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Praktikum auf der Notaufnahme – wie in einem schlechten Film

Veröffentlicht am

Der Alltag auf der Notaufnahme war entgegen der durch die Medien verbreiteten Annahme nicht immer spannend. Die meisten Notfälle glichen sich. Schnittwunden, undefinierbare Bauchschmerzen, Atemnot, Kreislaufprobleme…diese Erscheinungen wiederholten sich am laufenden Band. Nach einer Woche hatte ich mich an die Abläufe gewöhnt und konnte die Schwestern und Pfleger bei ihrer Arbeit unterstützen, ohne komplett nutzlos im Hintergrund zu stehen. Ich machte die EKGs, legte Zugänge, erledigte Botengänge zum Labor und zum Röntgen, schob Patienten hin und her, leistete Patienten Gesellschaft, die allein in einem Behandlungszimmer warten mussten und war für alle kleineren Handgriffe zuständig, die von den Schwestern gern abgegeben wurden.

Inzwischen hatte ich festgestellt, dass ich es gut vertrug, Blut zu sehen. Auch in Massen, Pfützen und Augenhöhlen. Doch womit ich nicht gerechnet hatte, war die Intensität der Gerüche, die sich für mich als viel größeres Problem erwies. Eine ältere Patientin wurde in Behandlungszimmer Sechs geschoben. Schon beim Betreten des Zimmers drehte sich mir der Magen um.

Sanne reichte mir einen mit Orangenöl beträufelten Mundschutz, den ich dankbar im Nacken verknotete. Er reichte zwar nicht aus, um den Geruch komplett zu überlagern, doch er stach weniger aufdringlich in der Nase. Ich sah mir die Patientin an und überlegte, was den Geruch erzeugte. Sie war mit verkrusteter, dunkler Flüssigkeit beschmiert, das Gesicht und der Oberkörper waren vollständig bedeckt. Es sah ein wenig aus wie getrocknetes Blut. Aber altes Blut roch anders.

„Was ihr hier seht, ist Kehrstuhl“, sagte der diensthabende Arzt und kreiste mit dem Finger über den befleckten Körperstellen der Patientin. „Das sieht man nur sehr selten. Ihr habt wirklich Glück!“ Er nickte Sanne und mir zu. „Kehrstuhl bedeutet, dass diese Frau ihren Stuhl erbrochen hat.“

Ich schluckte. „Wie kann das denn passieren?“

Mit gerunzelter Stirn schlug der Arzt die Patientenakte auf. „Diese Dame hatte vermutlich einen Darmverschluss. In der Vergangenheit litt sie öfter unter epileptischen Anfällen. Wenn beides zusammenfällt, kann das schon mal passieren. Aber eigentlich sehr selten.“

Er schlug die Patientenakte zu und strahlte uns an. Er war der Einzige im Raum ohne Geruchschutz. „Wer möchte diese nette Dame waschen?“

Die Schwestern und Pfleger starrten an die Decke, die Wand, den Boden. Sanne und ich sahen nicht schnell genug weg.

„Sehr schön“, sagte der Arzt und verließ den Raum. Die Schwestern und Pfleger feixten ein wenig, als sie ihm folgten. Sanne und ich sahen uns an. Schließlich seufzten wir und griffen nach den Plastikschürzen auf dem Rollwagen.

Wir zogen uns beide zwei Paar Handschuhe übereinander an und legten uns mehrere Waschlappen zurecht. Die Patientin war nicht wirklich bei sich, doch wir redeten munter auf sie ein, während wir arbeiteten. Die Kruste ließ sich nur äußerst schwer entfernen. Über einige besonders verkrustete Stellen legten wir warme, feuchte Waschlappen, um sie einzuweichen und der Patientin durch festes Schrubben nicht allzu sehr wehtun zu müssen.

Anne steckte den Kopf durch die Tür. „Wir haben hier eine Aufgabe für einen angehenden Rettungsassistenten! Lass Sanne machen und komm mit!“

An ihrem Gesicht sah ich, dass es sich um eine Aufgabe handelte, die sie unbedingt loswerden wollte. Ob es noch schlimmer roch als Kehrstuhl? Ich schmiss die Handschuhe und die Schürze in den Müll, zog mir den Mundschutz vom Gesicht und folgte Anne auf den Flur der Notaufnahme. Sie zeigte auf die große Doppeltür, durch die die Betten geschoben wurden.

„Durch diese Tür kommt gleich unser nächster Patient. Er ist in Polizeibegleitung. Ich will, dass du seine Wunde ein wenig wäscht, damit wir sie besser beurteilen können, und ihn im Auge behältst. Hast du alles verstanden?“

Ich nickte und fragte mich, was der Patient angestellt hatte und warum er in Polizeibegleitung auf der Notaufnahme erschien. Zwar hatte ich schon mit der Polizei im Rettungsdienst zu tun gehabt, aber wir hatten sie immer nur abgelöst. Zum Beispiel als eine Frau behauptete, ihr Mann hätte ihr mit einem Küchenmesser den Bauch durchstochen. Die Polizei fand eine verwirrte Frau ohne Verletzungen vor, also überließ man uns das Feld, da offensichtlich kein Strafbestand und auch kein Mann existierte. Wirklich zusammengearbeitet hatte ich mit Polizisten daher noch nicht.

Die Tür öffnete sich und ein Polizist trat ein. „Wir haben ihn dabei. In welchen Raum sollen wir mit ihm?“

„Raum Acht.“ Ich öffnete die Tür und hielt sie für den Polizisten auf. Zwei weitere Polizisten betraten den Flur, in ihrer Mitte stampfte ein großer breitschultriger Mann die Fliesen entlang. Er hatte einen kahl rasierten Schädel und sah sehr verärgert aus. Seine linke Schläfe war voller Blut und wies ein Loch auf. Entgeistert starrte ich ihn an. Er starrte zurück, während er in den Behandlungsraum Acht geschoben wurde.

Kein Problem, dachte ich, drei Polizisten sind dabei, falls etwas sein sollte!

Zwei der Polizisten waren massig und sahen so aus, als würden sie mit dem Patienten im Falle einer Konfliktsituation fertig werden. Lediglich einer der Drei war so klein wie ich und noch dazu sehr zierlich. Der Patient setzte sich auf die Kante der Liege und war somit nur noch einen Kopf größer als ich. Mit verkniffenen Lippen taxierte er mich und die Polizisten. Er schien mit seiner Situation nicht allzu zufrieden zu sein.

„Was soll die Schnalle hier?“, fragte er. Die Worte kamen verwaschen und unsauber aus seinem Mund. Vielleicht würde ich auch so klingen, wenn ich ein Loch im Kopf hätte.

Ich wandte mich an die Polizisten und fragte, was überhaupt vorgefallen war. Sie erklärten mir, dass sich der Patient während eines Streits mit seiner Freundin selbst in den Kopf geschossen hatte. Die Freundin saß im Warteraum. Die Waffe war sichergestellt, es handelte sich um eine Schreckschusspistole. Das erklärte, warum der Patient noch laufen und reden konnte. Die Waffe hatte dennoch ein Loch in seinen Kopf gerissen. Als ich an ihn herantrat und die Wunde vorsichtig spülte, war ich ein wenig erschrocken, wie tief die Flüssigkeit ins Fleisch lief.

Ich hörte die Tür klappen. Einer der Polizisten hatte den Raum verlassen.

„Er holt sich nur einen Kaffee“, sagte der größte Polizist. Sein Handy klingelte. „Oh, Moment.“

Er verließ ebenfalls den Raum. Ich blieb zurück mit dem grimmigen Patienten und dem kleinsten Polizisten.

„Ernsthaft?“, flüsterte ich und zuckte zusammen, als der Patient mit dem Kopf ruckte.

Ich beschloss, mich mit ihm zu unterhalten, um ihn davon abzuhalten, seine Aggressionen im Behandlungszimmer auszuleben. „Ähm, was machen Sie denn beruflich?“

„Arbeitslos!“, schnauzte der Mann zurück.

„Aha. Und was machen Sie dann so den ganzen Tag?“

Er sog scharf Luft zwischen die Zähne und knurrte: „Diese Drecksschlampe. Diese miese Hure.“

„Hm, reden Sie jetzt von Ihrer Freundin?“, fragte ich nach und schielte zur Tür. Ob die beiden großen Polizisten noch einmal wiederkamen?

„Mieses Drecksstück. Das nächste Mal bring ich sie um. Schlampe.“

„Soso“, sagte ich, weil mir nichts Besseres einfiel. „Klingt nicht so harmonisch.“

Er brabbelte weiter Beleidigungen vor sich hin, bis ihm auffiel, dass er genauso gut mich anfahren konnte.

„Du kleine Hure, ich könnte dich einfach erwürgen!“

Ich trat einen Schritt zurück und griff nach einem Waschlappen. Langsam ging mir der Patient gehörig auf die Nerven. „Ich bin hier, um Ihnen zu helfen. Entweder Sie nehmen meine Hilfe an oder ich werde gehen. Außerdem tragen Sie Handschellen. Das Erwürgen könnte schwierig werden.“

Er starrte mich mit großen leeren Augen an. Mein Herz schlug schneller. Ich umklammerte den Waschlappen, als wäre er eine Waffe und starrte zurück.

„Du bist genau wie meine Freundin“, knurrte er. Der dünne, kleine Polizist tat so, als müsste er ganz dringend Sms lesen. Offensichtlich war ihm die Situation unangenehm.

Durch die Schräglage seines Kopfes lief dem Patienten Blut in den Mundwinkel. Widerwillig schüttelte er sich. „Mach das weg, du Flittchen!“

Seine Stimme dröhnte durch den beengten Raum. Wütend legte ich den Waschlappen neben ihn auf die Liege. „Machen Sie es doch selbst!“

Mir fehlte einfach noch die professionelle Distanz. Und seine unberechenbare Ausstrahlung jagte mir Angst ein. Glücklicherweise betrat die Psychiaterin den Raum, eine rüstige Frau, die sich von nichts aus der Ruhe bringen ließ.

„Du kannst gehen, ich bin jetzt da“, sagte sie zu mir. „Draußen wird deine Hilfe gebraucht.“

Ich nickte und verließ das Behandlungszimmer. In meinem Rücken spürte ich den bösen Blick des Patienten. Sanne fing mich ab und zog mich in die Kaffeeecke. Es tat gut, für einen Moment die Beine auszustrecken und sich sicher zu sein, dass man in den nächsten Minuten nicht erwürgt wurde. Ich erzählte ihr von dem Patienten und sie erzählte mir von seiner Freundin, die sie im Warteraum besucht hatte.

„Total die aufgetakelte Tussi“, flüsterte sie. „Blondierte Haare bis zum Po, drei Schichten roter Lippenstift und eine Jahreskarte im Solarium.“

Wir kicherten vor uns hin, bis die Psychiaterin wieder auftauchte. Sie schüttelte den Kopf, als wir sie fragend ansahen.

„Er hat Glück gehabt. Die Schreckschusspistole hätte ihn auch töten können. Der Patient ist nicht psychisch krank“, sagte sie und stellte die Kaffeemaschine an. „Er ist nur bescheuert.“

Sanne und ich blieben ernst, bis sie den Raum wieder verließ. Dann brachen wir in Gelächter aus, bis uns die Tränen kamen.

Als wir schließlich unsere Arbeit wieder aufnahmen, waren die Angst und Nervosität bereits wieder vergessen. Doch für die nächsten ruhigen Routinefälle war ich sehr dankbar.

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Über Alina

Ich bin Studentin und angehende Sterbebegleiterin. Ich habe schon immer gern besonders älteren Menschen beim Erzählen zugehört und möchte in meinem Blog berührende Lebensgeschichten sammeln, damit wir gemeinsam wieder lernen können, den Menschen um uns herum zuzuhören. Falls Ihr Fragen oder Anliegen habt, kontaktiert mich jederzeit unter pin.chen[at]live.com.

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  1. in der Notaufnahme kann man neben dem „Üblichen“ immer mal wieder solche Geschichten erleben. Ich habe es immer gemocht, wenn ich für die Notaufnahme eingeteilt war. V.a. weil man dort auch wirklich „was tun“ kann und nicht nur das übliche Stationsgedöns machen muss 😉

    Deine Begegnung mit dem Hirnamputierten lief doch erstaunlich gut, ich bin mir sicher, dass nicht jeder so schlagkräftig reagiert hätte wie du! 🙂

    Antwort
    • Ja, da hast du Recht. Ich mochte das direkte Arbeiten, weil manche Fälle eben doch sehr von der Routine abweichen. Auf welcher Station bist du denn aktuell?
      Na ja, ich hatte auch Glück, dass ich nicht zu viel Zeit mit ihm verbringen musste. Vermutlich wäre er dann doch irgendwann sauer geworden. Und der schmale Polizist wäre wohl auch keine große Hilfe gewesen. 🙂

      Antwort

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