sich und Ihrem Umfeld also einen Gefallen und thematisieren Sie nicht jede Schusseligkeit, die Ihnen auffällt, als mögliches Anzeichen von Demenz“, sagte Marie, der nicht entgangen war, wie alarmiert einige der Kursteilnehmer mit einem Mal aussahen. „Wenn Sie bisher nicht das Gefühl hatten, dass es Ihrem Angehörigen nicht gut geht, wird er vermutlich auch gesund sein.“

Ich dachte an meine Mutter und ihre Angst vor einer möglichen Demenz, seit die Chemotherapie und die wiederholten Vollnarkosen ihr Gedächtnis angegriffen hatten. An meine eigene Angst, eines Tages eine Demenzerkrankung in der eigenen Familie zu haben und hilflos mitansehen zu müssen, wie der geliebte Mensch sich selbst vergisst und nach und nach immer weniger Erkennen in seinen Augen aufleuchtet, wenn man ihn anspricht. Was würde ich selbst tun, wenn sich mein Ich verabschiedet und im Dunkel versinkt? Kann man sich als gesunder Mensch überhaupt annähernd vorstellen, welche Panik der Verlust der eigenen Persönlichkeit bedeutet? Und wie schrecklich es ist, an einem Ort aufzuwachen, den man noch niemals zuvor gesehen zu haben glaubt, umgeben von besorgten und traurigen Gesichtern, die man nicht kennt, die einen Namen rufen, der den eigenen Ohren fremd ist? Die ohnmächtige Wut auf alles, wenn die Angst den Alltag dominiert?

Demenz ist nichts, was sich steuern lässt, etwas Unkontrollierbares und Dunkles, das sich über die Erinnerungen legt, die man im Herzen trägt. Etwas, das man erst bemerkt, wenn es sich bereits tief in die Psyche gegraben hat.

Franks Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. „Der Mensch, den sie vor sich haben, ist der gleiche. Nur weil ihm seine Erinnerungen fehlen, heißt das nicht, dass er ein vollkommen Fremder ist. Sie haben ihn schließlich nicht umsonst ins Herz geschlossen.“

Selbst, wenn ihr die Haare ausfallen und sie immer blasser wird, ihr liebes Gesicht bleibt doch das gleiche.

Ich erinnere mich noch genau, wie mein Vater diese Worte sagte. Beiläufig, beinahe nebensächlich, am Steuer seines Autos, als er mich zum Bahnhof fuhr. Ich hatte ihn gefragt, ob der Krebs seine Ehe verändert hatte und ob er seine Frau und meine Mutter mit anderen Augen sah.

Ihr liebes Gesicht bleibt doch das gleiche.

Ich lehnte mich zurück und folgte Franks Ausführungen mit halbem Ohr, während ich darüber nachdachte, was den Menschen als Person eigentlich ausmacht. Wenn die Demenz unsere Erinnerung auslöscht, was bleibt von uns übrig? Die am tiefsten liegenden Wesenseigenschaften? Der Sanftmut? Der Jähzorn? Die Freude und der Humor? Die Art, den Kopf in den Nacken zu werfen und zu lachen oder sich die Haare hinters Ohr zu streichen? Kleine Handgriffe, an die der Körper sich von selbst erinnert? Bestimmte Floskeln, die nach draußen drängen und wie automatisch über die Lippen gehen? Die Neugier? Der Spieltrieb? Alte Gewohnheiten und fest verankerte Zuneigung.

Eine von Franks Geschichten nahm ich mit mir nach Hause.

Eine alte Frau erkrankte an Demenz und vergaß ihre eigenen Kinder. Ihre älteste Tochter lebte in Amerika und beschloss, nach Deutschland zu reisen und ihre Mutter zu besuchen, bevor sie zu krank wurde und ernsthaft in Lebensgefahr schwebte.

Im städtischen Krankenhaus sagte man ihr, dass man ihre Mutter waschen und ankleiden müsste, bevor sie sie besuchen konnte. Also setzte die Tochter sich auf den Flur und las Zeitung. Plötzlich zupfte es an dem Papier. Sie sah auf und erblickte ihre Mutter. Sie stand in einem grauen Nachthemd und mit bloßen Füßen vor ihr und lächelte sie fröhlich an.

„Lass uns einen Spaziergang machen.“

Die Tochter war verdutzt und gleichzeitig erfreut, ihre Mutter zu sehen. Tränen schossen ihr in die Augen, als ihr bewusst wurde, dass ihre Mutter sie wirklich vergessen hatte. Die alte Frau setzte sich neben ihre fremde Tochter auf die Bank und legte die Arme um ihre Schultern. Die Art, wie sie es tat, hatte sich nicht verändert. Auch die leisen Geräusche nicht, die sie mit geschlossenen Lippen machte, um die aufgewühlte Frau zu beruhigen. Lange Zeit saßen die beiden Frauen nebeneinander, bis die Krankenschwestern die entflohene Mutter zurück in ihr Zimmer brachten, um sie zu waschen.

Als die Tochter schließlich nach ihr sah, war sie bereits eingeschlafen. Sie schloss leise die Tür und fuhr zu ihren Geschwistern, um ihnen zu erzählen, dass ihre Mutter unter all den leeren Erinnerungen noch immer der Mensch war, der sie großgezogen und bei Liebeskummer getröstet hatte.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

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  1. Liebe Alina!
    Es ist schön, dass du schreibst, was du wieder im Kurs gelernt hast.
    Irgendwie muss ich andauernd an meinen Onkel denken, wenn ich diese Texte hier lese: Damals erzählte die nicht so tolle Schwester, die Frau meines Onkels, meiner Mutter, dass mein Onkel meine Mutter wohl angeblich beschimpft hätte und wenn meine Ma bei ihm anrief, war alles ok. Er hätte wohl gar nicht mehr gewusst, wer meine Mutter ist.
    Auch wenn das vielleicht was ganz anderes ist, finde ich es nicht toll, dass sich meine Tante soetwas ausdenkt. Ich weiß, dass sie das getan hat.. das ist schade.

    Auf jeden Fall.. habe ich jetzt darüber nachgedacht, dass die an Demenz erkrankten Menschen immer noch die Gleichen sind. Sie werden ihren Charakter, ihre Angewohnheiten und ihr Wesen nicht vergessen. Es ist ja nicht so, dass aufeinmal alles ausgelöscht ist.

    Ich muss dir gleich mal eine Nachricht schreiben, weil ich gern mit dir über ein Thema schreiben würde wollen, was mich beschäftigt..

    Liebe Grüße,
    Sarahlein ♥

    Antwort
  2. Schön das du wieder da bist. 🙂

    Antwort

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