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Kurseinheit 11 – Bennos Zorn

Veröffentlicht am

Hallo, ihr Lieben! Heute führe ich ein Interview mit meiner Großmutter, einer sehr interessanten Frau mit einem unglaublich bewegten Leben. Ich bin sehr gespannt und freue mich darauf, sie von einer vielleicht ganz neuen Seite kennenzulernen. Ich werde mich mit dem Verschriften beeilen, damit ihr bald von ihr lesen könnt.

Außerdem möchte ich euch auf einen interessanten Blog aufmerksam machen: http://experiment3088.com/

Hier setzt sich eine Hospizhelferin mit der Frage auseinander, wie sie ihr Leben führen würde, wenn es nach 3088 Tagen, also zu ihrem 60. Geburtstag, enden würde.Auf jeden Fall lesenswert!

Ich wünsche euch eine schöne Woche!

—-

Es gibt Menschen, die besonders tiefe Spuren hinterlassen, besonders deutlich in Erinnerung bleiben. Einige von ihnen sind auffallend laut, tun sich durch exzentrische Fähigkeiten und Interessen hervor oder haben ein besonderes Äußeres. Oder sie sind extrem dramatisch in ihrem Auftreten und hinterlassen deshalb einen bleibenden Eindruck. Oder alles zusammen. So wie Benno.

Am Abend vor der nächsten Kurseinheit erhielt ich eine Email von einem unbekannten Absender. Meine Augen brannten von der Arbeit und vom Tag, trotzdem öffnete ich sie, um sie im Bett zu lesen. Während ich von Zeile zu Zeile sprang, legte ich die Stirn in Falten. Die Nachricht stammte von Benno und war ausschließlich Großbuchstaben verfasst. Einige Wörter waren sogar unterstrichen, kursiv und fett gesetzt.

LIEBE ALINA,

LEIDER MUSS ICH DIR SAGEN, DASS ICH AUS DEM KURS GEFEUERT WURDE. EINFACH SO!!! ALS HÄTTE ICH MICH AUS SPAẞ IN DIESEN STICKIGEN RAUM GESETZT UND MIR BIBELVERSE ANGEHÖRT! DAS IST UNVERSCHÄMT!! DA REDEN DIE VON LEBENSZEIT UND STEHLEN MIR MEINE! ICH HAB NICHTS GEMACHT, BIN NUR EHRLICH GEWESEN UND DIE SCHMEIẞEN MICH RAUS! WIR SIND HIER DOCH NICHT IM FERNSEHEN! GEH DA AM BESTEN NICHT MEHR HIN, DIE HABEN MICH RAUSGESCHMISSEN, WEIL DIE ZU INTOLERANT SIND UND MICH NICHT AKZEPTIEREN! DIESE HEUCHLERIN MARIE FRAGT MICH DOCH TATSÄCHLICH, OB ICH MICH NICHT MAL FÜR EIN GESCHLECHT ENTSCHEIDEN WILL!! DAS IST DOCH DIE HÖHE! ICH HASSE, HASSE, HASSE DIESEN VEREIN!

BENNO

Ungläubig las ich die Email noch einige Male, bevor ich meinen Laptop zuklappte und zur Seite legte. Was war denn da zwischen Marie und Benno passiert? Ich konnte mir die sanfte und verständnisvolle Marie überhaupt nicht in der von Benno beschriebenen Position vorstellen. Benno war doch von Beginn an offen mit seiner geschlechtlichen Ausrichtung umgegangen und hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass er über eine Operation nachdachte und lieber eine Frau sein wollte. In einer der Pausen an einem Kurstermin bekam ich einmal mit, wie Marie Benno Mut zusprach, als er sich nicht sicher war, ob es die passenden Sterbenden für ihn gab.

„Für jeden Begleiter gibt es das passende Gegenstück“, hatte sie gesagt und ihm die Hand auf den Unterarm gelegt. „Machen Sie sich da mal keine Sorgen.“

Und warum sollte Marie nach über einem halben Jahr derart plötzlich zu dem Schluss kommen, dass Benno doch nichts in der Sterbebegleitung zu suchen hatte? Zumal sie die Entscheidung, wer zum Kurs zugelassen wurde, bereits im Vorstellungsgespräch getroffen hatte?

Als mein Freund ins Schlafzimmer kam und sich zu mir legte, fragte ich: „Meinst du, dass ein transsexueller Sterbebegleiter ein Problem ist?“

Er sah müde und ein wenig verwirrt aus. „Für mich?“

„Nein, generell.“

Nach einem geseufzten „hmm…“ fielen ihm bereits die Augen zu. Ich sah zu, wie die Falte zwischen seinen Augenbrauen verschwand und seine Züge sich entspannten. Dann machte ich das Licht aus und beschloss, heute nicht mehr über diese Frage nachzudenken.

Am nächsten Tag hatte ich den Entschluss gefasst, Marie einfach direkt auf die Email und den Rauswurf von Benno anzusprechen. Vielleicht war das alles nur ein großes Missverständnis und Benno hatte etwas in den falschen Hals bekommen. Schließlich war er aufbrausend und verrannte sich schnell in extreme Richtungen, wenn er sich ungerecht behandelt fühlte. Dennoch wollte ich ihm nicht komplett die Fähigkeit absprechen, selbst zu entscheiden, ob er sich angegriffen fühlen musste oder nicht.

Der Tag verging schleppend, die Univeranstaltungen wiederholten lediglich bereits bekannte Inhalte und auf der Arbeit ragte ein riesiger Buchstapel auf meinem Schreibtisch in die Höhe. Auf dem obersten Buchdeckel klebte ein Zettel mit der verwaschenen Handschrift meines Chefs: „Bitte alles einscannen. Danke.“

In Erwartung der anstrengenden und eintönigen Aufgabe verspannte sich mein Nacken bereits im Vorfeld. Seufzend wuchtete ich den ersten Stoß Bücher zum Scanner im Flur, als mein Handy eine Sms meldete. Mit der Hüfte hielt ich die Bücher auf dem Gerät, während ich das Telefon aus meiner Jackentasche fischte. Die Sms war von Benno, seine entrüsteten Großbuchstaben schienen mich hektisch anzuflackern.

HAST DU MEINE MAIL NICHT BEKOMMEN? WARUM ANTWORTEST DU NICHT? STEHST DU AUF IHRER SEITE?? NA, VIELEN DANK!

Kopfschüttelnd legte ich mein Handy beiseite und konzentrierte mich aufs Scannen. Bennos Verhalten wurde immer merkwürdiger. Er wusste doch, dass mittwochs mein voller Tag war und ich abends selten auf Emails antwortete, weil ich gern einen klaren Kopf beim Schreiben hatte. Insbesondere, wenn die Email nach komplizierten Streitereien klang. Benno schien händeringend nach Bestätigung seiner Position zu suchen. Nach dem zweiten Buch schrieb ich ihm zurück: Tut mir Leid, dass es zwischen Marie und dir so schlecht gelaufen ist. Ich frag sie heute nochmal, mach dir keine Sorgen. Vielleicht klärt sich das alles noch auf. Hab trotzdem einen schönen Tag!

Gleichzeitig ärgerte ich mich darüber, dass ich mich so schnell in den Konflikt hineinziehen ließ. Mit meiner kleinen Schwester hatte ich erst vor wenigen Tagen darüber gesprochen, dass ich mich weniger verantwortlich für die Streitereien zwischen anderen Menschen fühlen wollte, da ich es anstrengend fand, meinen Freundinnen im Studium dabei zuzusehen, wie sie sich immer mehr zerstritten. Ich rutschte oftmals unfreiwillig in eine Schlichterposition, obwohl ich mich gern rausgehalten hätte.

Bennos aggressiver Grundton erschreckte mich ein wenig, doch ich schob sein Problem mit Marie zusammen mit meinem Handy unter meine Unterlagen und griff nach dem nächsten Buch. Als der Stapel geschafft und die unzähligen Seiten durchleuchtet waren, war es bereits Zeit, dass ich meine Sachen packte und mich auf den Weg zum Hospizkurs machte. Von der Arbeit aus war es ein relativ langer Weg zur Kursstätte, ich musste einmal quer durch die Stadt und zweimal den Bus wechseln. Zu Fuß konnte ich nicht gehen, dafür war es bereits zu spät. Während ich auf den ersten Bus wartete, brummte mein Handy erneut. Wieder eine Nachricht von Benno.

LASS DICH BLOẞ NICHT VON MARIE EINPACKEN. DU BIST SO LEICHTGLÄUBIG, HÖR NICHT AUF SIE. GEH EINFACH NICHT HIN, DAS SIND ALLES SCHWEINE!!!

Ich blinzelte überrascht und stieg in den gerade eingefahrenen Bus. Langsam verrutschte Bennos Ton in einer Weise, die ich nicht mehr annehmen konnte. Ich steckte mein Handy in meine Handtasche, ohne ihm zu antworten. Er schien wirklich wütend zu sein und gegen alles und jeden wettern zu wollen, dabei wollte ich ihn nicht unterstützen. Wenn ich ihm bestätigend zuredete, vielleicht würde er sich dann weiter in die Sache hineinsteigern. Außerdem fühlte ich mich inzwischen unwohl bei dem Gedanken, dass Benno mir wütende Sms schrieb und dabei versuchte, mich von Marie und dem Kurs fernzuhalten, weil er sich missverstanden fühlte. Ich ignorierte die weiteren Sms und zog stattdessen ein Buch aus meiner Tasche, um mich abzulenken und zu beschäftigen.

Glücklicherweise hielten sich die Busse an den Fahrplan und ich stand pünktlich vor der Tür des Kursgebäudes. Während der Fahrt hatte ich noch ein wenig darüber nachgedacht, ob ich mich überhaupt in die Angelegenheit einmischen sollte. Schließlich handelte es sich um eine Auseinandersetzung zwischen Marie und Benno, die mich nichts anging. Andererseits wollte ich gern von Marie selbst hören, was zwischen ihnen passiert war, da ich mir einfach nicht vorstellen konnte, dass sie jemanden aus Gründen der Intoleranz aus dem Kurs ausgrenzte. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass Benno etwas von Grund auf missverstanden und sich in die falsche Richtung verbohrt hatte.

Ich klopfte an Maries Bürotür, die sich neben dem Kursraum befand und mit Bildern von Lavendelblüten und Vasen beklebt war.

„Herein!“

Vorsichtig öffnete ich die Tür und lugte um die Ecke. Marie saß am Schreibtisch und ordnete ihre Unterlagen für den Kurs. Auf ihrem Gesicht erschien ein offenes und freundliches Lächeln, als sie mich sah. „Guten Abend! Wie kann ich Ihnen helfen?“

Die Anspannung fiel ein wenig von mir ab, ich erwiderte ihr Lächeln. Ich konnte mir immer weniger vorstellen, dass sie Benno derart herablassend behandelt hatte. „Ich wollte fragen, ob ich Sie nach dem Kurs kurz sprechen könnte. Passt Ihnen das?“

„Natürlich, ich nehme mir Zeit.“ Besorgt musterte sie mich. „Ist denn alles in Ordnung?“

„Oh, ja. Ich habe nur eine Frage“, wiegelte ich ab. „Vielen Dank.“

„Gut. Dann sehen wir uns gleich im Kurs.“ Ihr Lächeln kehrte in ihr Gesicht zurück und erreichte ihre Augen. Mein Brustkorb zog sich zusammen, als mein Handy vibrierte. Ich fühlte mich mit Bennos Nachrichten immer unwohler.

Als ich den Kursraum betrat, kam Ricki mir entgegen und fasste mich am Ärmel. „Ich bekomme total merkwürdige Sms von Benno. Du auch?“

Überrascht blieb ich stehen. „Ja, ich auch! Inzwischen sind es wahrscheinlich fünf Stück, die letzten habe ich gar nicht mehr gelesen.“

„Ich auch nicht.“ Ratlos zuckte sie mit den Schultern. „Er ist immer wütender und ausfallender geworden, irgendwann wollte ich nicht mehr antworten, das war mir irgendwie unangenehm.“

Wir setzten uns auf unseren Stammplatz direkt an den Fenstern und tauschten uns über die Nachrichten aus. Wir bemerkten, dass Benno die gleiche Email an uns beide verschickt und lediglich den Namen ausgetauscht hatte. Auch die Sms waren größtenteils identisch.

„Ich wollte Marie nach dem Kurs mal fragen, was da passiert ist“, flüsterte ich, als immer mehr Kursteilnehmer im Stuhlkreis Platz nahmen. „Vielleicht ist das ja nur ein Missverständnis.“

„Gute Idee.“ Ricki steckte ihr Handy demonstrativ in ihre Tasche und schob sie mit dem Fuß nach hinten. „Ich werde darauf jedenfalls nicht mehr reagieren. Die letzte Sms war einfach nur daneben. Mich eine Totengräberin zu nennen, ist nicht in Ordnung.“

„Was? Das geht ja gar nicht!“ Alarmiert sah ich auf mein Display, doch eine direkt Beleidigung war bisher ausgeblieben. Dass Benno Ricki anfeindete und ihren Beruf als Bestatterin schlecht machte, rückte ihn in ein ganz anderes Licht. Ich glaubte immer mehr, dass er die Tatsachen verdrehte und Marie in eine Position zu rücken versuchte, die sie gar nicht eingenommen hatte.

Als Marie den Raum betrat und die Kurseinheit eröffnete, schnellte Adrianas Hand nach oben. Adriana war eine eher zurückhaltende und stille Frau, doch heute waren ihre Wangen gerötet und ihre Körperhaltung angespannt.

„Stimmt es, dass Sie Benno aus dem Kurs geworfen haben, weil er sich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen will?“

Ricki und ich tauschten einen verblüfften Blick. Benno hatte offenbar mehrere Leute aus dem Kurs kontaktiert. Marie wurde blass und ließ die Unterlagen sinken. „Wie bitte?“

„Benno hat mir eine Email geschrieben“, meldete sich Cora zu Wort. „Er schreibt, dass Sie ihn gefeuert haben, weil Sie zu intolerant sind, um ihn bei sich arbeiten zu lassen.“

„Ja, das habe ich auch gehört!“

„Mir hat er eine Sms geschrieben und zwei Emails.“

„Ich habe auch eine Mail bekommen.“

Marie hob abwehrend die Hände und schluckte schwer. Dann strich sie mit den Fingern über die Blätter auf ihrem Schoß und schluckte erneut. „Ich weiß…ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll.“Sie holte tief Luft. „Dass Benno und ich ein Gespräch hatten, in dem es unter anderem um seine Operation ging, ist richtig. Er suchte das Gespräch, weil er sich von allem gestresst und unter Druck gesetzt fühlte. Ich schlug ihm vor, den Kurs im nächsten Jahr fortzusetzen, wenn sich seine Lebensumstände ein wenig geklärt haben und er den Kopf wieder frei hat. Ich hatte eigentlich das Gefühl, dass es ein gutes Gespräch war…“

„Dann haben Sie ihn nicht rausgeworfen?“, hakte Adriana nach.

Entschieden schüttelte Marie den Kopf. „Nein, ich habe ihm nur vorgeschlagen, dass er eine Pause machen kann, wenn es ihm zu viel wird. Und dass er jederzeit in den Folgekurs wechseln und aus diesem hier aussteigen kann, wenn er das Gefühl hat, seinen Alltag nicht mehr zu schaffen. Das war kein Rauswurf, nur ein Vorschlag. Und ich hätte ihn doch gar nicht zum Kurs zugelassen, wenn ich ein Problem mit seiner Operation gehabt hätte.“

Während sie das Gespräch aus ihrer Sicht schilderte, wurde ich ein wenig traurig. Die beiden Versionen der Geschichte ließen sich miteinander nicht vereinbaren. Ich merkte, dass ich Maries Erzählung mehr Glauben schenkte als Bennos wütenden Vorwürfen. Die vertraute Furcht setzte sich in meiner Kehle fest. Benno schien die Geschehnisse in seiner Wahrnehmung verzerrt und verdreht zu haben, das jagte mir Angst ein. Vielleicht war er psychisch ein wenig angeschlagen und nahm deshalb alles so persönlich und feindselig auf. Ich musste an den schizophrenen Patienten auf der Intensivstation und an meinen Onkel denken. Als mein Handy erneut vibrierte, schaltete ich es aus.

Rickis Finger legten sich auf meinen Handrücken, ich sah auf.

„Da haben wir uns in Benno wohl getäuscht“, wisperte sie und drückte meine Hand. „Schade.“

„Ja. Schade.“ Wir verschränkten unsere Finger miteinander und saßen eine Weile auf diese Art verbunden da, bis das Thema Benno im Kurs abgeschlossen und beiseite geschoben wurde.

„Es tut mir Leid, dass Sie in diese Sache hineingezogen wurden“, sagte Marie und zuckte hilflos mit den Schultern. „Ich wusste nicht, dass er es derart falsch verstehen und öffentlich machen würde. Entschuldigen Sie die Umstände, die Ihnen durch dieses Gespräch entstanden sind.“

Wir wiederholten in der Kurseinheit einige Inhalte, die wir bereits besprochen hatten. Ich hörte nur mit halbem Ohr zu, da meine Gedanken immer wieder zu meinem Handy wanderten. Ich ärgerte mich darüber, dass ich mir von Benno so leicht Angst einjagen ließ und versuchte, das diffuse Panikgefühl abzuschütteln. Wie wollte ich mich mit Sterbenden auseinandersetzen, die in ihrer letzten Lebensphase vielleicht ebenfalls eine verquere Wahrnehmung entwickelten? Wie sollte ich mich von jemandem abgrenzen, der Realität und Interpretation nicht mehr auseinanderhalten konnte, wenn ich an seinem Sterbebett saß?

Als Marie den Kurs geschlossen hatte und die Teilnehmer in ihre Jacken schlüpften, ließ ich mein Handy ausgeschaltet. Ich wollte mich Bennos verdrehtem Zorn heute Abend nicht mehr stellen. Der Tag war anstrengend und lang  genug gewesen. Ricki umarmte mich zum Abschied fest und drückte mir einen Kuss auf die Wange. Normalerweise war sie eher der distanzierte Typ, Bennos Nachrichten schienen sie wirklich getroffen zu haben. Marie hielt mich zurück, als ich nach meiner Jacke griff.

„Sie wollten mit mir sprechen?“

„Äh, ja…“ Ich zuckte die Achseln. „Das hat sich eigentlich schon wieder erledigt. Ich habe auch eine Mail und einige Sms von Benno bekommen.“

Ihr Blick war aufmerksam und freundlich. „Das macht Ihnen Angst, nicht wahr?“

Ich fühlte mich, als hätte sie mich bei etwas Verbotenem erwischt und nickte langsam. „Ein wenig.“

„Das ist in Ordnung“, sagte sie. „Jeder hat einen Schwachpunkt, das hier ist eben Ihrer. Das macht Sie nicht zu einer schlechten Begleiterin.“

„Hm“, machte ich ausweichend. Ich freute mich über Maries freundliche Ansprache, aber fühlte mich inzwischen bleischwer und müde. „Danke.“

„Wissen Sie, was Sie jetzt tun sollten?“, fragte sie und lachte, als ich die Stirn runzelte. „Sie sollten sich ins Bett legen und schlafen. Sie sehen nämlich müde aus.“

Ich musste lächeln. „Ja, das werde ich. Danke.“

Wir verabschiedeten uns. An der Tür blieb ich noch einmal stehen und sah zurück. Ich hatte mich kein einziges Mal gefragt, wie sich Marie mit der Situation fühlte. Schließlich stand sie in Bennos Kreuzfeuer und hatte sich vor dem gesamten Kurs für Bennos Nachrichten rechtfertigen und erklären müssen.

„Ich glaube Ihnen“, sagte ich, bevor ich die Tür schloss. Marie lachte.

Zu Hause schaltete ich mein Handy ein und löschte die Sms von Benno, ohne sie zu lesen. Heute Abend fühlte ich mich nicht in der Lage, meinem Schwachpunkt zu widerstehen. Und Bennos Beleidigungen würde ich vermutlich zu dicht an mich heranlassen. Ich fand es schade, auf diese Weise von ihm Abschied zu nehmen, gleichzeitig war ich allerdings erleichtert, dass Marie nicht so intolerant war, wie Benno sie hatte darstellen wollen. Es wäre mir schwer gefallen, den Kurs weiterhin zu besuchen und Maries Ratschläge anzunehmen, wenn ich ihr Bennos vermeintlichen Rauswurf übel genommen hätte.

Mit dem Vorsatz, irgendwann einmal etwas gegen meine Angst vor psychischen Erkrankungen zu unternehmen, und dem Wissen, dass ich mir damit noch Zeit lassen konnte, schlief ich ein. Von Benno habe ich bis heute nichts mehr gehört.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

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  1. Psychische Krankheiten sind nach meiner Erfahrung auch deshalb so beängstigend, weil die Grenze zum normalen Empfinden so dünn und unklar ist. Wir alle kennen Angst, Trauer, Wut, Freude. Je nach Erkrankung sind diese Emotionen bei psych. Erkrankten jedoch maßlos und vom Betroffenen nicht oder nur eingeschränkt kontrollierbar. Man denke nur mal an die maßlose Energie eines manischen Menschen.

    Ebenso ist es mit der Kränkbarkeit. Bei manchen Erkrankungen ist diese sehr ausgeprägt, was ein gesunder Mensch einfach wegstecken kann, kann für einen psychisch Kranken eine Verletzung darstellen, mit der er lange Zeit nicht zurecht kommt.
    Auch Bennos Verhalten gibt es in normalen Ausmaß: man versteht etwas falsch, fühlt sich zurückgewiesen oder missverstanden oder es gelingt uns nicht, unser eigentliches Anliegen klar auszudrücken, sodass andere uns missverstehen. Ist das Selbstwertgefühl sowie schon angekratzt ist es leichter, die Schuld im Außen, sprich beim Anderen zu suchen, statt das eigene Verhalten zu reflektieren.
    Ein echt spannender Artikel!

    Antwort
  2. Hallo Alina,

    beim Lesen deiner Geschichte ist mir ein Vorfall wieder eingefallen, der mich letztes Jahr in dieselbe Panik versetzt hat. Ein schwuler Kollege von mir, eigentlich bis dahin ein ganz lieber Mensch, fühlte sich von mir angegriffen.

    Ich hatte ihn zusammen mit anderen Kollegen zu einem Motto-Essen eingeladen, jeder sollte was mitbringen, was zu einem bestimmten Motto passte. Irgendwas ist dann im Vorfeld schief gelaufen, irgendwie habe ich ihn offensichtlich an einem wunden Punkt getroffen und innerhalb von ein paar Stunden hatte ich den totalen Email-Krieg am Hals.

    Ich versuchte immer wieder zu schlichten, ihn wieder zu beruhigen, aber seine Mail kamen wie Peitschenhiebe. Eines nach dem anderen, und eines schlimmer als das Andere. Zum Schluss mit ganz bösen Beleidigungen.

    Und auf jede Mail, die ich an ihn alleine beantwortete, kam eine bitterböse Mail zurück. Und er hatte machte sich jedes Mal die Mühe, die Adressen aller anderen Kollegen mit reinzukopieren. Die waren genauso vor den Kopf gestoßen wie ich. Als eine Freundin versucht hat zu schlichten, hat er die Beschimpfungen ihr gegenüber noch ausgedehnt. Sie meinte nur ich würde nicht wissen wollen was da alles drin gestanden habe.

    Ich weiß dass der Kollege spielsüchtig ist und in seinem Leben mit mehr als diesem Problem zu kämpfen hat. Ich weiß dass er ein schweres Leben hinter sich hat, mit einem prügelnden Vater und fehlende Anerkennung und Hilfe von irgendwem.

    Trotzdem hat mir seine Reaktion Angst gemacht. Ich habe Wochen gebraucht um es wieder aus meinem Leben ausklammern zu können. Wenn ich darüber schreiben, macht es mir allerdings immer noch ein mulmiges Gefühl.

    Und es hat mich sehr viel vorsichtiger gemacht. Schade dass so ein Mensch die Macht hatte mir etwas von meiner Unbekümmertheit zu nehmen. Ich habe seitdem kein Motto-Dinner mehr veranstaltet

    Antwort
  3. Ich gebe ja zu, dass ich auch einen Knacks habe, aber wie man die Tatsachen so verdrehen kann. Vielleicht hatte er einfach total Stress mit dem Gedanken der Geschlechtsumwandlung oder so, sodass er das falsch interpretierte. Manchmal kann man, wenn man viel in der Zeit damit zu tun hat, alles negativ interpretieren. Natürlich ist das sehr schade S:

    Liebe Grüße,
    Sarah ♥

    Antwort
  4. Benno scheint in der Tat ein psychisches Problem zu haben. Merkwürdig schon, dass er völlig falsch verstanden hat, was Marie gesagt hat. Wenn ich dazu noch lese, wie aggressiv er auf die vermeintliche Kränkung reagiert hat, dann frage ich mich, ob er überhaupt als Sterbebegleiter geeignet wäre.

    Was Marie betriftt – ich habe nach deinen Schilderungen das Gefühl, dass sie solchen Konflikten mit einer großen Gelassenheit begegnet. Sie lässt solche Vorfälle gar nicht an sich ran, betrachtet das Ganze eher wie ein absurdes Theater. Auf diese Art bewahrt sie ihre Professionaliät und kann auch in schwierigen Situationen richtig reagieren. Bewundernswert.

    Antwort
  5. Ich bin selber von einer psychischen Krankheit betroffen. Ich kann die verwirrenden und intensiven Empfindungen schon nachvollziehen. Ich denke aber auch, dass es für „normale“ Menschen ziemlich erschreckend ist, plötzlich in einen solchen Abgrund zu sehen. Auch die negative Sicht auf die Dinge verstehe ich, den Stress und damit verbundene Panik, die Wut. Die lässt einen oft Blind werden. Ich denke er hatte einfach starke Probleme das ganze zu kontrollieren.

    Antwort

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